Heute schon gestaunt?

Es ist gleich 11 Uhr und trotz Kaffee und Espresso komme ich nicht in den Tag! Lästige Appelle wie, du musst putzen, die Wäsche waschen, einkaufen und auf jeden Fall noch die Hundehaare weg saugen, bevor heute Abend die Nachbarn auf ein Gläschen oder zwei und einen Happen zu Essen vorbeischauen, überhöre ich. Noch.

Rufen Sie mich mal spontan um 17:30 Uhr an und Sie werden deutlich spüren, welche Dynamik sich kurz vor knapp bei mir in Gang setzt. Deadline macht dann doch munter.

Mein Kopf tut weh, Migräne, ich habe schlecht geschlafen, die Töle ist Schuld oder die zwei Gläser Rotwein, die ich mir während des Amsterdam Krimis mit dem virilen, leicht melancholischen Protagonisten Hannes, gönnte.

Richtige Entscheidung, forderte die nachfolgende Sendung doch Nervenstärke. Gloria, die ehemals punkige Fürstin am Regensburger Hof der Thurn und Taxis, schwadronierte über die Möglichkeiten für Frauen im Haushalt. Dekorieren, Musizieren, Sprachen lernen und eine Bibliothek einrichten. So die hochwohlgeborenen Vorschläge! Alles ganz wunderbar und überhaupt kein Grund zum Jammern.

Ich stelle mir gerade vor, wie Gloria vom Regensburger Schloss auf eine alleinerziehende Mandy aus Marzahn im Plattenbau trifft und ihr beim Einrichten der Bibliothek hilft, derweil altgriechische Vokabeln parlierend.

Puh. Verrückte Welt!

Unsere Hundegräfin schlug im Stundentakt lautstark an. 3 Uhr, 4 Uhr, 5 Uhr.

Katze, Maus, Wind? Schlechte Hundeträume? Dorfjunkies vor unserer Tür?
Zuverlässig zuzuordnen war nur der letzte Alarm. 6 Uhr. Zeitungsbote.

Alles andere entzieht sich meiner Wahrnehmung. Für mich war da nichts. Für die Hündin alles eine große Gefahr, die es zu vermelden galt. Sie tut nur ihre Pflicht und beschützt ihr Haus und ihre Menschen.

Instinktive Pflichterfüllung! So etwas kann auch bei Menschen ganz schön daneben gehen! Meine Gedanken fliegen gen Westen, ich sehe es dem Tier also nach.
Noch nicht jetzt aber spätestens dann, wenn sie krank oder tot ist.

Vernünftig ist es jedenfalls nicht, einen Hund zu haben! Aber was ist schon vernünftig? Und Vernunft ist zwar eine notwendige aber nicht die einzige Tugend, die zum Leben gehört. Was wiederum Glück bedeuten kann. Was Glück ist? Selber denken macht schlau.

Erwähnte ich schon, dass meine Stimmung heute schlecht ist? War sie gestern schon, vorgestern auch und wenn ich es recht betrachte, ist sie es schon eine geraume Weile.

Ich fühle mich traurig bis leicht depressiv. Ganz ohne Zynismus. Ich bin unausgeschlafen und extrem coronapissig.

Seit Monaten hängen uns die viralen Ausläufer in den Knochen und vor allem im Gemüt.
Gibt es jemanden, dem das nicht an die Substanz geht? Bitte melden! Sie sind systemrelevant!

Selbst der Wiedereinstieg ins Laufen milderte diesen Zustand kaum spürbar. Übrigens stieß ich mir den kleinen Zeh am Türrahmen derart schwer, dass ich schon wieder eine Laufpause einlegen muss. Karma? Ist Laufen gar nicht mein Ding?

Ist schon erstaunlich, was das Hirn an Subtanzen zu fabrizieren in der Lage ist, wenn es darum geht, Zweifel, Ängste und dunkle Visionen auf die innere Leinwand zu werfen.

Apropos bin ich über einen lustigen Buchtitel gestolpert, nein, nicht als ich mir den Zeh stieß, bei anderer Gelegenheit. Das Kind in mir will achtsam morden. 

Googeln Sie mal! Ich habe es noch nicht gelesen, finde es aber echt verlockend.

Anstatt mich heute noch tiefer in den Sumpf meiner miesen Gefühlslage sinken zu lassen, lese ich statt Buch erstmal ausführlich das dünne Lokalblatt.

Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass die Fotos, auf denen Menschengruppen in der Zeitung abgebildet werden coronabedingt ziemlich stylish sind?

Der Abstand wirkt sich positiv auf den künstlerischen Gesamteindruck aus. Es wird nicht mehr frontal und eng aneinander gequetscht in die Kamera gegrinst. Posen auf Distanz ist der Trend in Zeiten von Corona!
Ich staune und frage mich noch während ich denke, dass ich staune, was staunen eigentlich bedeutet und worüber man dieser Tage noch so staunen kann.

Kennen Sie das auch, dass sie Wörter benutzen, deren Bedeutung sie nur vage oder gar nicht beschreiben können aber dennoch intuitiv erfassen, was dahinter steckt?

Das Staunen ist die Einstellung eines Menschen, der die Weisheit wahrhaft liebt. Es gibt keinen anderen Anfang der Philosophie als diesen.
Frei nach Platon.

Okay, philosophiere ich also darüber, dass sich doch etwas ändern kann, wovon man nie gedacht hätte, dass es möglich ist.
Ich lese mir noch einmal die Zusammenfassung des Konjunkturpaketes durch und auch dabei – Staunen! Da geht was, was vorher nicht so richtig ging. Warum jetzt?

Weil es keine Alternative gibt. Tun ist hier die Antwort, weil nicht tun fahrlässig wäre.

Haben Sie schon begriffen, woher die ganze Kohle jetzt genau kommt? Alles Kredite und Rücklagen? Da werden nachfolgende Generationen aus dem Staunen auch nicht mehr rauskommen, wenn es an die Rückzahlungen geht.

Da fällt mir ein und auf, dass Singen, einst Balsam für die Seele und Training für Bauch und Bänder, aktuell ein ziemliches Schattendasein führt. Auch bei mir. Ich singe seit Wochen nicht mehr. Obwohl ich es mal gut konnte. Aktuell tut sich da nichts.

Was vielleicht auch wieder gut ist. Also ich meine, dass ich jetzt mehr unter der Dusche als in der Öffentlichkeit singe.

Auf Social Media, konkret Instagram, kann man hingegen erleben und richtig ins Staunen darüber geraten, wie mutig und ungeniert manche Menschen beim Thema Singen sind!

Aber das ist nur meine kleinkarierte, perfektionistische Angsthasensicht.
Wir leben in der Freiheit, falsche Töne singen, uns zeigen zu dürfen wie immer wir möchten, uns zu entfalten und wir können das sogar fast unabhängig davon tun, wie alt wir sind, welches Geschlecht wir haben und welche Farbe unsere Haut hat.

Fast sage ich deshalb, weil es auch uns, mir, noch viel zu oft schwer fällt, tolerant und respektvoll zu sein gegenüber Menschen, die Dinge anders machen als man selbst.

Und auch Deutschland hat ein Rassismusproblem! Lassen wir es nicht noch weiter zu einem Schwelbrand werden!

Leben und Leben lassen! Staunen! Versuchen, für etwas dankbar zu sein und hoffen, dass wir in der Lage sind zu lernen,  Zukunft als etwas anzusehen, was aktiv gestalten werden will. Von uns allen! Nicht nur von den Jungen, von uns allen, gemeinsam. Solange wir leben.

Wie sieht denn eine Gesellschaft oder gar die Welt aus, in der wir gerne und gut leben könnten und wollten? Wie sieht der Ort aus, in den Sie, ja Sie ganz konkret als Lebewesen hineingeboren werden wollten? Als Mensch, als Tier.

Meine kleine Welt heute wäre auf jeden Fall frei von falschen Tönen, Hybris, Rassismus, Extremismus, Dummheit und Hundehaaren im Essen.

Und deshalb gehe ich jetzt Staubsaugen.

Ihnen ein schönes Wochenende.

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