Egon & Nada

Hinter mir liegt eine unruhige und schmerzhafte Nacht. Hals tut weh, Kopf auch und die Nase ist verstopft.

Gehst du zum Arzt, fragten mich meine Lieben heute Morgen. Nein. Ich gehe nicht zum Arzt.
Fieber habe ich nicht und der Kaffee schmeckt nach Kaffee, also sieht alles nach einer stinknormalen Erkältung aus. Ich lege mich hin, trinke Tee, halte Ruhe und atme einfach vor mich hin. Vielleicht schreibe ich ein wenig, einfach so, was mir in den Sinn kommt. Passt schon. Ab ins Bett mit Notebook und Hund.

Ruhe, atmen, einfach so und dann auch noch der Hund im Bett? fragt Egon gereizt, du hast zu tun, meine Liebe!
Was ist mit deinen Plänen, deinen Vorhaben, deinen Ideen; wie wär’s denn mal mit Haushalt und Wäsche? Und wann willst du dich um den Garten kümmern? Da siehts aus wie Kraut und Rüben. Was sollen denn die Nachbarn denken, hä?
Auf geht’s. Streng dich an! Beeil dich! Hopp hopp. Ohne Fleiß kein Preis. So ein kleiner Schnupfen kann ja wohl nicht der Grund sein, sich so hängen zu lassen.
 
Sie fragen sich wer Egon ist?
Egon ist mein Ex-Ego.
Und seit einigen Tagen liege ich mit ihm im Clinch. Es steht nicht gut um uns. Ehrlich gesagt steht es schlechter als schlecht. Egon und ich müssen reden. Oder schweigen. Oder uns irgendwie anders einigen.

Egon ist so ein Typ, der kämpfen muss. Und zwar immer und um alles. Egon muss sich auch ständig rechtfertigen oder ich mich vor ihm; und Egon fühlt sich bei jeder Kleinigkeit sofort angegriffen.

Ach, und Egon ist Meister darin, zu vergleichen, zu bewerten und zu beurteilen. Starker Typ, dieser Egon. Er ist souverän, unabhängig und hat alles im Griff und unter Kontrolle. Unter Perfektion macht er es nicht, mein Egon.
Anerkennung ist Balsam für seine hungrige Egon Seele. Und es ist ihm superwichtig, dass man ihm mit Respekt und Wertschätzung begegnet.
Egon hat es auch voll drauf, sich zu emotionalen Hochseilakten aufzuschwingen. Er nennt es dann manchmal „hochsensibel und empathisch“.
Was kann er sich in Dinge reinsteigern. Sie glauben es nicht, wenn Sie es nicht selbst erleben.

Manchmal opfert Egon sich auf. Er seufzt dann schwer, jammert und zetert.
Und wenn man ihn dann fragt, warum er jammert, dann sagt er, dass man das sowieso nicht verstehen würde und wendet sich beleidigt ab.
So ist er, der Egon.
Egon weiß auch fast alles. Jedenfalls weiß er sehr viel mehr als ich. Und Schuld sind sowieso immer die anderen.

Kurz, Egon ist ein echt anstrengender Typ. Er braucht das Mehr zum Leben.

Ich liebe das Meer, die Ruhe, die Stille und Nada.

Sie fragen sich wer Nada ist?

Nada tauchte vor langer Zeit aus dem Nichts auf, wir waren uns auf Anhieb sympathisch und trafen uns immer öfter.
Mit Nada geht’s mir immer prächtig und das passte Egon natürlich gar nicht. Er setzte mich unter Druck, machte mir Angst und stellte üble Prognosen über mein sinnloses Leben auf.

Naja, und jetzt habe ich heute eben diese Halsschmerzen und das Kopfbrummen und die verstopfte Nase zu Besuch. Und diese drei unterstützen mich gemeinsam mit Nada darin, Ruhe zu halten und ganz im Stillen mit Egon Schluss zu machen.
Jeder, der schon mal mit jemandem Schluss gemacht hat weiß, dass das nicht so einfach ist. Weil eben alles irgendwie immer und ewig mit allem verbunden ist und bleibt. So ist das Leben eben.
Doch wenn wir die ganzen Kinkerlitzchen und diesen wilden Tanz um Haben, Können, Wollen mal kurz lassen, spüren wir ab und zu für einen klitzekleinen Moment etwas sehr Feines und Reines. Nada. Nichts. Alles.

Ende der kleinen Metapher.

Bis bald 😉





Die Seifenblase

Erinnerst du dich noch an diesen Sommer damals? Er dauerte mindestens eine Ewigkeit. Die Sonne schien täglich von morgens um fünf bis abends um halb zehn. Es regnete nur nachts.
Wenn es gewitterte, lagen wir mit zusammengebissenen Milchzähnen auf der Besucherritze im Ehebett und zählten die Zeitspanne zwischen Blitz und Donner. Eins, zwei, drei, vier, fünf und hielten uns die Ohren zu, wenn es schließlich mächtig krachte. Ein schaurig-schönes Abenteuer. Erlebt in der Sicherheit des elterlichen Federbettes.
Wir waren viele und wir spielten auf der Straße und in den verwilderten Gärten in der Nachbarschaft. Von Ostern bis Anfang September trugen wir Klapperlatschen oder liefen barfuß.
Die kratzige Schurwolle unserer Strumpfhosen riss uns im Herbst die letzten Schorfreste von den ramponierten Knien. Vorsichtig glitten unsere Finger über die zarte, rosafarbene Haut, die sich unter der Kruste gebildet hatte. Wir spürten, wie empfindlich die Stelle war. Ahnten wir, dass noch viele Verletzungen folgen würden? Dass wir uns noch sehr oft blutige Nasen und Knie einhandeln würden?
Ich war fünf und saß auf den Steinstufen vor unserem Haus. Mein dreckiger Kinderfuß steckte in einem dunkelbraunen Wildlederschuh.
Wer eine Schleife binden konnte, der gehörte zu den Großen in unserem Hinterhof.
Ich wollte unbedingt eine Schleife binden können. Ich wollte endlich groß sein. Mindestens so groß wie Jürgen. Der war nämlich schon zehn und fuhr ein echtes Jungenfahrrad -mit Stange!

Ich war so vertieft in meine Aufgabe, dass ich dich nicht wahrnahm. Erst, als eines der anderen Kinder meinen Namen rief, blickte ich auf und entdeckte dich.
Wie hübsch du warst. Und so schillernd! Du schwebtest auf mich zu. In dir lag meine ganze Kinderwelt in ihrer bunten Vielfalt. In dir lagen Vergänglichkeit und Versprechen zugleich.

Ich wollte dich für mich haben und am liebsten in dich hineinkrabbeln und mit dir wegfliegen. Doch in dem Augenblick, als ich meine Hand nach dir ausstreckte, machte es zart „plonk“ und du warst verschwunden. Alles was von dir blieb, waren ein paar Seifenspritzer auf meiner Hand.

Einige Tage später hatte ich Geburtstag.

Auf dem Wohnzimmertisch brannten fünf Kerzen, die um einen Topfkuchen herum aufgestellt waren.
Ein glänzendes, feuerrotes Kinderfahrrad war der Traum aller Kinder, die ich kannte.
Für mich hatte sich dieser Traum erfüllt. Da stand ein nagelneues, rotes Fahrrad.
Doch ich hatte nur Augen für die kleine, blaue Plastikflasche, die unscheinbar in dem Weidenkörbchen lag, das am Fahrradlenker befestigt war.
Vorsichtig drehte ich den Verschluss auf. Mein Herz klopfte wie wild. Ich zog langsam den roten Stab aus dem Fläschchen und blies vorsichtig durch den Plastikring.

Da warst du wieder. Meine Seifenblase! Und dir folgten viele andere bunt schillernde Kugeln.
Ich flog mir dir in fremde Länder und schaute mir die Wolken aus der Nähe an. Meine Kinderträume und Wünsche schickte ich mit dir zu den Sternen des Universums.
Kurze Zeit später konnte ich eine Schleife binden und ohne Stützräder Fahrrad fahren.
Ich kam in die Schule und wieder heraus, traf das Leben und die Liebe.

Du stehst in deiner blauen Plastikflasche mit dem roten Stab im Küchenschrank. Dich frage ich um Rat, wenn ich so etwas Ähnliches zu bewältigen habe, wie Schnürsenkel zu einer Schleife binden zu müssen.
Du erinnerst mich daran, wie wichtig ein kindliches Strahlen und Staunen manchmal ist. Meins und eigentlich das von uns allen, die wir längst die Klapperlatschen gegen vernünftige Schuhe und die scheinbar ebenso vernünftigen Dinge des Lebens eingetauscht haben.
Ende

Das Bild zum Text.
Danke Reiner!
https://wassertiger.com/

Wahre Liebe

Als meine Liebe deine traf,
sie erste Blicke wagten,
und Schritte aufeinander zu,
berührt, verrückt, verzückt,
hielt die Welt den Atem an.

Als deine Liebe mit meiner spielte,
die Haut erhitzte, verglühte,
die Leidenschaft durchbrannte,
besoffen, betroffen, bekloppt,
tanzte die Welt Samba.

Als meine Liebe deine verlor,
aus dem Blick, aus dem Gespür,
standen wir auf der Leitung,
und weltweit fiel der Strom aus.

Als deine Liebe meine wieder traf,
behutsam, zart, bewusst,
zersprangen die Ketten der Welt.

Als meine Liebe mit deiner alt wurde.
sie sich aneinander lehnten und Geschichten
aus ihren Tagebüchern vorlasen, erkannten wir:
Wahre Liebe fordert nicht,
sie schenkt sich, sie lässt, sie fließt, sie ist.
Und das Universum lächelte und schaltete auf Flutlicht.

Bis bald und einen schönen Sonntag!

Schweigen im Kloster und die Folgen

Oh mein Gott! Dreimal hintereinander fünfundzwanzig Minuten?

Noch sitze ich bequem mit einem Kissen im Rücken an die Wand gelehnt. Mein Wolltuch über den Knien, die Beine lang ausgestreckt. Entspannt, ruhig, seelensatt irgendwie, sitze ich da, als die frohe Botschaft mich erreicht.
Und ich weiß, dass mir in Kürze wieder die Füße einschlafen werden, weil ich mit einer kleinen Bank unter dem Hintern und angewinkelten Beinen in eine aufrechte Sitzhaltung kommen werde.

Schulter und Nacken werden sich schwertun, locker und entspannt zu bleiben. Doch das alles werde ich ausblenden können und erst nach Beendigung der Sitzung spüren. Alles eine Frage der Übung.

Als würde ich einen Hoffnungsschimmer gut gebrauchen können, streift mich ein Sonnenstrahl und ich schließe kurz die Augen und genieße den Moment.

Hinter mir liegen etliche Einheiten kontemplativer Innenschau und viele Stunden des Schweigens und stillen Betens.
Als Bruder Jakobus an diesem sonnigen Sonntagmorgen, dem letzten Seminartag, seine Ankündigung macht, ist mir auf einmal alles zu viel.

Zu viel Einkehr, zu viel Stille, zu viel Kontemplation. Wir sollen zum Ende des Kurses tatsächlich einen kontemplativen Marathon hinlegen? Dreimal hintereinander für 25 Minuten meditieren? Das ist ja mehr als eine Stunde!

Ich habe Erfahrung mit Meditation, Yoga, autogenem Training, Muskelentspannung und Autosuggestion.
Ich habe Erfahrung darin, mich auf ein Gebet einzulassen.

Diese Erfahrungen werden am Wochenende im Kloster Münsterschwarzach eine neue Qualität bekommen und in mir das Gefühl hinterlassen, dass mein weiterer Weg einen Fokus bekommen wird, der für mich das langsam und allmählich zur Vollendung bringen kann, was ich in mir trage.

Ein Leben eher im Hier und Jetzt, eher im Innen als im Außen, eher in Stille als im Lärm und der permanenten Reizüberflutung, eher in eine Richtung, die vom Kopf in den Bauch geht und schließlich im Herz ankommt.

Eher ein Leben das zeigt, dass Gott ein Begriff ist, der gefüllt werden kann mit dem, was menschlich ist.

Ein Leben im Fluss, das, wenn es endet vielleicht sogar über eine Idee von Weisheit verfügt, jedenfalls über Liebe, über Agape. So hoffe ich.

Nein, ich werde keine Nonne, ich bleibe nicht für immer im Kloster. Obwohl ich zugeben muss, dass es verlockende Momente gibt. Ich vermute, dass ich meinen Mann und meinen Hund nicht mitbringen dürfte und somit ist der Fall für mich klar.

Ich nehme mit und versuche umzusetzen und zu üben und mein kleines Leben zu leben. Es ist wie es ist. Und daraus mache ich das Beste. So oft ich kann.

Weniger im Denken, mehr im Spüren. Der Intuition vertrauen. Überhaupt mehr vertrauen, dass sich alles findet, dass alles Sinn macht, auch wenn ich es mit dem Verstand nicht verstehe.

Sich Zeit nehmen, achtsames Tun, sortieren, aufräumen, fokussieren. Ehrlich und wahrhaftig zu sich selbst zu sein und natürlich auch zu denen, die einem ans Herz gewachsen sind.
Und schließlich den Hochmut abzulegen, irgendetwas kontrollieren, manipulieren oder lösen zu können, was außerhalb der eigenen, sehr beschränkten Möglichkeiten liegt.

Am Sonntag Vormittag gehen wir noch einmal in eine intensive Übung, sagt Bruder Jakobus.
Das heißt, wir werden dreimal fünfundzwanzig Minuten in die Kontemplation gehen, jeweils unterbrochen durch eine Runde achtsames Gehen.
Manche von Ihnen denken sich jetzt, super, andere denken eher Oh mein Gott. Das ist alles in Ordnung.


Kann Bruder Jakobus meine Gedanken lesen? Ich jammere laut in meine Stille besagtes Oh mein Gott.
Es ist wohl eher seine lange Erfahrung mit der Kontemplation und mit Menschen, die ihn so ruhig und gelassen gemacht haben. Sein Glaube. Sein Leben in der klösterlichen Gemeinschaft.

Bruder Jakobus kommt alles andere als weltfremd oder entrückt ‚rüber. Ganz im Gegenteil.

Seine ruhige und klare Art lässt mich darauf vertrauen, dass es klappt mit den dreimal 25 Minuten. Und es lässt mich darauf vertrauen, dass es, wenn es nicht klappt, so sein darf. So ist das Leben. Mal läuft es und mal eben nicht.

Weil es ist wie es ist. Weil nichts besser oder schlechter ist. Weil Verurteilungen und Bewertungen keine Instanzen sind.

Ich spüre meine Angst. Die, die mir im Nacken sitzt. Die, die mir zu schaffen macht. Die Angst, nicht gut genug zu sein, etwas nicht auf Anhieb zu können, zu versagen, vielleicht aufgeben zu müssen; vielleicht weinen zu müssen, Schmerzen zu haben, aufzubrechen und das, was sich zeigt, nicht mehr unter Kontrolle halten zu können. Loslassen? Loslassen.

Emotionen dürfen sein. Sie sitzen im Körper. Angst, Hass, Groll, Wut, Trauer sind erlaubt. Es sind gesunde Emotionen. Sie wollen gesehen werden! Schauen Sie sie an, schauen Sie hin, was sie Ihnen sagen wollen. Und dann gehen Sie nach Innen. Das meiste von dem, was sich zeigt hat viel mehr mit Ihnen zu tun als mit dem Auslöser.

Irgendwann im Verlaufe dieses Wochenendes bin ich dankbar und sonst nichts. Während ich auf meiner Meditationsbank hocke und mich auf meinen Atem konzentriere, während meine Füße taub werden, habe ich auf einmal dieses Halleluja, diese Freude in mir. Ich freue mich darüber, dass ich hier bin und es so erlebe, wie ich es erlebe.

Ich freue mich, dass ich mit jeder Übung mehr meine Gedanken und Grübeleien lassen, weglassen kann.

Ich freue mich, dass ich bei aller Einkehr immer einen Blick für das Leichte und Komische behalte, dass ich mein Herzliches Sein spüre, das sich zu lachen traut.

Kontemplation und Humor, geht das, darf das sein?, frage ich in einem der Gruppengespräche.
Die Antwort darauf ist längst in mir. Klar darf das sein. Das ist Leben. Das ist Freiheit. Wo kämen wir denn hin, wenn wir moralinsauer und bis zum Anschlag bierernst durch das Leben schlüren?

Selbstverständlich, antwortet mir Bruder Jakobus und lacht.
Einige seiner Mitbrüder würden ihn zuweilen fragen, warum manche seiner Teilnehmer so ernst seien.
Nun, würde er dann antworten, an ihm läge es nicht. Die Teilnehmer hätten dann wohl Themen, die sie traurig oder ernst machen würden.

Das kann ich nicht begleiten, ist ein Satz von Bruder Jakobus, der es mir besonders angetan hat.
Sich abgrenzen. Die Verantwortung beim anderen lassen. Nur das tun, was in der eigenen Kraft steht.

Das Wochenende in Münsterschwarzach war ein Aufbruch!

Ob ich es Ihnen empfehle, dorthin zu fahren und ein paar Tage das klösterliche Angebot anzunehmen?
Das Essen ist okay, Handygebrauch unerwünscht, Rauchen auch.
Es gibt kaum Ablenkung. Kein Club, keine Szene, keine Shoppingmall.

Nur ein kleiner Buchladen, eine Klosterbäckerei und eine Klostermetzgerei. Viel Landschaft drumherum, eine Abtei, ein kleiner Garten, ein Labyrinth. Sportplatz.

Lassen Sie sich darauf ein, öffnen Sie sich, sagt Bruder Jakobus am Freitagabend, als unser Kurs beginnt.
Konzentration ist anstrengend. Konzentrieren Sie sich nicht. Machen Sie sich weit und offen für das, was in diesen Tagen passiert.

Sie werden spüren, ob und wann Ihre Klosterzeit gekommen ist. Für mich war es Gold.
Ich übe mich weiter in Kontemplation. Das ist mein Ding! Auch wenn jetzt wieder viele meiner Pläne und Ideen in Frage gestellt sind. Weil sich Fokus und Prioritäten verschoben haben. Weil mein Blick auf die Dinge des Lebens ein anderer ist als er vorher war.

Weil vor allem die Frage steht, ob das, was wir tun das ist, was uns innerlich nährt und blühen lässt.

Bis bald.



Von Sternstunden, gutem Brot und dem Zauber der kleinen Melancholie

Sie ist eine junge Frau und macht einen richtig guten Job!

Gut so. Mehr davon, mehr junge Frauen in guten Jobs und bitte auch gut bezahlt, weniger Chefs, die meinen, das Chefsein als Qualifikation reicht, so nicht, das geht anders, denke ich im Bruchteil einer Sekunde an vier unterschiedliche Geschichten aus dem Arbeitsalltag junger Frauen, die mir kürzlich zu Ohren kamen und frage kurz nach, Wie alt ist sie denn?

Anfang 40, antwortet mir meine Freundin und prostet mir mit einem Glas Merlot zu. Ich hebe mein Bierglas, wir sehen uns kurz an und dann lachen wir laut los.

Junge Frau mit Anfang 40?
Gefühlt sind wir selbst noch auf einer Altersskala zwischen 17 und 39 unterwegs.
Die Seele altert nicht, sie bekommt weder Falten noch dünnes Haar. Ganz im Gegenteil: Jede Wunde, die Narben im Herzen hinterlässt, macht die Seele klarer. Jeder Lebensring schmückt die Seele wie ein wertvoller, goldener Reif.
Wenn wir bei uns selbst und mit uns stimmig sind, dann kann das ziemlich sexy sein.

Auch dann, wenn wir mit 55 definitiv mehr an der 60 als an der 40 kratzen und an PMS und Wechseljahren gleichzeitig laborieren.

Wir reden an diesem Abend bei Wein und Bier über alles, was uns beschäftigt. Über die Veränderungen unserer Körper, die trotz Sport und gesunder Ernährung über uns hereinbrechen wie ein Platzregen aus Hefeextrakt.
Wir reden darüber, dass wir uns nicht mehr vor jedem ausziehen, sondern nur noch vor dem EINEN. Badeanzug anstatt Bikini, denn unser Bauch gehört uns und ebenso unser von A nach D mutiertes Dekolleté.

Wir reden über Ideen, Politik, Angst, Zweifel, Trauer, Söhne, Töchter und Männer, die von früher und die von heute.
Und all dies tun wir mit Respekt und jeder Menge Liebe. Liebe, dieses facettenreiche, tiefgründige, ewige Geschöpf.
Wir reden überlegt, mit Humor und in dem Bewusstsein, dass wir in einer Phase unseres Lebens angekommen sind, die ein Geschenk ist!

Wir feiern uns bei einem zweiten Glas weil wir wissen, wie wertvoll das Leben ist, wie wertvoll unsere Zeit ist.
Wir haben viel zu verschenken aber nichts zu vergeuden.

Wir wollen nicht mehr an Tischen sitzen, an denen über uns gelästert wird, sobald wir sie verlassen haben. Wir wollen Männer, die nicht unsere Hintern und Brüste geil finden, sondern uns als Frauen erkennen, begegnen und klar, auch begehren, mit Stil, mit Charakter, mit Respekt. Intelligente Männer, reflektierte Männer, emanzipierte Männer.

Wir stellen an diesem Abend fest, dass wir stimmig mit uns selbst sein wollen. Dass alles andere uns schadet und uns von uns selbst schmerzhaft entfernt und wir fragen uns, Sind wir zu Egoistinnen geworden?
Nein. Wir sind Frauen. Erwachsene Frauen, Mütter, Freundinnen, Partnerinnen, Geliebte. Wir sind für die da, die wir lieben, wir fühlen mit, wir helfen und wir sorgen gut für uns, damit wir das noch lange so tun können, wie wir es tun wollen.

Wir reden darüber, dass es die Songs unserer Epoche sind, die wir mit unserem satten Soul der 70er und 80er Jahre singen können, dass wir aber ebenso in der Lage sind, die neuen Lieder zu singen, auf unsere Art zu interpretieren, wenn wir wollen.
Denn wir müssen nur noch wenig.

Es gibt diese Sternstunden-Abende nach denen man satt und hungrig zugleich nach Hause geht, weil man sie in vollen Zügen genießen konnte, weil sie wie ein Füllhorn ihre Gaben über einem ausgeschüttet haben, weil man ohne eine dicke Schicht Make-up auf Haut und Charakter sein konnte. Zufrieden sein! In Aufbruchstimmung sein!

Der Herbst und das Älterwerden haben Gemeinsamkeiten. Sie kommen unaufhaltsam. Und was auch immer sie an Überraschungen bereit halten, es liegt an uns, wie wir damit umgehen. Denn der Herbst ist nicht das Ende. Er ist Teil eines Zyklus. Eines wiederkehrenden Zyklus.

Wir können in der Melancholie des Herbstes versinken, den Abschied betrauern, uns einen Trauerflor umlegen und mit Schlafzimmerblick an unserem Johanniskrauttee nippen. Wir können aber auch die Zartheit der Melancholie begrüßen, sie annehmen und uns vom Rot des Weines inspirieren lassen. Wir können lieben, auch dann, wenn das oder der oder die, die wir lieben nicht mehr in unserem Leben sind.

Ich habe lange nicht verstanden, was Menschen damit meinten, wenn sie sagten, sie würden den Weg nach Innen gehen. Wahrscheinlich war ich noch zu jung, Anfang 40 oder so.
Allmählich beginne ich die Tür zu diesem heiligen Raum der Ruhe und Einkehr einen Spaltbreit zu öffnen. Und es überrascht mich angenehm und warm, welche goldenen Schätze dieser Raum birgt.

Apropos Schätze. Ich betrete das Café Bossert in Werther, der kleinen Stadt am Teutoburger Wald.

Guten Morgen, wir haben ein neues Brot im Angebot. Kräftig, würzig, mit einer krossen Kruste. Ein Friesenbrot.

Ich fahre voll drauf ab: Auf freundliche Menschen, die Gedanken lesen können und auf krosskrustige Brote.
Und da mein Kopf schon wieder seit drei Tagen am Hämmern ist bin ich einfach nur froh, dass diese Zauberfrau des Bäckerhandwerks mir meine Wünsche von den zugequollenen Augen abliest. Sie ist genau richtig an diesem Ort! Sie ist ein Geschenk für ihren Brötchengeber und in diesem Moment auch für mich.

Und wir haben frisch aus der Backstube Pflaumenkuchen mit Streuseln, offenbart sie mir mit strahlendem Lächeln, Wann soll man Pflaumenkuchen essen, wenn nicht jetzt, in dieser Jahreszeit!

Ach, manchmal liebe ich das Leben auf dem Lande noch mehr als sowieso schon!
Zum Mittag gibt es heute Pflaumenkuchen mit Streuseln.


PS. Mich gehen die kleinen und große Ereignisse der Welt an. Sie zehren an mir. Moria liegt in Schutt und Asche, in Belarus werden Menschen verschleppt, weil sie ihre Meinung sagen.
Es brennt gefühlt an allen Ecken und Kanten, die Liste der Dinge, die wir nicht mehr so handeln können wie wir es gewohnt sind, wird immer länger.
Was kann ich tun? Wenig an den großen Dingen, einiges im Kleinen.

Zum Beispiel Respekt zeigen vor dem Leben und der Natur, freundlich sein und optimistisch bleiben oder werden. Trotz alledem. Das ist immerhin ein Anfang. Und last but not least, Ruhe bewahren, der Stille den Vorzug geben, wenn Worte zu viel oder zu wenig sind.

Und vielleicht, irgendwann im späten Winter dann spüren, dass Güte einzieht, in die Seele in meinem heiligen Raum.

Ihnen und euch eine gute und zuversichtliche Zeit, bis bald!