Allein mit Aristoteles

Der Gatte strebt seit zwei Tagen wieder dem Office zu, während ich mich immer noch und bis auf Weiteres im Online-Modus befinde.

Nach elf Wochen 24/7 dachte ich, fühlte ich, befürchtete ich, wir würden die Trennung nur schwer überstehen und durch das zerreißende Netz gewohnter Homeoffice-Struktur in ein tiefes Loch fallen.

Aber siehe da, es ging leichter als gedacht!

Alles wie immer. Der Mann geht raus in die feindliche Welt und kämpft um den schnöden Mammon.
Die Frau kümmert sich um den Rest, atmet tief durch und freut sich über Dolce Vita und Freiheit. So viel zum Klischee.

Dieser Rest, der sich in den meisten Fällen daraus zusammensetzt, sich um jeden Kleinscheiß zu kümmern ist übrigens nicht erst seit Corona, sondern ein seit Jahrtausenden unterschätzter Aspekt.

Und wer ist Schuld? Wie erquickend doch immer wieder die Schuldfrage ist!

Aristoteles ist es. Der Widerling in Sachen Frauenfragen!

Ja Sie lesen richtig. Einer der größten und bekanntesten Philosophen der Antike nach Platon ist ein schlimmer Frauenfeind, der seinen kruden Samen seit Tausenden von Jahren sät und durch seine Anhänger zur Blüte und Ernte treibt. Immer noch.

Klar. Aus lauter Angst vor dem Tod muss man sich oder seine abstrusen Ideen fortpflanzen. Alle Menschen wollen unsterblich sein und zeugen deshalb Kinder. Fortdauern durch Fortpflanzen. Das gilt auch für Ideen!

Frauen sind laut Aristoteles eine minderwertige Version des Mannes. Sie hat sich nicht im Griff und dient mit ihrem Körper dem Zweck des Gebärens. Hatte ein gewisser Herr Freud nicht auch großes Gefallen daran, Frauen per se als hysterisch zu charakterisieren?

Er ist der Herr im Haus und er ist der Beste, sagt Aristoteles. Und meint dabei natürlich Seinesgleichen. Die Aristokraten!

Kann es sein, dass die Schreiberlinge der Bibel flux mal nachschauten, was Aristoteles zum Thema Mann und Frau aufgeschrieben hat? Um dann mit ein bisschen mystischer Fantasie eine hübsche Paradiesgeschichte zu verfassen?

Der Mann übergibt seiner Frau die Macht über das Haus. Denn sie hat weder Autorität noch Entscheidungsmöglichkeiten, sich in der Polis zu bewähren.
Sie ist quasi seine Untertanin, sagt Aristoteles. Und er ist mit seiner Meinung in der Athener Gesellschaft selbstredend in einer guten, weil männermächtigen.

Im Ranking kommen nach der Frau, die Kinder, dann die Tiere und schließlich die Sklaven.

Und Sklaven sind all jene, die außerhalb von Griechenland leben. Barbaren sind natürliche Sklaven.

Aristoteles wirkte um 355 v. Chr.
Wenn ich mich nicht total verrechnet habe, dann haben seine Ideen also seit 2375 Jahren Zeit, sich in uns festzusetzen und in Christentun, Islam, Psychoanalyse, Politik und Gesellschaft mehr oder weniger bewusst oder unbewusst vor sich hin zu gehren.

Ich gebe zu, dass meine Aussagen unvollständig und sehr vereinfacht sind. Dennoch sind sie ein Hinweis darauf, wie lange Frauen, weil sie Frauen sind, schon zu ihrem Nachteil kategorisiert werden.

Halten wir uns also lieber an den allergrößten unserer Philosophen. Den guten, wahren schönen Platon.

Er ist ein Vertreter der Gleichberechtigung. Er sieht den einzigen Unterschied zwischen Mann und Frau darin, dass sie die Kinder zur Welt bringt. Und ansonsten alles genauso gut kann wie der Mann: Kriegerin, Philosophin, Königin!

Frau Allendinger, Soziologin und kürzlich zu Gast bei Frau Will postuliert, dass Corona uns Frauen um 30 Jahre in unserer beruflichen und emanzipatorischen Entwicklung zurück wirft.

Warum lassen wir uns immer noch zurück werfen, zurück stellen und in Kategorien zwängen?

Warum meinen wir immer noch, uns hierarchisch irgendwo zwischen Mann, Kinder, Tiere und Hunde einordnen zu müssen?

Wenn wir Kämpferinnen, Philosophinnen und Königinnen sein wollen, sein können, dann sollten wir uns auch so verhalten und damit aufhören, uns in die Vergangenheit katapultieren zu lassen, auch von anderen Frauen!

So wie es damals in Athen nicht alle Frauen waren und zum Beispiel die Frauen in Sparta bereits viel gleichberechtigter und freier leben konnten, sind es auch heute nicht alle Frauen. Wir sind nicht alle gleich. Leider oder zum Glück nicht.

Platon war jemand, der gegen den Strom geschwommen ist. Kinderkriegen ist nicht genug, ist ein Satz von Platon. Gerechtigkeit ist vorteilhaft, ein weiterer.

Wir haben mehr denn je die Chance, eine Gesellschaft mitzugestalten, die sich in eine Zukunft entwicklen kann, die lebenswert ist.

Corona ist für wenig und wenige gut. Aber vielleicht dafür, dass Frauen und Männer, Mann und Frau als Menschen bewusst einen neuen Weg gehen. In der Gegenwart für die Zukunft.

 

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