Wer will was von wem woraus

Kommt doch nicht mehr drauf an, ist ja mehr Hobby als alles andere, du musst das ja nicht machen, einen Job bekommst du eh nicht mehr, lass dich doch nicht so unter Druck setzen, mach doch was Sinnvolles, Ehrenamt oder nochmal beruflich durchstarten, geh in die Politik, du hast doch jede Menge Freizeit, deine Luxusprobleme möchte ich mal haben.

Seitdem ich vor Erreichen des Rentenalters meinen Job geschmissen, mich an der Uni für Rechtswissenschaften eingeschrieben habe und ansonsten das Pensum Haus, Hund und Garten abarbeite, geht es mir einerseits sehr gut und andererseits sehr schlecht.

Gut geht es mir, weil Lernen Lebenselixier für mich ist.
Hätte mir vor 20 Jahren jemand prophezeit, dass ich mal Jura studieren würde, hätte ich ihm einen Vogel gezeigt. Jura, ausgerechnet dieses staubtrockene Fach für arrogante Korinthenkacker. Nie im Leben.
Nebenbei erwähnt war es nicht selbstverständlich, diesen Studienplatz zu bekommen.
Und jetzt sitze ich in den Vorlesungen und sauge alles auf was irgendwie geht.

Meine Bettlektüre ist das Strafgesetzbuch. Meine größte Herausforderung ist die juristische Sprache und die Logik des Gutachtenstils, ich interessiere mich für die Verfassung und poche auf ihren Schutz. Freiheit und Sicherheit sind Begriffe mit schätzenswertem Gehalt.

Schlecht geht es mir, weil ich natürlich weiß, dass ich wahrscheinlich mit all dem Wissen nur noch wenig anfangen kann. Ich bin manchmal traurig, habe das Gefühl, Chancen verpasst zu haben. Und es wabert die Idee ganz anderer Lebensentwürfe als den tatsächlich gelebten in mir herum. Die Crux der Möglichkeiten und das stetige Aufweichen der Rollenbilder steht in einem krassen Verhältnis zu meiner Lebenszeit.

Das sind die Hormone, das ist die beginnende Herbstmelancholie, das ist deine Sensibilität, denk nicht so viel, da musst du durch!

Mein Mittelfinger zuckt.
Einen Scheiß muss ich. Alles was ich muss, ist das zu tun, was zu mir passt. Jetzt.

Egal wie alt ich bin, egal was andere darüber denken oder dazu sagen. Ich will mein Ding machen, denn solange ich nicht tot bin, bin ich lebendig.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass sich in das Zeitfenster der persönlichen Freiheit immer mehr Ansprüche und Erwartungen hinein drängeln. Tu dies, lass das, iss so, achte hierauf, kauf alles, kauf nichts, schmink dich so, schmink dich gar nicht, fit mit 50, Single mit 50, stilvoll mit 50, 3 mal Sex, in der Woche oder im Jahr oder in zehn Jahren.

Einen Scheiß muss ich. Ich wiederhole das für mich und für die, denen es so geht wie mir.
Der Lack mag ab sein. Die Haut hat Falten, die Haare werden dünner, der Bauch dicker, die Sportplatzrunde dauert länger. Na und?
Wir Mittelalten haben jede Menge Wissen und Erfahrung. Jedenfalls viele von uns, wahrscheinlich 50%.
Ich möchte mich nicht mehr vereinnahmen lassen von Ansprüchen von außen. Denn, wo viele Jüngere noch hinwollen, da war ich schon!

Diesen Spruch bekam ich von meinem Vater reingereicht, wenn ich als Jugendliche aufmüpfig und überheblich wurde.
Da wo du hin willst, da waren wir schon!

Wer will was von wem woraus und einfach leben und leben lassen.





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