Hirnanstich

Der Zugang ist versteckt. Wenn man ihn findet, dann führt er über die olfaktorische Region in den obersten Bereich der Nasenhöhle.
Umgeben von einer Flüssigkeit, in Fachkreisen Liquor genannt, liegt er da. Der Schatz.

Das Gehirn.

Unser Denk- und Seelenorgan ist nur durch das Siebbein und ein paar Zellschichten der Schleimhaut von der Außenwelt getrennt. Hier bündeln sich die Fasern des Riechnervs. Hier ist das Einfallstor für Wirkstoffe aller Art. Hier beginnt der Transportweg direkt ins Zentrale Nervensystem.

Lebt hier die Sinnlichkeit?

Das Stäbchen ist lang. Und als es mir weit in die Nase eingeführt wird, treibt mir das die Tränen in die Augen und reflexartig verpasse ich dem Medizinmann einen ordentlichen Schups.
Dann ist der kurze und leicht schmerzhafte Stich ins Hirn auch schon vorbei.
Der Abstrich wird einige Tage später bestätigen, dass das Virus, das mich außer Gefecht setzt nicht das ist, was seit Monaten unseren Alltag bestimmt.

Mein Test war unangenehm, weil auch durch die Nase, schreibe ich wenig später meiner Freundin per WhatsApp.
Sie reagiert mit ihrem gewohnt trockenen Humor. Hirnanstich. Da kann man ja vielleicht auch was aktivieren. Bei manchen keine schlechte Idee. 

Ich reagiere mit einem lachenden Emoji und denke. Ja. Bei mir hat es irgendwas aktiviert. 

Es fühlt sich an wie freudig erregte Klarheit, wie die kreativen Schübe nach einem schweren Migräneanfall.

Es fühlt sich an wie ein lauschiger Abend mit inspirierenden Gesprächen, Musik und einem schönen Wein. Oder zwei.

Es fühlt sich an wie der Zieleinlauf nach einem langen Lauf.

Es fühlt sich an wie eine gelungene Improvisation auf dem Klavier, die einfach so über einen kommt.
Es fühlt sich lebendig, optimistisch, bewegt an.

Orgiastisch. Fast.

So fühlt es sich an, wenn man sich selbst begegnet. Nach langer Zeit! Und sich erkennt. Mit allem, was einen ausmacht. So fühlt es sich an, wenn man sich findet und gefunden wird, weil man gefunden werden will. Wahr.

Ich werde wohl nie erfahren, in welche Substanz das Zauberstäbchen, das durch meine Nase fuhr, getränkt war.

Manches im Leben hat kein Ende. Es bleibt weil es nicht anders kann.
Weil es zu uns gehört.
Auch dann, wenn wir es für eine Weile vergessen oder wenn wir es nicht mehr nah bei uns haben.
Das Ding mit uns bleibt! Es endet nicht. Erst ganz zum Schluss. Und ich glaube dann, am Ende, ist es gut wenn wir sagen können, dass wir gelebt haben, mit unseren Schmerzen und Ängsten, mit unserer Trauer und unseren Verluste. Mit den Stichen im Leben! Den schönen und den schmerzhaften.

Das Kribbeln nach meinem Hirnanstich wirkt nach. Wie der Duft, der uns immer wieder in die Nase steigt und in diese gewisse Stimmung versetzt, uns erinnert.

Lassen Sie es sich gut gehen!

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