Wie ich dem Dirndl fast entkam

Es macht einen flachen Bauch und ein fantastisches Dekolleté. Außerdem tragen alle eins. Wir wollen dich im Dirndl sehen!

In diesem Jahr wird es passieren. Ich werde mit meiner Familie die Münchner Wiesn besuchen. Tochter und Schwiegertochter sind jung, wunderschön und schlank. Man könnte sie in Sackleinen kleiden und sie wären immer noch bezaubernde Hingucker. Im Dirndl sind sie geradezu eine Pracht!
Ich nicht.
Ich will eine Lederhose!

Eine Lederhose? Hochgezogene Augenbraue beim Schwiegersohn, tolerantes Grummeln vom Herrn Sohn. Musst du selbst am besten wissen, Mama.

Wir kaufen dir ein schönes Dirndl, Christine. Der Mann spricht das letzte Wort und ich fühle mich verkannt und überrannt und in meiner emanzipatorischen Attitüde nicht ernst genommen.

Ich will eine Lederhose, sage ich ganz leise.

Und verstumme.

Sieben Dirndl habe ich anprobiert! Siebenmal war es ein mühsames Stopfen, ziehen, und zerren. Mama im Stopfdirndl!
Tiefes Durchatmen ist nicht möglich. Ich brauche Hilfe beim Ankleiden. Meine Güte, jetzt schon? Ich bin noch nicht mal 60.
Das Knöpfen der Korsage erfordert präzise Feinmotorik und ich ahne, dass dieses stoffliche Gebilde meinem Appetit nach Bier und Händl Einhalt gebieten oder platzen wird.

Mein Bauch ist nicht flach im Dirndl. Er ist gebläht und schmerzt an diesem Samstag im Trachten-Outlet. Ich halte die Luft an und denke an die Frauen, die sich vor hundert Jahren mutig und kämpferisch aus den Korsetts befreiten.
Und an die, deren Arbeitstrachten den Damen der Oberschicht als Modell dienten.

Im Profil sehe ich aus wie ein Fass im Dirndl. Von Vorne gehts.
Das letzte Dirndl sieht dann doch ziemlich gut aus. Trotz Ballonbauch fühle ich mich erstaunlich wohl. Wie Obelix mit Schleife auf dem Bauch sich eben so fühlt.

Es ist natürlich das teuerste Dirndl. Klar. Logisch.
Ein Zeichen?

Ich habe eine Lederhose gekauft. Reduziert. Und dazu passende Haferlschuhe. Darin sehe ich aus wie ein handfester, zupackender Bursche.

Tolle Sache für die Hunderunde im Wald und das fesche Understatement im heimischen Garten.
Auch als Provokation der puritanisch-ostwestfälischen Mentalität hat sich sich mein Outfit bereits bewährt.
Aber für die Wiesn in München?

Es ist unvernünftig, sich ein Kleidungsstück zu kaufen, das nur ein einziges Mal getragen wird! Und die Lederhose macht sich auf jede Fall bezahlt.

Aber wer sagt, das ich das Dirndl nur einmal tragen werde?
Vielleicht entdecke ich meine Lust an bayrischen Volksfesten.
Vielleicht lasse ich überhaupt kein Oktoberfest mehr aus zwischen Flens- und Freiburg.

Ich habe mir online ein Dirndl bestellt.
Hoffentlich kommt es noch pünktlich an und passt.

Denn sonst müsste ich mit einer Lederhose auf die Münchner Wiesn.

Na Servus,

Christine

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