Für jemanden wie mich, mittelmäßig begabt, dafür neu- und wissbegierig, ist der Alltag ein Quell der Erkenntnis.
Gestern war es wieder so weit. Kleine Therapiestunde am Donnerstag.

Ich traf mich nach mehrwöchiger Pause mit den anderen.

Wir sind vier Männer und drei Frauen und wir singen zusammen. Außerdem mögen wir uns. Wir sind sehr verschieden. Doch uns verbindet die Liebe zum Singen und zur Musik.

Und obwohl wir nicht immer dasselbe Verständnis von den Dingen haben, reicht das vollkommen aus, um eine Spanne Leben zu teilen und sich zu vertrauen. Wir müssen nicht alles verstehen, es reicht, Verständnis zu haben. Was für ein Geschenk!

Wir singen ohne die Anleitung eines ausgebildeten Chorleiters, weil wir davon überzeugt sind, dass wir das allein schaffen. Und wir nehmen uns Zeit und haben ein Ziel.

Doch gestern Abend kamen wir an unsere Grenzen. Gestern fehlte uns jemand, der uns wieder auf die Spur hätte helfen können.

Niemand von uns hatte sich nämlich vorbereitet. Jeder hatte sich in den vergangenen Wochen um alles mögliche kümmern müssen und nicht eine Minute damit verbringen können, seinen Gesangspart zu proben.

So hörte sich das dann auch an. Schräg, ohne Rhythmus, falsches Tempo.
Keine Spur von Harmonie. Dissonanz der unschönsten Art auf ganzer Linie.
Ein Trauerspiel zum Davonrennen. Wir waren sprach- und fassungslos! Es hatte doch mal geklappt, damals, vor sechs Wochen.

Wir brauchen doch einen Chorleiter, grummelte ich, vollends im Nölemodus manifestiert.

Und schwupp, schon öffnete sich auch die Schublade im destruktiven Teil irgendeines uralten Lappens in meinem Stammhirn.

Was willst du hier noch? Das bringt doch alles nichts? Lass es und such dir was Neues.
Oh Mann, du jetzt wieder. Halt einfach die Klappe und verpiss dich, Joker, du bist oldschool und voll der Proll. Fang mal an, über den Rand deiner dämlichen Schublade zu gucken.

Aber du bist so herrlich asozial, wenn du destruktiv bist und deine Mundwinkel sich so hübsch nach unten ziehen, zischte Joker.

Joker ist mein Widersacher. Ein Negativling. Ein Angstmacher. Ein Stolzverwalter. Ein Aufgeber. Ein Tunichtgut. Ein Bremser. Eigentlich habe ich ihn schon rausgeschmissen als ich die Pubertät hinter mir hatte. Aber immer wenn ich im Stress bin, dann nutzt er die Gunst der Stunde. Und das heißt, dass er mich wieder zu einem Mädchen machen will, das nicht aus seiner Haut kann und sich damit selbst und anderen das Leben schwer macht.

Und wenn ich es noch will, Joker, schrie ich ihn an? Was, wenn ich keine Angst habe, zu sagen, was ich will und wie ich es will?

Okay, okay, du hast Recht. Tschuldigung. Dann mach.
Das Gute an Joker ist, dass er ganz schnell wieder verschwindet, wenn man ihm seine Grenzen zeigt und ihn anbrüllt. Ich vermute, dass er ein ziemlich unglücklicher Typ ist und einige Leichen im Keller hat.

Welche Alternativen habe ich? Wenn ich jetzt aufgebe, dann stehe ich alleine da und verliere wahrscheinlich mehr als ich gewinne.

Ich verliere einen Teil meines Lebens der mir meistens Freude macht. Ich verliere die Nähe von Menschen, die ich mag.
Ich verliere sozialen Kontakt. Und ich verliere ein Stück von mir selbst.

Wenn ich bleibe und mich einbringe, dann habe ich die Chance zu lernen und zu wachsen.
Aber was wollen die anderen? Ich bin darauf angewiesen zu erfahren, wie die anderen ticken, was sie denken, was sie wollen.

Wenn wir glauben, dass andere nicht spüren können, was mit uns los ist, dann irren wir uns gewaltig.

Du bist von dem Stück nicht überzeugt, stimmt’s?, fragte die Altistin nach.

Jetzt hieß es die Chance wahrzunehmen, etwas zu verbessern, was nicht lief. Sofern mir etwas daran lag. Und das tut es.

Nein, bin ich nicht, antworte ich, aber wir haben es uns gemeinsam ausgesucht und das nächste Lied liegt mir dann vielleicht wieder mehr am Herzen.

Ich war erleichtert, das so ehrlich ausgesprochen zu haben.
Mir liegt dieses Lied nicht. Aber muss ich deshalb das ganze Projekt anzweifeln und aufgeben?
Was will ich?

Worauf hättest du denn Lust, fragte mich die Sopranistin.
Im Moment wäre mir so richtig nach Heavy Metal, so ein richtiger Kettensägensong, darauf hätte ich Bock!

Au jaaa, tönte der Tenor und ließ den vollen Rock ’n Roll schrill aus sich heraus. Das ist genau mein Ding!

Die Situation entspannte sich schlagartig. Wir lachten.

Und ich würde so gerne diesen Song noch ins Repertoire nehmen, gab die Altistin in den Raum und stimmte die Melodie an.
Wir anderen setzten ein.

Lasst uns „Cello“ nochmal in einem langsameren Tempo versuchen, schlug unser Tenor schließlich vor. „Cello“ ist das Stück, das uns an unsere Grenzen bringt.

Also versuchten wir es noch einmal. Aber wir mussten uns eingestehen, dass es uns viel zu viel Zeit und Energie kosten würde, es weiter an diesem Abend gemeinsam zu versuchen. Erstmal müsste jeder für sich üben!

Lasst uns abbrechen für heute, schlug die Sopranistin vor, und erstmal ein Stück singen, das wir gut können. Bis zum nächsten Mal sollte jeder für sich seinen Part so gut einüben, dass wir dann alles nur noch zusammensetzen und an den Feinheiten arbeiten müssen. Und dann haben wir auch wieder Spaß und Motivation.

Genau, stimmte der Bass ein, so machen wir’s, griff zur Gitarre und spielte das Intro zu einem Song, den wir gemeinsam mit Gänsehautfeeling sangen.

Mir wäre jetzt nach einem Ouzo, sagte die Sopranistin, als wir die Probe beendeten.
Ja danach war uns allen.

Es ist eigentlich ganz einfach: Was will ich? Wie will ich es? Mit wem will ich es? Und was bin ich bereit zu geben und anzunehmen?

Wenn jeder mit sich selbst klarkommt, dann klappt es (meistens) auch mit den anderen. Was ist die Alternative? Sich solange in der Lernschleife zu drehen, bis man sich zu Tode kotzt und alleine stirbt? Und dabei hätte man doch so gerne einfach ein normales, schönes Leben gehabt.

Sing deinen Song. Sing ihn laut und deutlich. Sing ihn auf deine Art. Sing ihn allein aber sing ihn auch gemeinsam mit anderen. Es ist eigentlich ganz einfach. Du musst es nur machen. Und du musst dich entscheiden, was dein Song ist. Und wenn dein Joker auftaucht, dann mach ihn platt!