Laubgeblase

Sie grüßen freundlich, beherrschen die gängigen Smalltalkthemen und sind einfach nette Mitmenschen.
Und dann kommt der Herbst. Der späte Herbst. Der November. Und er erhellt grausam, was der Sommer verborgen hielt.

Die selben Menschen, die eben noch so sympathisch entspannt waren, Menschen, von denen man glaubte, sie könnten eines fernen Tages möglicherweise zu guten Bekannten, Freunden, ja Seelenverwandten aufsteigen, begehen ein schwerwiegendes Delikt.

Sie setzen den akkubetriebenen Laubbläser in Gang.

Die zarte Pflanze knospender Sympathie kann dem tosenden Tod nicht entrinnen.
Es zieht sie hinfort mit dem niederen, vermodernden Laub, das sich noch einmal empor hebt, dem Laubbläser sei Dank, um sich dann, nur einige Zentimeter weiter dem Verrotten hinzugeben.

Tränen tiefer Enttäuschung laufen mir über die rosigen Wangen. Rotz tropft aus meiner Nase auf den blattfreien Asphalt. Ich schluchze meine Erschütterung hemmungslos aus den Tiefen meiner verletzen Seele heraus. Die Suche nach einem Taschentusch bringt nur eine Hundekottüte zum Vorschein.

Warum?
Mein wütender Verzweiflungsschrei entflieht in das Getöse des heulenden Motors mit der Lizenz zum Pusten.

Black Friday.

Es klingelt. Ein Paket. Für mich. Amazon.

Liebe Christine,
Für dich. Sei nicht mehr traurig! Jetzt hast du auch einen.
In Liebe,

Deine Nachbarn

Ich brauche ein Bier.



Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s