Den Hut in den Ring werfen

Die politische Gefahr meiner Kindheit und Jugend drohte stets von links. Mein Opa sah ständig den Russen vor der Tür stehen und die SPD war ein rotes Tuch.

Politisch rot zu sein war ein absolutes NoGo, gefährlich oder zumindest verpönt.
Sicherheit und Ordnung, Wachstum und Wohlstand, das waren die erklärten Ziele, an die ich mich gut erinnere. Mir und meinen Geschwistern, unserer Generation sollte es einmal besser gehen als unseren Eltern und Großeltern.

Als ich mich Anfang der 80er Jahre in geradezu visionärer Friday-for-Future-Manier für die Grünen entschied, grün war noch roter als rot, wollte mein Vater mich nach Drüben, also die damalige DDR abschieben lassen, damit ich mal sehe, wohin man kommt, wenn man sich kommunistischen und sozialistischen Ideen öffnet.

Angesichts der Entwicklung, die die Grünen hingelegt haben, ist es irgendwie sogar lustig.
Wer hätte gedacht, dass aus diesen linken Revoluzzern und kriegsverweigernden Späthippies mal eine Partei für gutverdienende Akademiker wird, die mit ihren SUV den Biomarktparkplatz verstopfen?

War die angeblich linke Gefahr meiner Kindheit größer als die derzeitigen politischen Zustände? Irgendwie nicht.
Die politische Landschaft hat sich in für mich unübersichtlicher Weise verschoben. Nach links und nach rechts, der Rest eine wabbelige Schleimmasse, konturenlos und labberig.

Typen wie Willy Brandt, Herbert Werner und Helmut Schmidt nahmen ihren politischen Auftrag ernst und hatten dieses Etwas, dass ich nicht nur in der Politik schmerzlich vermisse: Charisma und – sorry – den Arsch in der Hose!

Unbestritten ging und geht es immer auch um persönliche Eitelkeiten, Macht und Führungsansprüche, die durchgesetzt werden wollen. Wie überall.
Aber genau das ist es, was aktuell in allen demokratischen Parteien fehlt.
Führung im besten Sinne, das heißt mit großem Verantwortungsbewusstsein, mit Klarheit, Beharrlichkeit, Weitblick und Engagement.

Wo sind die Frauen und Männer, die über Wissen und Weisheit verfügen? Menschen, die sich trauen und denen man vertrauen kann? Ich habe eine große Sehnsucht nach klugen Köpfen.

Führungsschwäche wird selten verziehen und hat oft verheerende Folgen. In der Politik, in der Wirtschaft und auch im Privatleben.
Gib deine Ziele anheim, gib deine Würde ab, vergiss deine Werte und deine Stärke. Und schwupp ist die Bühne jedem Vollpfosten und Psychopathen freigegeben, der dich und den Rest der Welt mit seiner Propaganda und seinen dreckigen Parolen besudelt.

Die lange und wechselvolle Geschichte der SPD ist hinlänglich bekannt. Die SPD war eine Partei, ohne die wichtige soziale Errungenschaften sich nicht hätten durchsetzen können.
Dass eine Partei wie die SPD eine wichtige Partei für eine gesunde Demokratie ist, ist eine Binsenweisheit. Und jetzt kommt es mir so vor, als hätte sie sich bewusst für ein führungsloses Dasein entschieden.

Auch heute, knapp fünfzig Jahre nach Werner Höfers Frühschoppen, bin ich kein politischer Mensch. Ich weiß viel zu wenig, als dass ich mich seriös äußern könnte.
Und ich mache es mir bestimmt auch viel zu einfach wenn ich politisches Handeln herunterbreche oder vergleiche mit zwischenmenschlichem und gesellschaftlichem Verhalten.

Aber Intoleranz, Inhumanität, Kurzsichtigkeit und Ungleichgewichte führen dazu, dass Extremen Tür und Tor geöffnet werden. Das darf einfach nicht passieren!

Ich dachte bei politischen Wahlen oft, wie schön es doch wäre, wenn sich alle Parteien an einen Tisch setzten und die Probleme und Herausforderungen dieser Welt mit einem Superkompromiss zu lösen wüssten. Naivität auf nicht zu toppendem Niveau. Ich weiß. Ich wäre ein lausiger Politiker.

Inzwischen würde sogar mein Opa erkennen, dass die Gefahr sich ganz anders entwickelte, als er es Anfang der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts vorauszusehen glaubte.
„Es war doch nicht alles schlecht, damals.“

Doch. Unrecht kann das Recht nicht brechen.
Und Extremismus kann dem Recht nicht standhalten.

Den Begriff rechtschaffen fand ich immer ziemlich bieder und spießig. Aber irgendwie trifft er vielleicht das, was wir im Moment ganz gut gebrauchen könnten. Rechtschaffene, die ihren Hut in den Ring werfen.

















Ein Kommentar zu „Den Hut in den Ring werfen

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