Grüße aus dem Hot Spot

Einem Ehepaar aus dem Kreis Gütersloh wurde die angemietete Ferienwohnung auf Sylt gekündigt. Die Angst vor Ansteckung ist plötzlich wieder angestiegen.

Ach guck, is Corona doch noch nicht vorbei? Na sowas!

Ich lebe im Kreis Gütersloh. Hier ging es bisher sehr beschaulich zu; nicht nur in der Causa Corona schiebt man hier gemeinhin eine ruhigere Kugel als andernorts.

Geht auch gar nicht anders, der lehmige Boden erschwert jeden Impuls leichter Beweglichkeit und für meinen Geschmack verklebt er viel zu häufig den Blick darauf, dass man Dinge anders als gewohnt angehen kann. Also quasi mal etwas Neues wagen könnte oder das Alte einfach sein lassen.

Und das sage ausgerechnet ich, jemand, der Neuem gegenüber zuerst mal mit Skepsis begegnet und dem es schwerfällt, loszulassen.

Ich weiß nicht, ob das schon immer so war oder ob dieser Wesenszug hier einfach besonders gute Voraussetzungen gefunden hat, zu wachsen und zu gedeihen.

Aber jetzt kommt Bewegung in dieses beschauliche Fleckchen ländlicher Idylle. Keine 30 Kilometer entfernt befindet sich der aktuelle Virenherd der Republik.

Was elegant unter dem Begriff Nahrungsmittelherstellung subsumiert wird ist bei nüchterner Betrachtung eine Fabrik, in der millionenfach Schweine und Rinder im Akkord getötet und im Anschluss zersägt, zerlegt und durch den Wolf gedreht werden.

And the Winner Is: Tönnies. Und die Region. Arbeitsplätze.
Es gibt überdurchschnittlich viele Millionäre im Kreis!

Und damit es einem der wichtigsten Unternehmer des Kreises und dem Kreis selbst und seinen bodenständigen, wohlbetuchten Bürgern auch weiterhin richtig gut geht, erledigen diese niederen Arbeiten für einen ebenfalls niedrigen Lohn Menschen, die in ihrer Freizeit weder Fußballclubs sponsern noch den Golfschläger schwingen.

Da der verehrte Herr Tönnies vor nicht allzu langer Zeit in rassistischer Manier darüber philosophierte, dass Afrikaner aufhören sollten Kinder zu produzieren, um den Klimawandel abzuschwächen, überrascht es nicht, dass er auch die Fürsorgepflicht für seine Mitarbeiter im Bereich der vorsätzlichen Körperverletzung ansiedelt.

Wir reden über Lebewesen. Über Menschen und Tiere. Beide ausgebeutet, dass es einfach nur noch zum Kotzen ist.

Unabhängig davon, welche Meinung man in Sachen Fleischverzehr vertritt, sind es unerträgliche Zustände für die Menschen, die ihren und den Lebensunterhalt ihrer Familien dadurch zu sichern versuchen, dass sie sich Arbeits,-Wohn,- und Lebensverhältnissen aussetzen, die abscheulich, unwürdig und vor allem gesundheitsgefährdend sind.

Genauso abscheulich, unwürdig und schließlich tödlich ergeht es den Tieren in der Massentierhaltung.

Und sie, Menschen und Tiere, tun dies für uns.

Für mich, für Sie, die wir gerne und gierig unser Fleisch abgepackt und vor allem so billig wie möglich einkaufen und in gemütlicher Runde bei Wein und Bier am Wochenende auf den Grill legen. Und wenn’s geht dann möglichst auch von Montag bis Freitag. Fleisch!

Und wenn wir mal auf einem ethischen Trip sind, stellen wir uns sogar an die Fleischtheke und legen noch einen Euro drauf. Schön zart und gut abgehangen muss es sein! Das ist Verantwortung.

Nein, das ist Zynismus, liebe Leser und Leserinnen.

Der Landrat des Kreises erlangt auf den letzten Metern vor den Wahlen einen traurigen Promistatus, der über die Grenzen des Kreises Gütersloh hinausgeht. Möglich, dass wir dem chinesischen Ur Hot Spot den Rang ablaufen. Super. Läuft bei uns auf dem Lande!

Und die Gegenkandidatin hat nichts Besseres zu tun als die Gunst der Stunde mit einem politischen Gegenschlag zu nutzen. Man hätte schon viel früher handeln müssen, Versagen des Kreises. Hätte Hätte Fahrradkette! Selber denken und selber machen!

Es ist der Kreis, der einem hiesigen Schweinezüchter den Neubau eines Maststalles für 1250 Schweine genehmigte.
Was soll das? Immer schön weiter wie gehabt? Entgegen aller Erfahrungen und Entwicklungen?

Genau, liebe Politiker, super!
Von der Bürgermeisterin über den Landrat bis ganz an die Spitze des politischen Zirkuszeltes kann man zuweilen durchaus in Zweifel geraten, ob da irgendwo noch ein Lichtlein brennt im politischen Oberstübchen.

Die Zeiten des Wegschauens, des Aufschiebens und der wohlwollenden Neutralität gegenüber Arbeitgebern, die an Sklavenhändler erinnern und sich einen Dreck um ihre Fürsorgepflicht kümmern ist vorbei. Sie muss vorbei sein! Jetzt. Schnell.

Und dass Schuldzuweisungen in Richtung derer, die betroffen sind, im mildesten Fall eine bodenlose Unverschämtheit und ansonsten dazu angetan sind, sich antisemitische Tendenzen unterstellen lassen zu müssen, ist einfach nur peinlich und macht fassungslos.

Viele von uns wissen, welche Ursachen der Klimawandel hat.
Wir wissen, dass Massentierhaltung, Kreuzfahrten und Langstreckenflüge, Abholzung der Regenwälder und ungebremster Konsum uns allen mehr schaden als nützen.

Wir wissen, dass die Schulden, die wir heute zur Rettung der coronageschwächten Wirtschaft aufnehmen Schulden sind, die wir folgenden Generationen aufladen, obwohl sie noch nicht mal geboren sind. Und wenn sie schlau sind, auch nicht geboren werden!

Wir wissen, wie wichtig Bildung, Gesundheit und Entwicklung sind.

Aber offenbar hilft Wissen nicht weiter. Mit offenen Augen voll vor die Wand. Und wenn es einmal nicht reicht, dann nochmal und nochmal.

Diesen Eindruck könnte man jedenfalls gewinnen.

Aber, die Hoffnung stirbt zuletzt und der Mensch war schon immer das blödeste Tier von allen und hat es trotzdem weit gebracht.

Mit dem Fazit Dummheit gewinnt kann ich mich dennoch so gar nicht anfreunden!

Und Sie?

Grüße aus dem Hotspot und das Wetter soll ja richtig schön werden am Wochenende.
Da machen wir doch den Grill an und die Flasche Bier auf!

Von deswegen, Prost.

Ein Kommentar zu „Grüße aus dem Hot Spot

  1. Sarkasmus an: Wer nun als Einwohner des Landkreises Gütersloh vom erneuten Lockdown hinsichtlich seiner Urlaubspläne betroffen ist, kann sich an die „Ureinwohner“ Ostdeutschlands mit Geburtsjahr 1970 oder älter wenden, die haben das mit der Reisefreiheit schon einmal hingekriegt 😉 Sarkasmus aus.
    Wer sich zur Causa Tönnies und Co. mal ein bisschen belesen will, dem empfehle ich, auch ohne dafür in irgendeiner Form Vorteile zu genießen, den Artikel „Werkverträge in der Fleischindustrie abschaffen?…“ von Werner Rügemer, erschienen am 5.6.2020 auf den „Nachdenkseiten“.
    Ich hoffe, ich kann diesen Text verdrängen, wenn ich das nächste Mal das Grillen vorbereiten soll…

    Liken

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