Jenseits der Norm

Wann fing es an, dass die Gurke nicht mehr krumm sein durfte, weil wir das nicht für normal hielten und krummes Gemüse konsequent links liegen ließen?
Wann haben wir damit angefangen, alles in eine Norm zu pressen, damit es normal und somit gut ist?

Warum ist gut nicht mehr gut genug, sondern muss wahnsinnig gut, irre gut oder zumindest sehr gut sein?
Wahnsinnig oder irre geworden zu sein oder zu werden ist nicht wirklich ein guter Zustand.
Wer einem Wahn anheim fällt, der hat die Kacke am Dampfen und wird sehr schnell aus dem gesellschaftlichen Verkehr entfernt. Ab in die Klapse! Und schön die Pillen schlucken.

Wobei Ihnen das heutzutage schon passieren kann, wenn Sie aus gutem Grund traurig oder erschöpft sind oder gar keinen Grund für beide Zustände aufweisen können, weil Sie vielleicht einfach nur in eine neue, noch nicht genormte Lebensphase eintreten.

Arzt, Pille, Therapie. Allein oder in der Gruppe. Ambulant oder stationär, je nach Krankenversicherung schön oder nur gut.

Schön ist das nicht. Und gut auch nicht. Günstig im monetären Sinne schon gar nicht.
Könnte es sein, dass unser selbst genormtes, perfektes Leben auf gute menschliche Fähigkeiten pfeifft?

Wann haben wir aufgehört zuzuhören, hinzusehen, einzufühlen, loszulassen und einfach mal die Klappe zu halten und angefangen stattdessen unserem Gegenüber ungefragt Ratschläge um die Ohren zu hauen oder uns wahlweise lustig zu machen oder am besten gleich in den Verdrängungsmodus zu gehen?

Besserwisserei ist ein dreckiger Quickie und scheint eine Norm zu sein, an der sich viele orientieren.
Selbstredend. Denn Selbsthilfebücher grassieren seit Jahren wie Pest, Cholera und Corona gemeinsam.
Für jedes Zipperlein gibt es das passende Büchlein. Zuerst der Schnelltest, dann die Buchempfehlung und los geht’s mit der normierten Selbstoptimierung.

Jeder der bis drei zählen und ein bisschen lesen kann, wird zum Experten! Die Norm?

Alt werden, Wechseljahre, Trennung, Tod, Krankheit! Alles kein Problem, wenn man den richtigen Ratgeber zur Hand hat. Besser ist das, denn niemand, wirklich niemand, hat Zeit und Lust, sich mit Menschen zu umgeben, die sich mit solchen Dingen herum schlagen.

Jung, aktiv, agil, potent, immer gut drauf, glücklich, auch immer, straff, sexy, schlank, schlau. Das ist die Norm! Alles andere sind krumme Gurken.

Jetzt lach doch mal wieder, sei doch nicht so ernst, das wird schon wieder, ist doch nicht so schlimm, stell dich nicht so an, du hast doch keinen Grund etc. etc. 

Normalität wird nicht ausgehalten! Wir wollen Leichtigkeit. Positiv denken, nach Vorne schauen, alles wird gut. Machen ist die Devise. Das Sein verkommt zur philosophischen Phrase.

Wir sind nur dann normal und somit gesellschaftsfähig, wenn wir Sport treiben, uns gesund ernähren, unsere Stimmungen und Gefühle jederzeit souverän im Griff haben und zwar zack und keinesfalls auf irgendwelche dummen Ideen kommen, die niemand, der der Norm angehört verstehen kann.

Die dreht am Rad, der spinnt doch komplett, die geht ja gar nicht. Wir sind nicht zimperlich in der schnellen Beurteilung oder besser gesagt Verurteilung anderer Menschen.

Von wegen Trauerjahr oder Rückzug oder Heilung oder Abschied.
Keine Zeit!
Stattdessen sind wir süchtig nach der Ablenkung, die wir uns tagtäglich via genormte Riesenbildschirme, genormte Smartphones und sowas von genormter Freizeitbeschäftigung reinziehen.

Warum verlassen wir nicht mal diese vielen selbst auferlegten Normen und lassen es uns 345 Tage und Nächte im Jahr gut gehen, anstatt nach zwei Wochen Mallorca oder Malediven pauschal zu geiern?
Wenn wir die Litanei von Routine und Normen durchbrechen, dann würde vielleicht sogar aus der Pauschalreise nach Mallorca ein individueller Urlaub werden können.

Vorausgesetzt, die Reisebeschränkungen werden irgendwann aufgehoben, denn schließlich sind wir freie Individuen! Lustig. Schonmal etwas davon gehört, dass Freiheit sich nicht normieren lässt und Individualität schon gar nicht?

Könnte es sein, dass wir ohne das genormte Einerlei von Instagram, Netflix, Tagesschau und den schlechten Dauerschleifenkrimis aus unserer engen Normalität entkommen könnten und tatsächlich frei und individuell wären? Verrückte Idee, ich weiß, Sorry.

Und Tatort macht jetzt auch noch Pause! Normal ist das nicht.

Schönen Abend Ihnen und alles GUTE!

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