LEBENSWERTHER

Das Dorf, in dem ich seit Anfang der 90er Jahre lebe heißt Werther und ist eigentlich eine Stadt.
Denn das idyllische Örtchen mit direktem Zugang in den Teutoburger Wald hat im Jahre 1719 durch König Friedrich Wilhelm I. von Preußen die Stadtrechte verliehen bekommen.

Vielleicht galt Anno dazumal schon als Stadt, was mehr als drei Häuser hatte. Für mich ist Werther in Westfalen ein Dorf mit einer guten Lebensqualität.
Von hier aus ist man in einer guten Stunde in Holland, in zwei Stunden an der Nordsee, und viel mehr als vier Stunden dauert es auch bis nach Hamburg, München und Berlin nicht.

Für die Horizonterweiterung in kleinerem Maßstab bietet das nahe Bielefeld die Uni, das Theater, eine gute Auswahl an Gastronomie und Kulturangeboten und eine Landschaft, die teilweise an Bayern erinnert.

Also alles tutti, wenn nicht gerade Corona ist.
Werther gehört zum Kreis Gütersloh, obwohl es viel näher an Bielefeld liegt. Das muss ich als Zugezogene nicht verstehen. Ich fände es schön, wenn Werther zu Bielefeld gehören würde. Nicht nur, weil wir hier eine stabile Null in der Causa Corvid fahren.
Ja ich setze mich gerne mal in die Nesseln, weil es so schön prickelt am Hintern!
Aber das nur am Rande.

LEBENSWERTHER. Oh, dachte ich, gefällt mir, scheint diesmal auch kein Blättchen aus der orthodox religiösen Fraktion zu sein, also gab es Altpapierverschonung für das in Rot aufgemachte Paper, das heute Morgen im Briefkasten steckte.

Gleich auf der ersten Seite lächelt mir ein sympathischer Mensch entgegen. Der Bürgermeisterkandidat der SPD. Der mit dem Hut. Aber diesmal ohne Hut.

Ach ja, stimmt, wir wählen einen neuen Bürgermeister. Die bisherige Meisterin tritt ab und versucht ihr Glück als Kandidatin zur Landrätin. In Ermangelung einer Nachfolgemeisterin stehen etliche Meister in unterschiedlichen Farbschattierungen zur Wahl.

SPD. Die Roten. Die Sozis.
Schon in meiner Kindheit war die SPD eine Partei, die man einfach nicht zu wählen hat. CDU und wenn es gar nicht anders geht auch mal die FDP, aber das war schon ziemlich progressiv. Ich wählte GRÜNE und galt als linker Revoluzzer.

Ich blättere und lese im LEBENSWERTHER. Gut gemacht, guter Text, ansprechende Bilder und tatsächlich Themen, die mich beschäftigen.

Die Wahrscheinlichkeit, dass ich in diesem Dorf alt werde, also noch älter als ich sowieso schon bin, und irgendwann sterbe ist hoch.
Wie möchte ich leben? Jetzt und in den nächsten – mit Glück – drei Jahrzehnten, die mir noch bleiben? Woran liegt mir? Was wünsche ich mir? Was brauche ich? Welche Ideen habe ich, die ich vielleicht einbringen möchte?

Das Blatt inspiriert mich. Ich bin überrascht und das überrascht mich.

Auch im beschaulichen Werther kann man nicht einfach so weitermachen wie gehabt, sonst ersticken wir hier alle an Langeweile und Klüngel.

Neue Ideen und Impulse täten gut, ins Handeln kommen anstatt ewig und drei Tage zu debattieren.
Der schwere, lehmige Boden ostwestfälischer Qualität kann mal ein bisschen mit frischer Erde belüftet werden.

Veith Lemmen, der Kandidat der SPD, ist ein Zugezogener, wie ich. Damit kann er zumindest bei mir punkten.

Wer von Außen hier Fuß fassen will, der hat einen sehr schweren Stand!
Offenheit und Toleranz waren zumindest vor 30 Jahren, als wir hier herzogen keine Tugend der alteingesessenen Wertheraner.

Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man die Wertheraner für die Erfinder von Castings halten. Hier tritt man nicht einfach in Freundes- und andere Kreise ein. Das wird erstmal intern besprochen, dann stellt man sich vor und mit viel gutem Willen wird der Fremde dann bewilligt, vorausgesetzt er ist trinkfest, kann Pickert backen und sorgt für eine ordentliche Rasenkante an der Grundstücksgrenze.
Aber fremd bleibt er trotz aller Bemühungen. Lange. Sehr lange!

Es ist klug, dass Veith Lemmen sich entschieden hat, seinen Hut auch einmal abzunehmen!
Denn ob Werther und seine braven, bodenständigen Bürger bereit sind für einen Bürgermeister mit ausgefallener Attitüde? Who knows. Wir sind hier schließlich nicht in Köln!

Ja in Ostwestfalen ist ein Hut immer dann extravagant und in hohem Maße suspekt, wenn er nicht auf dem Kopf des Feuerwehroberbrandmeisters oder des Jägers sitzt.

Jedenfalls ist Herr Lemmen jemand, der ausführlich, klar und erfreulich konkret zu Protokoll gibt, was er sich vorstellt. Ich kann mir Dank LEBENSWERTHER ein runderes Bild von ihm machen, obwohl er gar nicht mehr rund ist, was ihm sehr gut steht.

Baby take off your coat
Real slow
And take off your shoes
I’ll take off your shoes
Baby take off your dress
Yes yes yes

You can leave your hat on. (Joe Cocker)

Aber, lieber Veith Lemmen, nachdem Sie sich nackt bzw. oben ohne gezeigt haben, bitte setzen Sie den Hut wieder auf, wenn Sie unser neuer Bürgermeister geworden sind.

Als Zeichen dafür, dass wir auch in Werther Neumachen können oder zumindest mal ein bisschen anders, ein bisschen extravagant und suspekt im besten Sinne.

 

 

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