Der Wald und die Freundschaft

Heute Nacht habe ich schlecht geschlafen. Beschissen, um es auf den Punkt zu bringen und den Zustand zu umreißen, in dem ich mich heute Morgen um 7 befand.

Dabei soll um diese Uhrzeit angeblich die Welt noch in Ordnung sein. Für Frühaufsteher oder für Menschen, die mit 2 Stunden Schlaf in der Nacht auskommen.

Nicht für mich. Ich bin die Nachtigall und nicht die Lerche. Ich brauche 8 Stunden Schlaf, sonst fühle ich mich so, als würde ich eine Grippe bekommen. Und das braucht kein Mensch, in Corona Zeiten schon gar nicht.

Global betrachtet, Sie kennen das von diesem niedlichen Blog, ist es das Luxusproblem einer Provinzfrau und dient lediglich dem Zweck, Sie ein wenig zu unterhalten.

Kein Luxusproblem ist allerdings die Tatsache, dass der Wald vor meiner Haustür massive Einschnitte ertragen muss.
Die Fichten fallen in einer Zahl der Trockenheit und dem Borkenkäfer zum Opfer, die wirklich wehtut. Weil man es sehen kann, wenn man durch den Wald läuft oder mit dem Hund die Runde dreht.

Fatal zudem, dass Fichten hier bei uns es ohnehin schwer haben, Wurzeln zu fassen.
Wären die Fichten Buchen, wäre das Problem kleiner. Denn Buchen haben tiefe Wurzeln und können langanhaltende Trockenheit und die Nebenwirkungen gut überstehen.

Der Mensch findet es aber besser, Fichtenwälder zu bewirtschaften. Denn der Mensch findet, dass Baumplantagen einen höheren Gewinn bringen als Wälder.

Wenn Sie das Thema triggert, dann halten Sie mal Ausschau nach Peter Wohlleben. Ich habe einen Artikel über ihn und seine Arbeit geschrieben, den ich Ihnen hier verlinke.

Jetzt klaffen also riesige kahle Stellen, wo vorher hunderte von Bäumen standen. Staubige Kraterwüsten. Knochentrockener Waldboden.

Der Wald, so wie ich ihn kenne und liebe, verliert sein Gesicht und sein Leben.
Das ist schlimm.
Es geht über den natürlichen Lauf und die Veränderung der Dinge weit hinaus.

Erst wenn wir es mit eigenen Augen sehen, fangen wir an zu glauben, was wir bisher nur hörten oder was sich bisher nur weit weg von uns ereignete.

Es hat auch meinen Freund erwischt.
Er war nicht nur meiner, er war offen für alle, die in sein Leben traten.

Er hatte diese besondere Ausstrahlung. Dieses gewisse Etwas.
Dass es der Krebs war, der ihm zu einer außergewöhnlichen Erscheinung verhalf, verleiht dem Ganzen einen Touch morbider Sinnlichkeit.

Viele Jahre gehörte er zu meinem Leben. In manchen Jahren lief ich mehrmals in der Woche an ihm vorbei, hielt kurz inne, umarmte ihn oder legte ihm zumindest kurz die Hand auf die imaginäre Wange.

Wenn es mir nicht gut ging, lehnte ich mich bei ihm an, schloss die Augen, atmete einige Male tief durch und hatte das Gefühl, dass er mir Kraft gibt. Zum Weiterlaufen. Zum Weitermachen. Zum wieder heiter werden.

Kann man Freundschaft für Bäume empfinden?

Wenn Freundschaft Verbundenheit und Loyalität bedeutet, wenn es bedeutet, dass man sich nicht oft sehen muss und trotzdem in Beziehung bleibt, weil man erfasst hat, dass man gemeinsam zu einem großen Ganzen gehört, wenn es bedeutet, dass das Wetter dabei überhaupt keine Rolle spielt und auch die Entfernung nicht, wenn es bedeutet, dass Freundschaft der Liebe entspringt, dann kann man das.

Und dann besteht diese Freundschaft über alle Dimensionen hinaus.

Mein Freund der Baum ist tot.
Aber er lebt weiter in all den Bäumen, die mich und Sie, uns alle, um Äonen überleben werden.

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Foto: Haller Kreisblatt, 29.7.2020, Fichte am Nordhang des Teutoburger Waldes bei Werther/ Westfalen.

Ein Kommentar zu „Der Wald und die Freundschaft

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