Migräne und sonst nichts

Um 4:21 Uhr ging nichts mehr. Migräne at it’s best und ich war wenig überrascht, dass sich Schwindel und Übelkeit hinzugesellten.
Ich hätte es wissen müssen! Denn schließlich verfüge ich über jahrzehntelange Expertise in Sachen Migräne.

Sie ist nicht erst da, wenn ihre typischen Symptomen einsetzen. Sie kündigt sich schon Tage vorher an: Es beginnt mit einem Wechselspiel aus ungezügeltem Appetit von Süß auf Salzig und zurück.
Kohlehydrate müssen her. Kekse und Brot.
Irgendwann kommt dann das Gefühl dazu vollkommen aufgedunsen zu sein, was nicht überrascht, wenn man sich gegen seine sonstigen Gewohnheiten pfundweise mit Hefe und Mehl zuschüttet.
Der Bauch bläht sich, die Augen werden klein und geraten unter Druck, das Denken verlangsamt sich.

Ich weiß, dass sich das nicht besonders schön liest und ziemlich aus dem Nähkästchen plaudert. Es ist auch nicht schön. Gar nicht. Besonders dann nicht, wenn man seine Zeit ganz anders verbringen möchte, als sie mit so einem Arschloch wie Migräne zu vergeuden.
Migräne ist ein Arschloch und ich frage mich, warum es immer noch nichts dagegen gibt, das zuverlässig hilft.

Es gibt inzwischen einige Podcasts zu dem Thema. Migräne als Superkraft, Mein Freund Migräne etc.
Nein. Leider nein. Weder das eine noch das andere.

Migräne gilt als chronische Erkrankung, erhöht das Schlaganfallrisiko und macht die Filter im Kopf, die dafür sorgen, dass man sich gut konzentrieren kann, dünn und porös.

Stress, Druck, Wetter, Licht, Alkohol, Ernährung, Genetik sind Faktoren, die im Verdacht stehen, Migräne zu triggern.
Der Begriff Hochsensibilität fällt häufig im Zusammenhang mit Migräne. Er steht aber auch im Zusammenhang mit Traumaerfahrungen in der Kindheit.
Es gibt keine wirklich zuverlässigen Studien.
Jedenfalls keine neueren, seitdem Elaine Aaron den Themenpott Hochsensibilität aufgemacht hat.

Möglicherweise ist es auch umgekehrt, dass Menschen, mit eben diesen fehlenden Filtern besonders anfällig für Migräne sind. Wer weiß.

Es gibt viele Arten von Migräne. Und bestimmt gibt es auch viele Arten von Sensibilität.

Und ein einzelner Betroffener kann unter mehreren Migränetypen leiden, sogar während eines einzelnen Anfalls.
Man müsste sich richtig ins Zeug legen vonseiten der Wissenschaft und Forschung, um hier zum Erfolg zu kommen.

Meine Sehkraft lässt regelmäßig nach, manchmal sehe ich Sterne oder Schneerieseln, manchmal verengt sich mein Sichtfeld zu einem engen Tunnel.
Die Kondition lässt rapide nach, der Herzschlag beschleunigt, manchmal fällt es mir schwer zu atmen.
Ich werde ungeduldig und gereizt.
Im Vorfeld, ca. drei bis vier Tage vor dem Anfall, träume ich sehr real, intensiv; teilweise halten mich Alpträume auf Trab die das Zeug hätten, Blockbuster auf der Kinoleinwand zu werden.
Und dann folgt das große, stundenlange, fulminante Finale.
Der hämmernde Schmerz im Kopf, der sich bei jeder noch so kleinen Bewegung steigert, obwohl man das für kaum möglich hält. Er bleibt über Stunden. Manchmal zwei, manchmal 72. Unter einer Stunde macht er es nicht.

Mit etwas Glück wirken 1000 mg Ibuprofen; wenn man sehr schnell ist und gleich ganz am Anfang hoch dosiert, kann es glücken.
Bei manchen wirken Triptane, bei anderen nicht. Bei mir nicht oder sehr selten, in extrem schweren Fällen greift man zu Opiaten.

Also wankte ich heute in den frühen Morgenstunden zum Medizinschrank und suchte halbblind nach Schmerzmitteln, wurde fündig und schmiss die Pillen ein.

Und während ich dalag und darauf wartete, dass der Wirkstoff seinen Job macht, stellten sich die üblichen Selbstvorwürfe ein.

Ich hätte mehr Sport oder Yoga machen müssen, ich hätte das Glas Wein gestern nicht trinken dürfen. Der Käse war zu viel, ich habe zu wenig Wasser getrunken, zu viel von dem und zu wenig von jenem.

Bullshit. Das macht es nicht besser und hilft kein bisschen.
Annehmen ist das Einzige, was bei einem Anfall hilft. Sich hinlegen, ausruhen, Augen zu.

Der Versuch, in der Meditation durch den Schmerz hindurchzugehen gelang mir heute Nacht nur ansatzweise.
Man kann nichts anderes machen als es durchzustehen und auch den ganzen nächsten Tag noch in piano und adagio zu verbringen.

Irgendwann stellt sich dann eine Art von heiterer Erleichterung ein, von Neuanfang. Das Gefühl, dass sich Geist und Seele gereinigt haben und dem Körper wieder zu Kräften verhelfen.

Und genau das mache ich heute auch.
Atmen und Körper, Geist und Seele wieder in eine Einheit kommen lassen. Sich einpendeln.

Ihnen wünsche ich einen gesunden und heiteren Tag mit guten Ideen und Freude am Leben. Selbst dann, wenn es mal nicht so läuft, wie wir uns das vorstellen. Alles andere ist Quatsch.

Die Ihre.

4 Kommentare zu „Migräne und sonst nichts

  1. Wenn Dich einmal Migräne packt, verliere nicht den Mut,
    viel Gin mit etwas Tonic drin macht alles wieder gut 😉
    Ich glaube, das Original war irgendwas mit Grippe, warmer Milch und Honig… oder so.

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    1. Der Schmerz macht sich bereits vom Acker, so kann ich bald gewohnt wie wacker, es fröhlich und frivol versuchen, dem Gin zu frönen statt dem Kuchen.

      ;- ) Liebste Grüße und Danke.

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