Ich nehm‘ gern noch ’n Eierlikörchen

Seit einigen Tagen leide ich verstärkt unter den Symptomen eines fortgeschrittenen Szientismus.
Szientismus ist ein Begriff für die Auffassung, dass sich mit wissenschaftlichen Methoden alle sinnvollen Fragen beantworten lassen.

Sie fragen, woher ich weiß, dass ich an Szientismus leide? Ich sag es Ihnen.

Ich bekomme Juckreiz, wenn via WhatsApp irgendwelche Links zu esoterischen Verschwörungstheorien reichsbürgernaher Typen aufploppen, die auf YouTube Kanälen ihre abstruse Propaganda zum Besten geben.

Oberflächliche Recherchen von Redakteuren und Journalisten, die es eigentlich besser können müssten, verursachen mir Brechreiz.
Nicht besser sind Nachdenker- und Querdenker Seiten, deren Intention sicher gut gemeint aber maximal mittelmäßig gemacht ist.

Welchen Erkenntnisgewinn habe ich, haben Sie, haben wir, wenn seitenlang zitiert wird aber keine stichhaltigen Argumente bzw. vernünftige Kritik folgen?
Zerpflücken ist einfach! Aber was kommt dann?

Die exponentiell steigende Zahl von Experten macht mich schwindelig. Gleichzeitig spüre ich den verführerischen Reiz der Gunst der Stunde, selbst zum Experten zu werden!

Warum denn nicht?
Wenn Hausärzte zu Experten für Virologie, Ökonomie und wahlweise jedem anderen Fachbereich werden, sich Virologen in Talkshows als potenzielle Bundeskanzler präsentieren und es an jeglicher Objektivität zugunsten bodenloser Überheblichkeit fehlen lassen, wenn Professoren für Finanzen einen umfassenden Erklärungsansatz dafür im Portfolio haben, dass alle gesundheitsschützenden Maßnahmen in Deutschland falsch sind, dann kann ich als diplomierte Pädagogin doch zum Beispiel mit einer steuerrechtlichen Expertise um Aufmerksamkeit buhlen.

Immerhin studiere ich Jura im vierten Semester! Das reicht. Finden Sie nicht?

Was haben Sie denn so parat, das Sie schon immer mal zum Besten geben wollten?
Nie waren die Zeiten besser als jetzt, sich ahnungslos zu profilieren.

Aber gut. Privatautonomie.
Jeder darf seine Meinung zu allen Themen der Welt vertreten.

Aber gehört jede Meinung eines fachfremden Doktors oder Professors als in Stein gemeißelte Wahrheit in den Boulevard?

Was hält uns und vor allem die, die für seriöse Meinungsbildung zeichnen davon ab, zuverlässig, glaubwürdig, solide und faktenbasiert zu berichten.
Und das gerne und unbedingt auch kritisch zu tun.

Das alles kostet Zeit! Und Zeit ist der Feind von auflageheischenden Teasern.

Aber genau dieses Wie macht den Unterschied.
Und dieses Wie schlägt mir gewaltig auf den Magen! Szientismus eben.

Was natürlich niemanden interessiert, denn das Volk liebt Brot und Spiele!

Aber gestern musste ich es dann doch tun. Ich habe mir das 19seitige Paper der Leopoldina-Wissenschaftler durchgelesen.

Ich kenne jetzt also immerhin die Quelle, an der sich unsere Regierung orientieren wird, wenn Sie heute ihre Beratungen zur Lockerung der Corona-Maßnahmen berät.

Und wissen Sie was? Ich setze auf Vertrauen. Ich setze auf Ruhe und Sachlichkeit und  ich setzte darauf, dass alle Beteiligten ihr Bestes tun.

Denn schließlich muss das Leben ja irgendwie weitergehen!*
Ein Pilot, es sei denn er ist lebensmüde, hat kein Interesse daran, den Flieger kopfüber in den Ackerboden zu jagen.

Weniger Denken? Weniger gute Fragen stellen?
Ich habe Szientismus. Und ich nehm‘ gern noch ’n Eierlikörchen!*

Na denn. Prösterchen!

*Zitate aus dem Film: „Der Junge muss an die frische Luft“

Paper Leopoldina: https://www.leopoldina.org/presse-1/nachrichten/ad-hoc-stellungnahme-coronavirus-pandemie/

5 Comments

    1. Christine

      Lieber Reiner!
      Sowohl im Namen der Religion als auch im Namen der Wissenschaft wurde und wird noch immer viel Schindluder getrieben!
      Dennoch: Es lebe die Freiheit! Nämlich der Religionsausübung und der Wissenschaft – solange die Ethik mitmacht. Glauben zu können und Kraft und Trost daraus zu ziehen ist eine gute Sache.

      Wir stellen nicht das erste Mal fest, dass Du und ich unterschiedlich unterwegs sind! Grandios scheitern kann man auch mit einer Haltung, die sich zu sehr auf Mystik und Esoterik stützt. So jedenfalls meine Erfahrung.

      Allerdings würde ich Mystik und Esoterik nur bedingt mit Religion gleichsetzen, gleichwohl eins wohl ins andere greift.

      Worum es mir geht, ist das wissentliche Verbreiten von Verschwörungstheorien und nicht nachgewiesenen Pseudofakten.

      Was wären wir für Menschen, wenn wir nicht über einen Geist, Spiritus, Spirituelles verfügten und über einen Glauben. Zumindest an uns selbst 😉 Und was wären wir für Menschen, wenn wir nicht den Drang hätten, der Wahrheit auf den Grund zu gehen, zu forschen und Erkenntnis erlangen zu wollen.

      Herzliche Grüße und Danke für deinen Kommentar.

      Gefällt 1 Person

      1. Reiner

        Liebe Christine,

        selbst habe ich eine fundamentale und umfassende naturwissenschaftliche Ausbildung und arbeite nach wie vor in einem technischen Beruf. Mit Esoterik habe ich eher weniger zu tun, bin aber durchaus ein gläubiger Mensch (geworden, durch meine Suchtgeschichte) und kann auch mit Mystik etwas anfangen.

        Verschwörungstheorien und so genannte „alternative Fakten“ dagegen sind eine ganz andere Liga. Sie werden gezielt gestreut und propagiert, um den Staat, in dem wir leben, unter Aufhebung der Gewaltenteilung a la Ungarn und Polen in Richtung Pseudo-Demokratie oder Autokratie zu wandeln. Falls es ein Mittel dagegen gibt, ist es einerseits die Aufklärung und andererseits mehr Offenheit sowie eine verständliche Sprache seitens der Regierenden. Bleibt zu hoffen, das diese sich der Gefahren bewusst sind, die da lauern.

        Liebe Grüße, Reiner

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  1. Steffen Z.

    Ich selbst war auch schon auf den oben zitierten Nach- und Querdenkerseiten unterwegs und habe dabei festgestellt, dass deren Autoren manchmal in einem wiederkehrenden Mechanismus auf für mich zweifelhafte Weise in Frage gestellt werden (KEIN Impressum, „Wer bezahlt die eigentlich!?“, „Der Journalist XY war ja damals schon bei Gazette AB nicht unumstritten.“, „Die decken ihre Quellen nicht auf…“), und dies auch von seriösen Nachrichtlern. Aber selbst in der ARD-Tagesschau kriegt man allermeist nicht zu erfahren, woher die ihre Informationen haben, welche als die absolute Wahrheit angepriesen werden. Jedenfalls muss ich gerade höllisch aufpassen, dass ich nicht zu einem Verschwörungstheoretiker mutiere. Weil ich wirklich Angst habe, dass mein Pilot kopfüber den Ackerboden ansteuert in dem Glauben,
    dass dem Flugzeug schon nix passieren wird….
    Aber Eierlikörchen ist eine super Idee, oder Portwein, der ginge auch 🙂
    P.S. Ja, meine News-Distancing-Periode ist leider vorbei..;)

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    1. Christine

      Ich muss IMMER höllisch aufpassen, dass ich nicht vor lauter Eifer für das Gute Schöne Wahre abdrifte!
      Noch dazu haben bei mir „Persönlichkeiten“, die jenseits von Mainstream jeder Couleur unterwegs zu sein schienen, in der Vergangenheit Konjunktur gehabt; weil ich zu schnell begeistert war ohne nach dem WER sagt WAS WANN WARUM und WIE.
      Seither gehe ich gerne an die Quelle!
      Gucke, wo sie entspringt! Grabe, wenn nötig.

      Und ab und zu vergesse ich das. Werde viel zu schnell in meinem Urteil und Vorurteil.

      Deshalb meine Allergie! Es ist auch die Angst, etwas zu übersehen, einen Gedanken zu verfolgen, der nicht ins eigenen Bild passt!
      Übung macht den Meister. Eben auch das Einüben von „wissenschaftlichem Denken und Handeln“ – und das heißt, zu beobachten, zu beschreiben, eine Hypothese oder Frage zu stellen und dann zu schauen, was dabei herauskommt; und vor allem, sich seiner Sache niemals sicher zu sein, offen zu bleiben und sich von seiner eigenen Meinung zu distanzieren. Objektivität!

      Ein frommer Wunsch? Ein Ziel. Und der Weg dorthin ist holprig, möge er nicht im Ackerboden enden.

      Liebe Grüße und PS. Leute wie du und ich werden wahrscheinlich immer ein Problem damit haben, News-Distancing durchzuhalten: zu neugierig! 😉 zu suchend 😉

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