Warum ich nicht jeden Tag was Neues mache

Vor mir liegen die mürben Reste eines Zollstockes. Die Papierfetzen meiner eigenen Grabrede ruhen ganz oben auf dem vollen Papierkorb, der neben meinem Schreibtisch überquillt. Eigentlich müsste ich ihn dringend rausbringen, staubsaugen und die Wäschekörbe leeren.

Es kann gut sein, dass sich auf dem Grund der Körbe noch zerknitterte Klamotten aus den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts befinden.

Schaffen Sie es, Ihre Wäschekörbe immer ganz zu leeren?
Ist Ihr Haushalt tip top? Glückwunsch. Sie haben Ihr Leben im Griff oder eine Haushaltshilfe im Budget oder keinen Wachhund der einen Einsatz solcher Hilfskraft vehement zu verhindert weiß.

Nein. Moment. Wenn Sie so jemand sind, dann sind Sie jetzt nicht hier und lesen diesen Blog.

Wenn Sie diesen Blog lesen, dann kennen Sie bestimmt die Farbe Ihrer Persönlichkeit und lassen Wäsche Wäsche und Staub Staub sein.

Meine ist übrigens grün. Nein, nicht die Wäsche, zum Glück auch nicht der Staub, sondern meine Persönlichkeitsstruktur.

Grün ist die Farbe der Menschen, die andere so gut wie gar nicht stressen, weil sie quasi angenehm unauffällig und hoch kooperativ, feinsinnig und rücksichtsvoll durch ihr Leben schleichen.

Ihre Dominanz im Sinne von Durchsetzungskraft ist unterdurchschnittlich ausgeprägt.
Sie sind gewissenhaft, still und stetig. Teamarbeit geht ihnen auf die Nerven, oberflächliches Smallgetalke verursacht ihnen Migräne und Menschen, die laut, überheblich und arrogant sind fördern ihr Bedürfnis sich zu übergeben.

Sie können sich stundenlang allein beschäftigen mit lesen, lesen, lesen, musizieren, philosophieren, schreiben, vielleicht mal ein aufregendes Puzzle zur Entspannung.

Es mangelt diesen grünen Typen massiv an Durchsetzungsstärke. Beharrlich und gewissenhaft gehen sie den Dingen so lange und so gründlich nach, bis sie längst von all den extravertierten roten und blauen und gelben Persönlichkeiten überholt worden sind.

Ich bin also grün. Na schön.

Sie brauchen mehr Mut, sagt mir der Mann in dem Video. Wagen Sie etwas, tun sie jeden Tag etwas Neues, ermuntert er mich und fordert dazu auf, sich mittels eines Zollstockes bewusst zu machen, wieviel Lebenszeit bereits verstrichen ist und was noch übrig bleibt.

Jeden Tag etwas Neues? Der spinnt doch. Das ist viel zu viel. Außerdem putze ich mir die Zähne ab und zu mit links obwohl ich Rechtshänder bin.
Und ich gehe auch jeden zweiten Tag eine andere Runde mit dem Hund.
Außerdem bin ich dazu übergegangen, meine durchweg schwarze Kleidung mit dunkelblau, dunkelgrün und – Achtung – pink und rot zu erfrischen!

Das muss reichen!

Gehen Sie von einer Lebenserwartung von durchschnittlich 80 Jahren aus, tönt mir der erfahrene Online-Coach entgegen.

Ich breche den Stab und jage mir prompt einen Splitter in den Mittelfinger, was, wenn sich daraus eine Sepsis ergeben sollte, meine Lebenserwartung noch einmal um etliche Zentimeter dezimieren dürfte.

Jetzt brechen Sie noch mal 10 Zentimeter ab. Ich breche 12,5 ab, wegen der drohenden Blutvergiftung.
Das sei die Zeit, in der ich möglicherweise nicht mehr fit sei. Was bleibt Ihnen noch?
Haben Sie jetzt noch Zeit zu vergeuden
? droht es mir entgegen.

Er schlägt mir angesichts meines nahenden Todes vor, mit mir gemeinsam in den kommenden 99 Wochen (Alter, das sind zwei Jahre!) meine Persönlichkeit so zu entwickeln und zu formen, dass sich in kürzester Zeit mein Leben in eine glückliche, weil aktivere und extravertiertere und erfolgreiche Variante verändern wird.

Puh. Hört sich so an, als müsse ich meine Komfortzone verlassen.
Verlassen Sie Ihre Komfortzone, jauchzt mir der Mentaltrainer zu.

Mein Blick wandert zu den Wäschekörben und den darin vermutlich noch schlummernden Kleidern aus den vergangenen knapp vierzig Jahren.

Genauso retro erscheinen mir die Vorschläge des Coaches zu sein. Okay. Er sprach davon, dass er mehr als 30 Jahre im Geschäft sei und nunmehr all seine unschätzbar wertvollen Erkenntnisse zu einem ganz besonderen Coachingpaket zu einem absoluten Black-Friday-Schnäppchen-Preis zusammengeschnürt habe.

Stellen Sie sich vor, was die Menschen, die an Ihrem Grab stehen über Sie denken und sagen werden, höre ich den Coach weiter fabulieren, sind es genau die Worte, die Sie über sich hören wollen?

Es ist mir vollkommen schnuppe, was Menschen, die mir nicht nahestehen über mich denken. Jetzt und auch in Zukunft und sowieso nach meinem Tod.

Ich solle mich nun mit meiner eigenen Grabrede beschäftigen.
Okay. Das ist schnell gemacht.

Sie war eine grüne Persönlichkeit. Meistens war sie warmherzig und offen unterwegs, am liebstem mit dem Hund im Wald oder im Programmkino oder mit den engsten Familienmitgliedern oder den zwei vorhandenen Freunden in einem schönen Restaurant bei gutem Essen und bestem Wein, wahlweise belgischem Bier.

Wer sie verletzte oder anlog oder übervorteilte, der war raus, und zwar für immer, wo vorher ein warmes Feuer brannte, entstand dann eine eiskalte Aschewüste.

Auf Reisen musste sie sich lange vorbereiten und bekam jedesmal kurz vor Reiseantritt einen Nervenzusammenbruch, weil das Abenteuer zu groß, die Eindrücke zu neu, es zuhause doch am schönsten ist und überhaupt der Hund während ihrer Abwesenheit bestimmt sterben würde.

Eine Handvoll Menschen lagen ihr sehr am Herzen, sie liebte tief und stellte ihre Liebsten und deren Wohlergehen immer an erste Stelle.
Doch sie sorgte auch für sich. Sehr gut sogar und sie machte lebenslang immer das, was sie wollte und was in die jeweilige Lebensphase passte.

Sie war klar im Denken, tief im Fühlen und langsam im Laufen.
Sie interessierte sich für fast alles, außer für Mathe.
Sie war wissensdurstig und auf ihre Art ehrgeizig und sie konnte ungehemmt faul und hedonistisch ihr Dasein verdaddeln. Und das war auch gut so.

Sie liebte Musik von John Miles, Genesis und Aretha Franklin. Pop, Rock und Jazz der 70er und 80er Jahre, wenig Klassik. Sie sang und versuchte lebenslang einigermaßen Klavier zu spielen.

Ihr Humor war oft speziell und nur Insidern zugänglich, manchmal dreckig, versaut und rabenschwarz.
Sie mochte ihr Leben so wie es war, mit allen Höhen und Tiefen.

Man sah es ihr nicht an, aber sie stand total auf Mode. Gerne hätte sie lange Locken statt dünner Spinnwebenhaare gehabt.

Haushalt fand Sie scheiße.
Und den Tod auch.

Stimmung und Setting: Friedwald, Urne, dunkelblau lasiert, Loch unter Buche, Abstand zu den anderen Urnen so groß wie möglich.
Maßvolle Trauer der 7 Anwesenden, Fokus auf gute Erinnerungen, denn ich bin trotz coachbasierter Prognose 105 geworden.
Der Förster liest meine Grabrede, neben ihm sitzt brav sein Dackel.
John Miles „Music“ und Gloria Gaynor „Survive“ lassen mich fliegen.

Na bitte.

Da werde ich jetzt doch nicht anfangen und alles auf den Kopf stellen?
Außer vielleicht die Wäschekörbe.

Aber vorher schmeiße ich die Reste des Zollstocks in den Müll und leere den Papierkorb.
Und dann mache ich mal was ganz Verrücktes:

Kino. Aretha Franklin. Und dazu mitten am Nachmittag einen schönen Grauburgunder!
Auf das Leben ihr Lieben.





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