Du bist so emotional!

Kennen Sie das?
Sie sitzen entspannt mit ein paar Menschen zusammen, die Ihnen mehr oder weniger nah stehen.

Sie hören zu, fragen nach, beobachten, lesen zwischen den Zeilen, fühlen mit.
Sie grenzen sich ab, kramen in Ihrem Hirn nach sinnvollen Vernetzungen, reflektieren noch einmal, ob das, was Sie da gleich raushauen wollen Ihren Werten entspricht, thematisch passt und nach bestem Wissen und Gewissen richtig ist; und Ihr Gegenüber nicht angreift oder verletzt.
Und dann sagen Sie schließlich etwas.

Und prompt trifft Sie dieser Satz.
Du bist so emotional!

Was in dieser Interpretation so viel heißen soll wie: Du bist der Prototyp des Wattebäuschchen-Werfers, du bist der Chef-Lober aus dieser Bloß-keinen-Druck-Fraktion. Einer von denen, die dauernd über alles reden wollen und vom wirklichen Leben, das selbstverständlich nur von den richtig harten Hunden bewerkstelligt werden kann, keine Ahnung haben.

Ich überziehe vorsätzlich.

Kenner der Szene mögen erwidern, dass Mitmenschen, die sich über Emotionalität oder beliebige andere Eigenschaften ihrer Mitmenschen lustig machen und ausschließlich in einen abwertenden Kontext stellen, damit tiefe Einblicke in ihr Innenleben bieten, das alles andere als ausgeglichen ist.
Im Übrigen sind derartige Anwandlungen zarte Pflänzchen die sich gerne mal zu fetten Rassismusbüschen auswachsen.

Psychiater oder Psychotherapeuten könnten an dieser Stelle sicher noch sehr viel mehr Gründe dafür ins Feld führen, warum manche Menschen mehr oder weniger Emotionalität haben und welche Zusammenhänge darüber hinaus mit anderen gesellschaftlichen Entwicklungen bestehen.

Es ist müßig und anstrengend, sich als Normalmensch den Kopf über die Ursachen für menschliches Verhalten zu zerbrechen.

Persönlich bevorzuge ich inzwischen die pragmatische Wenn-Dann-Formel. Soll heißen, Verhalten hat Konsequenzen. Ganz schön hart, oder? Ganz schön emotionslos, oder?

Nein. Im Ernst. Hier soll eine Lanze für die Menschen gebrochen werden, denen dieses abwertend gemeinte Du bist so emotional! und auch alle erdenklich anderen Etiketten, die mit Du bist anfangen und BlaBlaBla enden, langsam aber sicher gehörig auf den Keks geht.

Auch oder vielleicht gerade ein Mensch, der über Selbstbewusstsein verfügt und geneigt ist wahre Beweggründe für unsoziales Verhalten zu erahnen, ist verletzlich, wenn er gedankenlos, respektlos und unverschämt in irgendeine altmodische Schublade gestopft wird oder sogar Schlimmeres.

Ich schreibe das hier für alle, die an sich selbst manchmal mehr zweifeln als an anderen, wohlwissend, dass es ohne eine gesunde emotionale Ausstattung nur sehr schwer ist, das Leben mit Erfolg zu meistern. Und mit Erfolg meine ich in diesem Zusammenhang nur bedingt den monetären.

Gerade die Menschen, die ihre Emotionalität im Griff haben tun nämlich genau das: Sie leben ihr Leben und lassen den anderen das ihre.

Sie machen anstatt zu labern.
Sie nehmen sich selbst ernst aber auch auf die Schippe.
Sie scheitern und versuchen es wieder oder machen es anders.

Sie versuchen, andere Sicht- und Denkweisen zu verstehen.
Sie sind auf Konsens aus.
Und sie haben in letzter Konsequenz den Mut, Situationen zu verändern.


Es zeugt von solider psychischer Gesundheit und Selbstverantwortung, Emotionen wahrnehmen, nutzen, verstehen und beeinflussen zu können.
Emotionen entstehen im Gehirn. Und ein einigermaßen intelligentes Exemplar ist in der Lage, in vielen Lernschritten emotionale Prozesse so zu steuern, dass sie nützlich und sinnvoll sind.

Marcel Proust schreibt in seinem Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit:

„Was tut es denn, ob einer Herzog oder Droschkenkutscher ist, wenn er Geist und Herzensbildung besitzt.“







2 Kommentare zu „Du bist so emotional!

  1. Du bist so emotional!

    Ja, bin ich. 24/7 genau genommen, selbst des Nachts in meinen Träumen. Wegen mir könnte das „so“ wegfallen, aber wahrscheinlich bestand die ursprüngliche Absicht darin, genau das zu betonen, im Sinne von Du bist SO emotional!

    Na ja, Intelligenz schließt Eigenreflexion und Bewusstsein nicht unbedingt mit ein. Es gab und gibt viele sehr intelligente Menschen, die nicht die geringste Empathie gegenüber ihren Mitmenschen besitzen.

    Grüße, Reiner

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