Der kleine Alltagsscheiß

Sie hat mein volles Verständnis für ihre Reaktion.

Ihre Flugbahn kollidierte mit einem lebensbedrohlichen  Zangengriff, als sie dicht über die zarte Haut meiner Armbeuge flog, die ich gerade im Begriff war zu beugen, was unumgänglich ist, wenn man die Terrasse mit einem Besen reinigt, weil in der nächsten Stunde die Gäste zu einer lauschigen Grillparty erscheinen werden.

Sie musste stechen. Das ist ihr Instinkt. Ich musste Aua, so eine Scheiße, Scheiß Viech, diese Scheiß Wespen, schreien, das ist mein Instinkt. Scheiße ist seit 45 Jahren mein allerliebstes Schimpfwort, dicht gefolgt von Arschloch und F*ck.

Ihnen mag das einer erwachsenen Frau mit Grundbildung unwürdig und vulgär erscheinen. Das ist okay. Darf es.

Ich finde,  dass ein vulgäres Schimpfwort zur rechten Zeit in die richtige Richtung transportiert, Wunder wirken kann. Davon bringen mich auch meine täglichen Dates mit Mister Buddha nicht ab.
Wahrscheinlich werden beim Einsatz von Schimpfwörtern in der hintersten Flucht-Angriff-Region des Hirns Belohnungs- und Lusthormone freigesetzt.

Klar hatte ich, wieder auf meiner zivilisierten Basis gelandet, sofort ein schlechtes Gewissen. Insektensterben und so! Aussterbende darf man keinesfalls unflätig beschimpfen. Leben und leben lassen. Welt retten!

Sie hat schließlich in Notwehr gehandelt. Dieses kleine, bissige Biest! Was für ein Stachel.
Ihre Notwehr führte bei mir binnen weniger Minuten zu Schweißausbrüchen, einem rapide absinkenden Blutdruck und Taubheitsgefühlen im linken Arm.

Ich sank allergisch reagierend auf den frisch gemähten Rasen, überlegte, welchen Handlungsstrang ich zu erklimmen gedachte, schleppte mich in die Küche, halbierte eine Zwiebel, drückte sie auf die Einstichstelle, trank drei Gläser calciumhaltiges Mineralwasser und aktivierte meinen Optimismus.

Heute, entschied ich, heute war kein Tag, um wegen eines allergischen Schocks die Erdhaftung aufzugeben. Nicht heute. Nicht jetzt. Schließlich war Sommersession mit netten Menschen angesagt.

Ja ich neige dazu, immer mit dem Schlimmsten zu rechnen. Weil es so ein wunderschönes Erlebnis ist, wenn alles gut geht und sich schließlich, wie bei einem hollywoodreifen Happy-End, alles zum Guten wendet.

Vergebung ist auch so etwas Gutes. Aber leider hapert es damit bei mir. Es ist nicht so einfach, dieser Wespe zu vergeben.
Weil der Stich immer noch sehr weh tut, wie blöde juckt und eine Schwellung verursacht hat, die pulsiert, brennt, spannt und die Ausmaße eines Handtellers hat.

Der Stich der Wespe hat gesessen und einen kleinen Alltagsjammer hinterlassen.
Nun hilft es aber leider gar nicht, zu jammern und sich in der Vergangenheit zu suhlen.

Das wäre ja so, als würde man immer wieder in eine Badewanne steigen, in der schon 20 andere Menschen gebadet haben. Man würde den eigenen Dreck mit dem der anderen mischen und nicht so richtig sauber werden.
Irgendwie auch ein ekliger Vergleich.
Scheint ein Dirtymonday zu sein heute.

Was habe ich durch den Stich der Wespe in meine Armbeuge gelernt?
Gute Frage.

Dass man die Terrasse im Sommer grundsätzlich nicht fegen und stattdessen lieber gleich einen Gin Tonic trinken soll?
Dass schmerzhafte Dinge nun mal geschehen?
Und, dass Karma uns nicht entkommen lässt?

Meine logischen Schlüsse haben es in sich.

Aber wie sagte schon der schlaue Einstein Albert:

Logik bringt dich von A nach B.
Deine Phantasie bringt dich überall hin.

Und zum Glück ist ein Wespenstich nur ein kleiner Alltagsscheiß, der allerdings das Zeug hat, für eine Weile von dem großen abzulenken.

In diesem Sinne, sch…önen Abend Ihnen.

Ein Kommentar zu „Der kleine Alltagsscheiß

  1. Steffen Z.

    Nun, da wiederholen wir doch den Lehrstoff aus dem April 2019 noch einmal, den wir damals südlich des Äquators in Theorie recht schnell verstanden und, zumindest ich, in der Praxis auch umgesetzt haben:
    Gin Tonic, durch seine Wirkung in Kreisen der in Mücken-Risiko-Gebieten stationierten Bundeswehr-Gesellen auch „Malaria-Prophylaxe“ postuliertes zauberhaftes Mixgetränk, entfaltet durch den Inhaltsstoff Chinin
    https://de.wikipedia.org/wiki/Chinin eine Stechinsekt abwehrende Wirkung, zumindest wenn man fest daran glaubt. Wozu der Gin in diesem Cocktail ? Lässt den Wirkstoff schneller ins Blut und damit in den gesamten Körper gelangen und macht bei ausreichender Menge auch gleichgültig gegen alles was fliegt und krabbelt…
    Fazit: Beim nächsten Mal ERST erst saufen und DANN putzen 🙂

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