Vaidevuodet*


Nein. Niemals. Fakt ist, ich werde nicht über dieses Thema schreiben. Ich will das nicht.

Schlüpfereinlagen zum Auffangen von Lachtröpfchen und Pillen gegen Blähungen, die Kilimandscharo oder so heißen, penetrieren, unterstützt von gleitenden Vaginalcremes die schiefergraue Wattewolke, in die ich mich eingehüllt habe.

Soso, flüstert die grantige Horrorvision und fletscht ihre spitzen Zähne, du willst also nicht. Das wird dir nichts nützen.
Du bist fast 56. Weißt du wie alt das ist? Sehr sehr alt.

Hitzeschauer steigen langsam in mir hoch, ich greife zum Fächer. Die Vision visioniert versiert bis ins Detail und spricht,

Hinter den Punkten eins bis zwanzig auf deiner Löffelliste blinken zwei blaue Haken. Erledige den kläglichen Rest. Kurzfassung für dich, mach und dann stirb einfach.
Dass dein schwindender Humor, dein Gejammer und dein intellektueller und körperlicher Verfall deiner Umgebung auf den Keks gehen, das weißt du ja selbst.

Apropos Keks. Hast du zugenommen?

Mir wird schwindelig. Ich verliere das Bewusstsein.

Als ich wieder aufwache erhellt blendend weißes Botoxlächeln mein abgedunkeltes Dasein.
Ich befinde mich in der Obhut eines anerkannten Schönheitschirurgen.
Neben mir sitzt ein durchtrainierter Empathiegeselle mit freiem Oberkörper und glatt rasierter Brust, der mir einen blubbernden Cocktail mit dem Versprechen reicht, dass es mir gleich sehr viel besser gehen werde, denn das sei Wasser direkt aus dem Jungbrunnen.

Tatsächlich setzt die Wirkung unmittelbar ein. Ich fühle mich wie mit 17.
Der Schönheitsassistent trägt mich auf Händen zu einem großen Spiegel und stellt mich vorsichtig auf die Füße.
Ich sehe mich an. Mein Körper ist schlank, mein Haar ist voll und glänzend, keine Falte, keine Delle. Volle Lippen, große Augen. Am Lid hat es sich ausgeschlupft.
Ich atme tief durch meine korrigierte Nase ein und durch die feuchten, leicht geöffneten Lippen aus.
Jung ich bin und wunderschön.

Und sonst?
Nichts.
Alles wie immer.

Irgendwas macht mir Druck. Ich wache auf. 4:23 h.
Ich wanke durch die Dunkelheit zum Bad, stolpere über eins der 12 Paar Schuhe, die im Weg stehen, fange mich ab, stoße mit dem Ellenbogen gegen den Türrahmen, schreie flüsternd Fuck, erledige, was zu erledigen ist, trete den Rückweg an, schaue, ob der Hund im Körbchen noch atmet, wiederhole die Prüfung beim Ehemann, der kurz darauf schnarchend bestätigt und schlafe irgendwann mit dem Gedanken ein, wie schön es doch ist, unter einer warmen Decke in einem weichen Bett in einem Haus mit Dach zu liegen.

Mein Haus, das ich gebaut habe, mit dem Mann, der mein Mann ist, ein sehr netter Mann, mit dem ich zwei tolle Kinder habe, die sich die gleichen Fragen stellen, die ich mir stelle, die die gleichen Zweifel und Probleme haben, die suchen und finden, gewinnen und verlieren.

Leben heißt Vaidevuodet.
Wir alle sind Phasen und Wechseln unterworfen. Den frühen, den mittleren, den späten und schließlich dem letzten Wechsel von hier nach da.

*Wechseljahre.
Ich wollte nie darüber schreiben.
Oder wollte ich immer mal darüber schreiben? Auf meine Art?

„Man muss die Dinge einfach tun, das ist auch wichtig für’s Gehirn.“
😉






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