Sorry, ich brauche nichts, allein, Luft, Liebe, Wald und ein Buch

Glauben Sie von sich selbst auch, dass sie ein Mensch sind, mit dem es andere sehr gut aushalten können? Also jemand, mit dem Sie selbst gerne leben würden? Nochmal anders gefragt, kommen Sie selbst gut mit sich klar? Sind Sie geübt im Alleinsein? Haben Sie Erfahrung in der Begegnung mit sich selbst? Nicht? Dann fangen Sie an zu üben. Wer es mit sich selbst gut aushalten kann, der ist meist ein angenehmer Zeitgenosse, mit dem man gerne zusammen ist. Oder?

Jemand, der sich mit sich selbst beschäftigen kann, keine Angst hat, allein unter Menschen zu gehen und der einem oder mehreren Hobbys nachgeht, vielseitig interessiert ist oder bei Tätigkeiten in den Flow gerät, über die andere nur den Kopf schütteln, der hat immer was zu erzählen, der ist bestimmt nicht langweilig. Oder? Wenn Sie bis jetzt das Alleinsein nicht geübt haben, fangen Sie an.

Unternehmen Sie etwas. Allein. Probieren Sie etwas aus. Allein. Selbst wenn Sie in einer Beziehung leben, gehen Sie raus und unternehmen Sie öfter mal etwas. Allein. Das macht unabhängig, stärkt das Selbstwertgefühl und bringt Schwung in ihr Leben. Denn mal ehrlich und Butter bei die Fische: Wir kommen allein auf die Welt und wir gehen auch allein wieder. In der Zeit dazwischen teilen wir unser Leben mit anderen Menschen. Die haben die Eigenschaft zu kommen, zu bleiben und zu gehen.

Nur in Ausnahmefällen kommen sie so wieder, wie man sie verlassen hat oder sie uns. Unser Leben, Ihres und meins, bleibt unser ganz persönliches Leben. Bei aller Liebe und Leidenschaft und dem Wunsch der Symbiose, der uns im Eifer des Gefechtes überkommen mag. Sie lernen, wenn Sie allein unterwegs sind, viel schneller andere Menschen kennen und sich selbst. Leute, die allein reisen, berichten immer wieder von super Begegnungen mit interessanten Menschen aus aller Welt. Als Paar oder in einer Gruppe klappt das nicht. Und vor dem Fernseher oder mit Netflix auch nicht.

Was machen wir denn am Wochenende? Wenn diese Frage schon am Montag von demjenigen an mich herangetragen wird, der gekommen ist um eine Spanne Zeit zu bleiben, neige ich zu Sitzblockaden, aggressiven Verbalreaktionen oder eiskaltem Schweigen mit heruntergezogenen Mundwinkeln. Schön ist anders. Ich werde ’ne richtige Zicke. Möglich, dass ich auch schon immer eine war. Ich habe da was munkeln hören.

Außer zur Gattung der menschlichen Zicken gehöre ich auch zu der Spezies, die problemlos allein sein kann und der so gut wie nie langweilig wird und die weder städtische Zerstreuung geschweige denn mehr als maximal sechs andere Menschen um sich herum braucht. Das war früher anders: Jetzt ist es wie es ist. Lieber ein gutes Buch als eine smalltalkgeschwängerte Party.

So viel zur Frage, ob ich gerne mit mir leben würde. Mit einem asozialen Lese Nerd leben? Oh nein. Das wäre Horror. Allerdings wüßte ich dann, dass ich die Frage nach der Wochenendgestaltung keinesfalls am Montag und schon gar nicht vor 10 Uhr morgens zu beantworten gedenke.

Der erfahrene Anfrager wartet einfach stoisch bis Dienstag ab. Bis dahin bin ich nämlich selbst auf den Trichter gekommen, dass wir uns hier auf dem Lande rechtzeitig vorbereiten müssen. Wir sind hier schließlich nicht in Berlin, Hamburg, München oder Köln, wo man mal eben spontan etwas machen kann, wonach einem gerade ist. By the way. Die Menschen in besagten Städten leiden derart unter Vereinsamung, dass Ihre Mortalität auf gleichem Level ist als würden sie fünfzehn Zigaretten am Tag rauchen. Soweit die Studienlage, was die Altersgruppe der zwischen 25 und 40Jährigen und der über 70Jährigen betrifft.

Wir sind mitten drin, leben auf dem Land, wo von Vereinsamung nun wirklich keine Rede sein kann, man aber am Dienstag schon klar haben muss, welches Restaurant man am Samstag besuchen möchte. Und dann heißt es schnell sein. Denn hier weiß jeder was der andere tut, auch welches Restaurant er gebucht hat, selbst dann, wenn er es nur von jemandem gehört hat, der es von jemandem gehört hat, dessen Schwester mit dem Cousin vom Schwager der Tante und von der die Cousine dritten Grades es gehört haben will. Aber ich nenne keine Namen.

Was macht man nun also, um einen Wochenendkompromiss für, sagen wir mal ein Duo aus Wald-Wiese-Hund-Schratin und Shopping-King-Hummeln-im-Hintern-Macher zu finden? Das Zauberwort heißt Schnittmenge. Ein bisschen davon, ein wenig hier von, gutes Essen, Wein, fertig gezaubert.

Corona ist für so gut wie nichts gut. Außer, sich auf das zu besinnen, was man hat, auch vor der eigenen Haustür. In unserem Fall fiel die Wahl auf den Botanischen Garten, eine Shoppingrunde im ostwestfälischen Oberzentrum Bielefeld und anschließend leckere Tapas und Sangria in der besten Tapasbar der Provinz.

Ich bin heute nicht gut darin, die Schönheit und die wunderbar entspannte Atmosphäre des Botanischen Gartens auszumalen. Es ist Montag. Aber wenn Sie in der Nähe wohnen und den Garten noch nicht kennen, nichts wie hin, auch eine längere Anfahrt lohnt sich, auch deshalb, weil Bielefeld mehr zu bieten hat als Karstadt, Loom & die schwedische Bekleidungskette.

Der Botanische Garten ist ein Kleinod und für Pflanzenfotografen ein Augenschmaus. Ganz im Gegensatz zum Mittelteil: Shopping in Bielefeld City. Corona? Was ist Corona? Da wird gedrängelt und geschubst als gäbe es kein Morgen. Abstand? Ach was. Maske? Wo denkst du hin? Für den Triumph der Dummheit reicht es, dass die Klugen die Klappe halten. Ist nicht von mir, sondern frei nach Edmund Burke und von Doc Hirschhausen aufbereitet.

Aber es stimmt leider. Auch in Bielefeld, nicht nur in Berlin und Köln und Hamburg. Corona ist gekommen um zu bleiben und zu verändern, was schon vorher nicht mehr zu erhalten war. Von allem viel zu viel, besonders was Kleidung im günstigen oder mittleren Segment angeht. Ich habe schon fast ein schlechtes Gewissen, dass ich nichts kaufe. Ich brauche einfach nichts. Sorry. Ich habe alles was ich brauche und noch mehr.

Die Container der Altkleidersammlung quellen über, die Abnehmer in den Schwellenländern, was für ein blöder Begriff, nehmen nichts mehr ab, die Billigklamotten sind von derart minderwertiger Qualität, dass sie nicht mehr recycelt sondern nur noch verbrannt werden können. CO2 steckt somit auch in jedem billigen Kunstfaserfähnchen.

Hinter mir liegt der erste Teil meiner Einkehr- und Aufräumsession. Ich nahm Herrn Hesse wörtlich und durchschritt in der vergangenen Woche mehr oder weniger heiter Raum um Raum unseres Hauses. Mit poetischem Tiefgang hatte das weniger zu tun als mit der Notwendigkeit, endlich mal wieder gründlich aufzuräumen und sauber zu machen. Denn, wer die Welt in Ordnung bringen will, fängt am besten bei sich selber an. Wie außen so innen. Um diese Ordnung auch in mir drinnen zu erhalten, übte ich Einkehr.

Nennen Sie es Meditation, nennen Sie es Gebet, nennen Sie es, wenn Sie sich dem pädagogischen Ansatz verbunden fühlen Stille Treppe. Aufräumen, putzen, still werden, atmen, sich sortieren. Das war in groben Zügen mein Programm in der hinter uns liegenden Woche. Unterbrochen nur von den Waldrunden mit der Hündin.

Den Hygienikern unter Ihnen darf ich versichern, dass ich meiner Körperpflege selbstverständlich nachgekommen bin. Gegessen habe ich auch, gesund sogar und in der Tat komplett vegetarisch. Ich glaube nicht, dass die Welt jetzt deutlich an Ordnung gewonnen hat und mein Verhalten den Ressourcenraubbau merklich gelindert hat. Mir scheint eher das Gegenteil der Fall zu sein. Das Motto, Es muss erst schlimmer werden, bevor es besser wird, scheint der Untertitel der Coronapandemie zu sein.

Putzen rettet nicht den Zustand der Welt. Natürlich nicht. Und Corona mit all ihren Erscheinungen und Auswirkungen ist immer noch da und wird unser Leben nachhaltig verändern.
Dass Böse und die Dummheit werden bleiben. Aber immerhin haben es die Freunde und Unterstützer von Herrn Navalny geschafft, ihn lebend außer Landes und hoffentlich in vorläufige Sicherheit zu bringen, alles weist auf eine Vergiftung hin. Möge er sich erholen, aus dem Koma erwachen und seinen geistigen Zustand wieder erlangen.
Kellyanne wechselt derweil längst überfällig die Seiten, auch weil Ehemann und Tochter öffentlich Druck ausgeübt haben und Bayern München hat irgendeinen Topf gewonnen.

Bevor ich mich jetzt von Ihnen verabschiede, habe ich noch zwei Empfehlungen.
Ein Buch und ein Musik Album.

Das Buch, das ich Ihnen ans Herz legen möchte, heißt Das war die schönste Zeit und ist von der britischen Autorin Jane Sanderson. Es geht um die erste große Liebe Ende der 70er Jahre. Also vielleicht für alle interessant, die inzwischen locker die 60 anpeilen. Manchmal kratzt es haarscharf am Kitsch vorbei, nimmt einen dennoch gefangen und ist als Abwechslung für Leser*innen (jep, auch hier geht der Genderstern auf), die sonst schwerere Kost bevorzugen ein wirkliches Highlight. Ich verlinke Ihnen das Teil unten.

Nächste Empfehlung, die ich selbst am Wochenende von Steffen Z. bekam ist das Album Tracker aus 2015 von Mark Knopfler. Tolle, eingängige, tiefe Songs. Am besten mit Kopfhörer hören, Augen zu und für ne Weile Wegdriften lassen. Einfach klasse.
Jetzt wünsche ich Ihnen eine Woche, die nach Ihrem Geschmack ist und in der sich Ihnen Gelegenheiten bieten, sich selbst zu begegnen, etwas zu tun, was Sie schon immer mal tun wollten oder eigentlich gar nicht können und dennoch tun. Und wenn andere den Kopf darüber schütteln, können Sie sicher sein, dass Sie richtig liegen. In diesem Sinne, trust in you and not in Schofelköppe 😉

Bis nächste Woche, die Ihre.


Musiklink Mark Knopfler, Tracker, 2015, auf Spotify
Buchlink Das war die schönste Zeit, Jane Sanderson, Goldmann, 2020





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