Die Insel der Verschmutzung

Wie war Ihre Nacht?
Apropos Siezen. Viele Autoren duzen ihre Leser, um, wie sie sagen, Nähe herzustellen.

Ich finde ein Sie ist wie ein Schatz um den man weiß und ihn genau deshalb dort lässt, wo er ist. Weil sein Wert nicht von dieser Welt ist. Weil er sich vielleicht in Luft auflöst, wenn man ihn hebt.

Die Distanz des Sie hat für mich etwas Prickelndes, weil es die Intimität des Du schon längst in sich birgt. Jedenfalls, wenn der Kontext stimmig ist.

Das Sie, das ich meine, ist wie ein Gemälde, auf dem eine Frau uns ihren mit einem leichten Tuch knapp verhüllten Rücken zeigt, uns mit einem Blick über die Schulter auffordert, ihr zu folgen und in diese Geste so viel Reinheit und Klarheit legt, dass wir diesem Moment jede Anzüglichkeit absprechen und Vertrauen fassen.

Wer, so wie ich, in öffentlichen Tagebucheinträgen die Hüllen fallen lässt, der braucht das Sie als schützendes Tuch.

Es ist Montag. Mein Tag begann müde. Die Nacht war heiß und mein Schlaf oberflächlich.
Das Sommergewitter brachte keine Entspannung, es entlud sich nicht vollständig. Auf die Hitze folgte nicht die erfrischende Kühle, sondern eine neue Hitzewelle.

Da trifft es sich gut, dass mitten im Garten ein Pool steht, in den man bis zur Mitte der Wade ins kühle Wasser eintauchen kann. 
Man kann sich natürlich auch komplett hineinlegen. Ich würde das an diesem sehr warmen Sommermorgen gerne und am liebsten nackt tun, was allerdings in Anbetracht der Handwerker, die auf einem hohen Gerüst das gegenüberliegende Haus klinkern dann doch nur ein kurzes Aufflackern von archaischen Gelüsten bleiben muss.

Ich entschied mich für Wassertreten, die Hündin für Wasserschlabbern, wir beide verhüllt in Baumwolle und Fell, und die Privatsphäre wahrend.

Meine Schritte und das Schlabbern brachte das, was sich im Wasserbecken angesammelt hatte in Wallung. Blätter, Blüten, Gräser, Insekten. All das Zeug, das sich während der Nacht am Rand des Beckens zur Ruhe gesetzt hatte, wurde jetzt wieder aufgewühlt.

Die Insel der Verschmutzung ist auch die Insel der Wahrhaftigkeit.
Ja so ist es, dachte ich, während ich meine Runden drehte.

So lange man ne Welle macht, fällt einem der ganze Unrat gar nicht so auf. Die Blätter, Gräser, Hundehaare und toten Insekten schwappen mit der Welle und gehen in ihr unter.
In der Ruhe wird alles viel klarer. Da sammelt sich alles am Rand und auf dem Boden und es wird deutlich, dass das Wasser gar nicht so klar ist, wie man vielleicht annahm.

Wer sind wir, wenn all das Geplapper, all die Bilder, all die Ablenkungen weg sind? Wenn alles in uns zur Ruhe kommt?

Diese Fragen las ich kürzlich und sie sind schon seit langem eine Maßeinheit für ein Leben, das ich leben und ergründen möchte, um mir und dem Sinn meines und unseres Daseins auf die Spur zu kommen.

Ich greife jetzt zum Sieb und fische die Teile und Teilchen aus dem Pool, die da nicht hineingehören. Und dann gehe ich noch ein paar erfrischende Schritte über die Insel der Verschmutzung, die auch die Insel der Wahrhaftigkeit ist.

Ihnen einen erfrischenden und guten Tag!

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