Selber essen macht fett

Wenn man über einen längeren Zeitraum mehr isst und trinkt als man braucht und sich dazu weniger bewegt, wird man fett.

Zwei Jahrzehnte habe ich nicht verstanden, warum aus normalgewichtigen oder gar schlanken Menschen im Laufe der Zeit Kugelmenschen werden.

Ich konnte nicht verstehen, dass es einem scheinbar völlig egal ist, einen Bauch in Fußballgröße vor sich herzuschieben oder ein schwabbelndes Hinterteil in einer Jeans zu präsentieren, die eben dieses delikat freilegt, wenn man sich nach der Chipstüte im untersten Discounterregal bückt, sofern das überhaupt noch möglich ist wegen des wuchernden Bauches.

Manche von Ihnen höre ich jetzt etwas von Diskriminierung granteln.
Das ist okay, wir leben in hysterischen Zeiten. Granteln Sie ruhig. Wenden Sie sich ab und wieder ihrem Stück Frankfurter Kranz zu.

Und passen Sie gut auf, dass Sie sich im Spiegel, wenn überhaupt, nur noch von Vorne, in gedämpftem Licht und Kleidung in gedeckten Farben betrachten.

Das habe ich bis vor vier Wochen genauso praktiziert: Frankfurter Kranz, verhüllter Ganzkörperspiegel und Verdrängung.
Kann man machen. Führt aber zu nichts Gutem und Schönem.
Früher oder später muss man raus aus der Höhle und das grelle Licht der Wahrheit aushalten.

Doch bis die Wahrheit zum Erkennen und schließlich zum Handeln führt, das dauert:

Mindestens die Buchlänge eines Size Plus Modells, wochenlanges Stöbern im Ulla-Popken-Onlineshop und stundenlangem Konsum von Youtube Videos zum Thema Body Positivity.
Online gestellt von unglücklichen Influencerinnen, die immer noch behaupten, sie trügen Größe 40 obwohl jeder mittelmäßig begabte Beobachter erkennt, dass sie sich längst mit Hilfe von Shapeware in eine 44 zwängen.

Sie ahnen das Mantra: Wir sind schön. Immer. Auch wenn wir mindestens 10 Kilo zu viel auf den Rippen haben! Ich liebe mich so, wie ich bin! Ehrlich. Echt. Ich schwöre.

Wir waren mal schlank. Aber dann kamen die Kinder, der Stress und schließlich die bösen Hormone, die Chipstüten und Colaflaschen anbei.

Man muss sich auch mal was gönnen. Und wir sind okay so wie wir sind. Basta. Wir fühlen uns so richtig wohl in unserer Haut, so schön prall und glatt. Alles super!
Außerdem sind wir keine 20, 30, 40, 50 mehr und wechseln vom schulterlangen Haar gleich noch zu einem pfiffigen Pixie!

Und wenn wir Kleidergröße 42 entwachsen sind, geht es ja zum Glück bei 44/46 weiter.
Aha. Alles klar.

Wo holen wir uns Rat in verzweifelten Situationen? Bestimmt nicht bei denen, die uns die Wahrheit sagen. Dazu braucht es dann noch 5 bis 15 Kilo mehr Ballast.

Weisheit, sofern man sie eines fernen Tages in der hiesigen oder sonstigen Welt erlangt, ist keine angelesene Theorie. Ich mutmaße, das dazu auch Erfahrung und Selbsterkenntnis gehören. Leben. Zen. Zenos. Oder so.

Ihr Blutdruck ist zu hoch. Cholesterin im Grenzbereich.
Das Gute oder das Schlechte?, frage ich zurück.

Netto, sagt mein Arzt. Sie müssen abnehmen. Ihr Bauch ist zu dick! 

Ihr Bauch auch, denke ich, erröte jedoch deshalb, weil ich mich ertappt fühle. Trotziges, fettes, inneres Kind!
Da sagt dir einer die ungeschönte Wahrheit und du holst die Schippe raus und haust sie ihm auf den Kopf.

Mir ist das echt peinlich. Denn dem Sandkasten des Lebens bin ich schon länger entstiegen. Dachte ich jedenfalls. Shit happens.

Meine Arme und Beine sind relativ zum restlichen Körper schlank und gut in Form! Altersentsprechend. Finde ich. Und Bauch hatte ich doch schon immer. Oder? Und außerdem bin ich fast 20 Jahre gelaufen und im Herbst 2018 sogar noch einen Halbmarathon….blablabla.

Manchmal kann man sich selbst nicht mehr zuhören! Immer dieselben Geschichten, die mit fortschreitendem Alter zu abenteuerlichen Mythen werden.

Was ist jetzt? Hier und Heute?

Ja aber ich bin doch vor zwei Monaten gejoggt, 6 Kilometer. Oder war es vor drei Monaten?
Eben.
Und wie fühlte sich das an? Erinnere dich! Du warst fix und fertig und hast für die mickrige Distanz eine Stunde gebraucht.

Ja aber, da waren ja herbe Steigungen auf der Strecke und ich bin nicht mehr die Jüngste und die Hormone und dann auch noch der Eisenmangel und so.

Kennen Sie das? Dieses sich Winden vor sich selbst?
Es ist so herrlich übertragbar auf alle Belange des Lebens, die nicht wirklich glatt bzw. suboptimal bis gar nicht laufen.

Sind Sie auch ein Opfer? Suchen Sie die Schuld auch im Außen, in den Umständen, bei anderen? Und erhoffen Sie sich das selbe Wunder wie damals, als Sie mindestens eine drei in Mathe brauchten, um ihre Versetzung nicht zu gefährden, Ihnen aber außer sich das Mathebuch unters Kopfkissen zu legen nichts einfiel?
Hören Sie auf damit!

Es macht krank. So oder so.

Später am Tag nach dem Arztbesuch krame ich Fotos heraus.
Alte Fotos.

Ja da ist ein kleiner Bauch erkennbar. Aber er ist eben genau das. Klein! Ein Röllchen.
Jetzt ist er groß. Zu groß. Du hast zwei Kinder auf die Welt gebracht, du darfst einen Bauch haben.
Blödsinn!
Nach den Geburten der Kinder war ich innerhalb von vier Wochen in Bestform.
Ich brachte 67 Kilo auf die Waage. Maximal!

Inzwischen sind die Kinder so alt, dass sie selber anfangen, auf ihr Gewicht zu achten und mehr Sport zu treiben.

Außerdem habe ich nicht nur am Bauch enorm zugelegt.
Auch am Po, an den Brüsten und, was ich wirklich blöd finde, an dieser Stelle zwischen Schulterblatt und Achsel. Wissen Sie, welche Stelle ich meine?

Die, an der es unschön rausschwabbelt, wenn man ein schulterfreies Oberteil trüge!
Was man natürlich angesichts der fettigen Katastrophe nicht tut, weil außerdem auch der Rücken Falten schlägt.

Aber ich täte es gerne. In das schulterfreie Kleid schlüpfen und mich sauwohl fühlen.

Ich bin mit knapp 179 Zentimeter Körperlänge eine überdurchschnittlich große Frau. Und mit fast 85 Kilo schlicht und ergreifend überdurchschnittlich schwer. Mindestens 10 Kilo!

Was tun um überhaupt ins Tun zu kommen?

An dieser Stelle spreche ich ein herzliches Dankeschön an meine Kinder aus!
Stets direkt, stets kritisch und stets den Eltern zur Seite, wenn es um Tacheles geht.

Nein ganz im Ernst! Dass ich vor vier Wochen begonnen habe, mein Übergewicht und meine nicht vorhandene Fitness wieder auf ein gesundes Niveau zu bringen, verdanke ich in der Tat meinen erwachsenen Kindern.

Stand heute habe fast 4 Kilo abgenommen.
Ich ernähre mich so gesund wie möglich, sprich Fisch statt Fleisch, so wenig Kartoffeln, Reis, Nudeln wie möglich, kaum Butter. Dabei liebe ich Butter! Gern auch mal mit Zucker und Mehl zu Streuseln vermengt. Kein Witz! Leider.
Stattdessen also Olivenöl, Gemüse, Salat.

Knäkebrot, Hüttenkäse, etwas Marmelade, Früchte und Beeren.
Ab und zu einen Latte Macchiato, sonst Espresso und schwarzen Tee mit etwas fettarmer Milch.
Und nach 18 Uhr esse ich nichts mehr. Alkoholische Getränke sind ebenfalls so gut wie raus. Nix Rotwein zur Entspannung am Abend. Stattdessen Lavendel-Rosen-Melissen-Tee. Ohne Rum, ohne Gin. Ein Jammer!

Ich zähle Kalorien mithilfe einer App, die mir meine Tochter empfohlen hat und habe mich auf maximal 1500 Kilokalorien gesetzt, jedenfalls von montags bis freitags.

Das ist recht wenig und wird auf Dauer nicht reichen, weil ich zwei bis dreimal in der Woche 30 Minuten auf dem Sportplatz laufe und zusätzlich auf Anraten meines Sohnes (Danke nochmal an dieser Stelle) leichtes Krafttraining mache, morgens vor dem Frühstück für ca. 10 bis 15 Minuten: Situps in verschiedenen Varianten, Liegestütze, Plank und Rückentraining mit dem Theraband.

Und dann sind da ja noch der Hund und der Staubsauer, die auch bewegt werden wollen.

Warum plaudere ich so aus dem Nähkästchen?
Weil ich glaube, dass es außer mir noch ein paar Leute gibt, denen es ähnlich geht.

Es hilft nicht weiter, wenn wir immer so tun als ob alles tutti und bestens ist.
Damit führen wir andere und vor allem uns selbst hinters Licht und entfernen uns von unserem Glück.

Transparenz und Offenheit machen angreifbar und verletzlich. Aber sie heilen uns auch und ermöglichen persönlichen Fortschritt und im besten Fall Lebenszufriedenheit und Gesundheit.
Und das macht uns authentisch, stark und glaubwürdig für die Menschen, auf die es uns persönlich ankommt.

Deshalb genießen Sie meine Schwäche in vollen Zügen!

Eine Raupe, die sich sieben Tage durchfrisst wird nur deshalb zum Schmetterling, weil sie eine Raupe ist. Bei uns klappt das nicht! Außer bei Sohn und Schwiegersohn!
Aber wer hat gesagt, dass das Leben gerecht ist?

Haben Sie ein schönes Wochenende. Pfingsten ist doch dieses Event, an dem Geist vom Himmel fällt.
Hoffen Sie mit mir, dass die wirklich bedürftigen Menschen endlich mal ihren Kopf genau dorthin halten, wo es besagten Geist regnet!

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