Call me Harry

Es begab sich also zu der Zeit, als die Macht noch mit der Schwiegermutter war. Heute Morgen habe ich durch einen Artikel im Lokalblatt endlich erkannt, wie viel Macht mir als Schwiegermutter gegeben ist.

Gegeben gewesen wäre, wenn ich vor 300 Jahren gelebt hätte.
Eltern und Schwiegereltern herrschten über das Wohl und Wehe ihrer Kinder. Töchter wurden verschachert und verschickt, Söhnen die passende Gemahlin auf’s Auge bzw. Portmonee gedrückt.

Heute stelle ich dich meiner Mutter vor, ließ Generationen von jungen, klugen, Frauen panisch werden.

Schrecklich und nur im Kontext der Zeit vorstellbar. Doch mag es am Wetter, den Viren oder dem Bachelor liegen, ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass in so manchem Kopf die Zustände längst vergangener Zeiten immer noch vor sich hin gären.

In Zeiten, in denen selbst die Sparkasse anfängt, die Krawattenpflicht ihrer Mitarbeiter abzuschaffen und der englische Prinz Harry an der Monarchie sägt und auf Titel und Moneten pfeift, gehört auch das Bild der Schwiegermutter der Vergangenheit an. Wir schreiben das Jahr 2020!

Was ist mit uns Frauen los, wenn wir jetzt anfangen, uns über Schwiegermutterdasein und Anzahl der Enkelkinder zu identifizieren.

Ich bin eine Schwiegermutter des Digitalen Zeitalters.  Eine Schwiegermutter 5.0., das heißt vor allem ein freier Mensch.

Ich glaube, das nennt man auch Emanzipation. Entsprechend allergisch reagiere ich, wenn man mich in verstaubte Schuladen stecken will.

Und die bescheuerte Rolle der mächtigen und oder bösen Schwiegermutter kann ich schon gar nicht leiden.

Ich bin nicht der Meinung, dass mein Sohn eine „bessere“ Frau oder meine Tochter einen „besseren“ Mann verdient hätte oder ich in irgendeiner Form Einfluss auf den Verlauf der Beziehung nehmen müsste. Was für ein Bullshit wäre das bitteschön.

Meine Kinder sind erwachsen und im Vollbesitz ihrer geistigen und emotionalen Kräfte. Sie sind imstande, sich genau die Partner und Lebensumstände auszusuchen und zu gestalten, die zu ihnen passen und das zu verändern, wenn es nicht mehr passt.

Euch Schwiegerkindern, auch so ein blöder Begriff, begegne ich hoffentlich so neugierig, offen und zugewandt, wie ich allen Menschen begegne, die freundlich und respektvoll an einer Beziehung zu mir interessiert sind.

Denn ich weiß wie belastend es für eine Beziehung ist, wenn es mit der Schwiegermutter nicht klappt.
Ich weiß wie es sich anfühlt, wenn man sich wie eine Fremde fühlt, wenn sich keine Sau für einen interessiert und die eigenen Kinder auf den Thron gesetzt werden.
Ich weiß, wie mies und verfahren Situationen mit Schwiegereltern sein können und wie überflüssig das oft ist.
Aber ich weiß inzwischen auch, dass das Ding zwei Seiten hat.

Ich werde euch nicht nach dem Mund reden und mich euch nicht anbiedern.
Aber ich bin für euch da wenn ihr das wollt. Und zwar gerne und mit allem, was ich zu bieten habe. Ich bin die, die ihr anrufen könnt. Immer!

Ich bin nicht eure Mutter! Call me Christine.

So wie ich meinen Kindern auf Augenhöhe begegne, so tue ich das auch mit euch. Selbst dann, wenn ihr in eurer Beziehung mit meinem Kind so richtig Scheiße baut, selbst dann bin ich in der Lage, eure Perspektive einzunehmen.

Dass Verhalten Konsequenzen hat, dass man sich öffnen muss, wenn man eine Beziehung eingehen möchte, egal auf welcher Ebene, dass es mit Respekt und Wertschätzung meistens ganz gut zu schaffen ist und dass wir letzten Endes alle im selben Boot sitzen, that’s life.

In den 20 oder 25 Jahren, die ich länger auf der Welt bin als ihr, habe ich Mist gebaut, mich verzettelt, andere verletzt und gelernt, dass es gut ist, ganz nah bei sich selbst zu bleiben.
Und ich lerne noch und werde das auch bis zum Schluss tun. Gerne auch von und mit euch.

Ihr bringt Neues mit. Ihr bereichert unsere Familienkultur mit eurer Familienkultur. Ihr bringt die Liebe zu meinen Kindern mit.

Kommt wie ihr seid. So seid ihr willkommen!