Die Enkelfrage

Und? Hast du Enkelkinder?
Ich habe schon drei und extra meine Stunden reduziert, damit ich mich um sie kümmern kann.

Die Frage erwischt mich unerwartet, noch dazu weil sie mir ausgerechnet auf dem Friedhof von einer Frau gestellt wird, die ich zuletzt bei der Abiturfeier unserer Kinder gesehen habe.

Unsere Kinder sind dreißig und drüber, offiziell sind Sie maximal 29.
Ach ja, denke ich, stimmt, ich bin tatsächlich im Großmutteralter. 

Nein, ich habe keine Enkelkinder, antworte ich, ich studiere wieder und habe einen Hund!
Betretenes Schweigen, gefolgt von einem knappen, na dann, man sieht sich.

Man sieht sich. Ja. Vielleicht wieder in einem Abstand von vielen Jahren. Und dann geht es wieder los.

Und? Hast du Urenkel? Ich habe schon drei und bin extra aus dem Pflegeheim wieder zurück zu den Enkeln gezogen, damit ich mich um sie kümmern kann.

Keine Enkelkinder, keine Karriere, noch nicht mal Eltern, die gepflegt werden müssen!

Was für eine blamable Bilanz ich ziehen muss.

Mit Enkelkindern würde ich ganz anders dastehen. Ich wäre wieder jemand. Man würde mit mir sprechen, richtig lange, auf dem Friedhof über die Enkelkinder.

Mit Enkelkindern sind Sie die Oma von Marie, Max oder Amalie-Sophie-Charlotte.
Ohne Enkelkinder sind Sie? Na? Richtig. Ein Nichts, ein grauer Schatten.

Auch in netten Runden bei Weinchen und Bier gibt es zwei Themen: Enkel und Hunde!
Wenn sie damit nicht punkten können, sind Sie raus!

Es ist nicht interessant, was Sie lesen, was sie außer Haus und Garten und Hund machen, was Sie denken, wie Sie sich fühlen oder was sie in den verbleibenden dreißig Restjahren Ihres Lebens noch vorhaben.

Es interessiert niemanden. Sie brauchen Enkel oder Hund!

Hundeenkel gehen vielleicht auch noch.

Ich würde ja gerne mehr Stunden arbeiten, aber meine Schwiegermutter hat ja keine Zeit, auf ihre Enkelkinder aufzupassen!

Stimmt. Denn die Schwiegermutter arbeitet selbst noch, studiert oder hat schlicht keine Lust, sich als betreuende Oma zu betätigen. Sowas soll es geben.

Erst Rabenmutter weil man arbeitet, dann Rabenoma, weil man keinen Bock mehr auf Kinderbetreuung hat.

Ich weiß, dass sich das böse anhört und auch irgendwie verbittert.
Das ist nicht so. Weder bin ich böse noch verbittert.

Ich schiele nur in letzter Zeit öfter auf die Karrieren von Frauen in meinem Alter, die heute Professorinnen, Managerinnen, Richterinnen und Politikerinnen sind, die auch Kinder haben und trotzdem nicht davor zurückschreckten, Karrieren zu machen.

Christine, frage ich mich selbst, wo war eigentlich dein Biss in all den Jahren.
Was hat dich ausgebremst?

Ich wollte Kinder! Meine Familie stand für mich immer an erster Stelle und tut es immer noch. Ich bin so.

Alle Jobs und auch das Erststudium habe ich um das Familienleben herum geplant und bewältigt.
Ich habe meistens alles unter einen Hut bekommen! Und oft Kompromisse gemacht.

Aber selbst mit Teilzeitjobs, von denen mich keiner richtig forderte, Kindergarten, Tagesmutter und Putzhilfe war es mitunter ein organisatorischer Höllentrip!
Und finanziell? Auch.
Steuerklasse V und den Rest haben sich die Tagesmutter und die Putzhilfe geteilt.
Oft ging ich im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Zahnfleisch und war dauernd irgendwie auf dem Sprung.

Mein Biss lag darin, das alles zu managen, meistens da zu sein, zuzuhören, auszuhalten, loszulassen, wegzustecken, zu kochen, zu putzen und zu bügeln und mich unbeschreiblich mitzufreuen, wenn etwas gut geklappt hat.

Nur gebastelt habe ich nicht!

Es ist müßig darüber zu klagen, welche Opfer man als Frau bringen muss, wenn man sich für Kinder entscheidet.
Zu der eigenen Zerrissenheit, den Kindern gerecht zu werden und irgendwie selbst beruflich noch einigermaßen was auf die Reihe zu bekommen und eine gute Beziehung zu führen kommen noch die Sprüche von außen.

Du arbeitest Vollzeit? Naja, musst du wissen. Die Kinder sind ja noch ganz schön jung.

Naja, du musst ja nicht arbeiten, dein Mann verdient ja genug.

Du könntest doch jetzt eigentlich wieder voll arbeiten, die Kinder sind doch in der Schule, groß, aus dem Haus…!

Apropos Schule.
Könnte es sein, dass Ehe- oder andere familiäre Probleme der Grund dafür sind, dass die Leistungen von X. so abgesackt sind?, fragte mich mal eine Mathelehrerin in vollem Ernst und ich hatte nichts besseres zu tun als mir die Schuld zu geben, denn ich hatte gerade angefangen, zu studieren. Neben Familie und Job!

Übrigens sind die Männer, die erstens gewillt und zweitens in der Lage sind, als Allein- oder Hauptverdiener eine Familie zu versorgen auch nicht zu beneiden. Sie sitzen im selben Boot. Das wird oft vergessen!

Und wenn ich heute Managerin, Richterin oder Politikerin wäre und keine Kinder hätte?

Vielleicht würde ich dann darüber schreiben, dass Kinder und Enkelkinder mir einen Sinn im Leben gäben.

Egal was wir tun. Wir werden feststellen, dass Freiheit und Möglichkeiten immer auch mit vielen Zweifeln verbunden sind und dass jede Entscheidung Konsequenzen hat, die wir im Nachhinein vielleicht bedauern.

Das ist die Crux eines Lebens in Freiheit!

Was aber die derzeitige Corona-Krise bei allem Ernst der gesundheitlichen Lage zum Vorschein bringt sind Angelegenheiten die gesamtgesellschaftlich also politisch vollkommen vernachlässigt oder falsch eingeschätzt wurden.

Dazu gehört auch das Prinzip, am falschen Ende zu sparen!

Siehe Gesundheit, siehe Bildung, siehe Betreuung und Sicherheit und siehe auch Wertschätzung unternehmerischen Engagements.

Und jetzt fallen auch noch die Großeltern aus und stellen die Enkel- bzw. Betreuungsfrage in einen ganz neuen Kontext!

Es wird Zeit, dass wir gemeinsam etwas verbessern. Für Frauen und Männer, die Eltern werden und sein wollen. Für Frauen und Männer, die keine Eltern sein wollen, für Solidarität und Toleranz und unabhängig davon, ob Oma und Opa können und wollen.

Bleiben Sie gesund und distanziert!

Ein Gedanke zu “Die Enkelfrage

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