Doleur du monde

Kennen Sie den Kohlen Juke? Kohlen Juke ist ein Freund der Menschen, genauer der guten Menschen. Er lebt im Reich des Kleinen König Kalle Wirsch, dem König der Erdmännchen, tief unter der Erde. Und Juke sammelt Wörter, die mit so anfangen. Sobald, sofort, sofern, sowieso.

Wörtersammeln ist ein wunderbares Hobby. Sophie ist auch ein schönes Wort, das mit so anfängt. Sophie, Weisheit.

Sie hören ein Wort und es geht Ihnen nicht mehr aus dem Kopf. Es erobert den Raum, der außerhalb ihres Verstandes liegt.
Irgendwo im Niemandsland zwischen Ratio und Emotion. Mag sein, dass es das limbische System ist. Mag sein, dass es einen ganz anderen Namen hat. Wenn es Sie interessiert, werden Sie dahinter kommen. Manche sagen, es sei die Seele.

Das Wort berührt. Bittersüß, amüsiert, verschmitzt, traurig, heiter.
Dieses eine Wort, dass Sie wie die Blaue Stunde von einem Moment zum nächsten in eine  Stimmung versetzt, die klarer und reiner nicht sein könnte.
Sie kommen sich selbst auf die Schliche. Oder dem, was schon seit Zeiten in Ihnen wabert.

Vielleicht sind Sie sogar zu Tränen gerührt und fangen an, ein Gedicht zu schreiben oder ein Lied zu singen. Oder fühlen eine andere Kreativität in sich wachsen.
Wie eine kleine, leise, sanfte Melodie, von der Sie keine Ahnung haben, woher sie plötzlich kommt.

Oder Sie erkennen klar und deutlich, was Ihnen schon länger wehtut, Sie verletzt hat oder so wie es ist nicht mehr zu Ihnen passt. Weil es zu laut, zu grell zu oberflächlich ist und einfach nur noch kratzt wie die Wollstrumpfhose Ihrer Kindertage.

Einige, wahrscheinlich die meisten von Ihnen verdrehen jetzt die Augen, sofern Sie überhaupt bis hierher gelesen haben.
Wenden Sie sich ruhig den handfesten Dingen des Lebens zu. Essen, Serie gucken, Schlafen, Rasen mähen und sich keine Gedanken machen. Das ist nicht böse. Es ist wie es ist.

Sie sind in guter und großer Gesellschaft. Und schließlich haben wir alle viel zu tun und mit uns selbst und unserem Leben und Corona genug um die Ohren.

Die Zeit der Dichter und Denker gehört der Vergangenheit an, wir klotzen statt zu kleckern, glotzen statt zu schauen, und palavern statt zu reden; und haben schlicht und ergreifend keine Zeit, uns mit irrationalem SchnickSchnack oder tiefsinniger Empathie zu befassen.

Wer hat gesagt dass, wer Visionen hat zum Arzt gehen soll?
Helmut Schmidt. Ein Macher. Einer, der lebenslang ein dickes Fell hatte. Einer, dessen Worte messerscharf waren, der die Kunst, anderen ins selbe zu fallen perfekt beherrschte. Ein Mensch seiner Zeit! Seinerzeit. Auch ein schönes Wort. So nostalgisch. Nostalgie. Ebenfalls nett.

Es kam damals und kommt heute immer noch darauf an, sich die Butter nicht vom Brot nehmen zu lassen. Wer zuhört, andere ausreden lässt, vertraut und auf Wahrheit setzt, ist raus.
Wer sich öffnet, sein Ideen, Gedanken oder gar sein Herz auf den Tisch legt, der ist in großer Gefahr, zerstückelt oder zumindest in Zukunft nicht mehr für Voll genommen zu werden. Taktischer Versager, Naivling.

Sie haben sich selbst als Spinner, Träumer, Idealisten enttarnt? Glückwunsch. Ab sofort wenden Sie die kultivierte Form moderner Persönlichkeitsspaltung an. Ansonsten sind Sie dem Untergang geweiht.

Nur die Harten kommen in den Garten. Ein fürchterlicher Satz.

Feinsinn, Sensibilität, und Mitgefühl werden als naiv und im schlimmsten Falle behandlungsbedürftig stigmatisiert. Ich behaupte, dass viele Menschen, die wegen einer Depression in Behandlung sind, gar keine Depression haben.

Sie haben stattdessen oft viel zu lange gegen ihre Natur gelebt und gearbeitet! Weil es nicht anders ging. Weil Wesenszüge, die unserer lauten und schnellen Leistung- und Konsumgesellschaft zugegen laufen bestenfalls im künstlerisch-kreativen Bereich eine Nische finden.

Ohne vernünftigen Beruf ist da leider nichts zu machen. Wir werden BWLer, Juristen, Ärzte und Ingenieure; und der Rest geht ins Büro, die Pflege oder hinter die Ladentheke.

Systemrelevant ist man nicht als Schriftsteller, Musiker oder Philosoph.

Und bevor man zugibt, das einen etwas traurig macht, zermürbt, verletzt, überfordert, das für alle anderen normal zu sein scheint, schweigt man; oder wünscht sich stattdessen lieber eine Krebsdiagnose, da kann man sich des Mitgefühls wenigstens vorübergehend sicher sein.
Das ist etwas Solides, Greifbares, Handfestes, gesellschaftlich Anerkanntes.

Trauer, Freude, Rührung? Dafür brauchen Sie schon einen triftigen Grund. Ansonsten ist dafür weder Zeit noch Raum. Weltschmerz einfach so? Melancholie?
Ich bitte Sie, es geht Ihnen doch gut!

Brot und Spiele. Zerstreuung bis zum Erbrechen. Abwechslung bis zum Umfallen. Hinfallen, Aufstehen, Krone richten, Weitermachen.

Sie sind ja immer noch da!
Fein.

Weltschmerz, Doleur du Monde.

Sie wissen was ich meine, wenn ich von dem Gefühl bittersüßer Melancholie und Einsamkeit schreibe. Dem Leiden an der Welt und wie sie ist, wie wir sind! Der nahen Verzweiflung darüber, dass die Grenzen in den Köpfen länger und höher sind als die Chinesische Mauer.

Das Gefühl, sich zurückziehen zu wollen, irgendwie nicht dazuzugehören und dermaßen hohe Ansprüche an sich selbst und andere zu stellen, dass ihr Erreichen utopisch ist.

Sie verstehen, dass man sich allein dadurch verletzt fühlen kann, dass sich in einer fröhlichen Abendrunde niemand dafür interessiert, was einen gerade bewegt, wie es einem geht, welche Meinung man vertritt.

Sie können nachempfinden, wie anstrengend Small Talk sein und wie groß gleichzeitig die Sehnsucht werden kann über ein Buch zu reden, das man gerade gelesen hat anstatt einer endlosen Kakophonie von Monologen  lauschen zu müssen weil nicht zu wollen aber auch nicht anders zu können, weil Einsamkeit weh tut.

Aber wissen Sie was? Darin liegt eine unglaubliche Stärke! Sie können sich auf allen Ebenen bewegen. Auch wenn das manchmal schrecklich kraftzehrend ist und Sie sich in der Rolle des weinenden Clowns wiederfinden.

Alles was Sie für sich tun müssen, und zwar unbedingt ist, Ihr Sosein, Ihren Weltschmerz, Ihr Doleur du Monde anzuerkennen.
Er vergeht, wie es gekommen ist. Immer wieder. Weil er zu Ihnen gehört, weil er die Tinte ist, mit der dieser Wesenszug in Ihre Lebensgeschichte geschrieben wurde.

Sie kennen die Welle, also surfen Sie sie. Elegant und wenn es geht mit einem inneren Lächeln und einem guten Glas Wein.

Cheers, Doleur du Monde, du Blaue Stunde der Seele.

 

 

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