Schweigen im Kloster und die Folgen

Oh mein Gott! Dreimal hintereinander fünfundzwanzig Minuten?

Noch sitze ich bequem mit einem Kissen im Rücken an die Wand gelehnt. Mein Wolltuch über den Knien, die Beine lang ausgestreckt. Entspannt, ruhig, seelensatt irgendwie, sitze ich da, als die frohe Botschaft mich erreicht.
Und ich weiß, dass mir in Kürze wieder die Füße einschlafen werden, weil ich mit einer kleinen Bank unter dem Hintern und angewinkelten Beinen in eine aufrechte Sitzhaltung kommen werde.

Schulter und Nacken werden sich schwertun, locker und entspannt zu bleiben. Doch das alles werde ich ausblenden können und erst nach Beendigung der Sitzung spüren. Alles eine Frage der Übung.

Als würde ich einen Hoffnungsschimmer gut gebrauchen können, streift mich ein Sonnenstrahl und ich schließe kurz die Augen und genieße den Moment.

Hinter mir liegen etliche Einheiten kontemplativer Innenschau und viele Stunden des Schweigens und stillen Betens.
Als Bruder Jakobus an diesem sonnigen Sonntagmorgen, dem letzten Seminartag, seine Ankündigung macht, ist mir auf einmal alles zu viel.

Zu viel Einkehr, zu viel Stille, zu viel Kontemplation. Wir sollen zum Ende des Kurses tatsächlich einen kontemplativen Marathon hinlegen? Dreimal hintereinander für 25 Minuten meditieren? Das ist ja mehr als eine Stunde!

Ich habe Erfahrung mit Meditation, Yoga, autogenem Training, Muskelentspannung und Autosuggestion.
Ich habe Erfahrung darin, mich auf ein Gebet einzulassen.

Diese Erfahrungen werden am Wochenende im Kloster Münsterschwarzach eine neue Qualität bekommen und in mir das Gefühl hinterlassen, dass mein weiterer Weg einen Fokus bekommen wird, der für mich das langsam und allmählich zur Vollendung bringen kann, was ich in mir trage.

Ein Leben eher im Hier und Jetzt, eher im Innen als im Außen, eher in Stille als im Lärm und der permanenten Reizüberflutung, eher in eine Richtung, die vom Kopf in den Bauch geht und schließlich im Herz ankommt.

Eher ein Leben das zeigt, dass Gott ein Begriff ist, der gefüllt werden kann mit dem, was menschlich ist.

Ein Leben im Fluss, das, wenn es endet vielleicht sogar über eine Idee von Weisheit verfügt, jedenfalls über Liebe, über Agape. So hoffe ich.

Nein, ich werde keine Nonne, ich bleibe nicht für immer im Kloster. Obwohl ich zugeben muss, dass es verlockende Momente gibt. Ich vermute, dass ich meinen Mann und meinen Hund nicht mitbringen dürfte und somit ist der Fall für mich klar.

Ich nehme mit und versuche umzusetzen und zu üben und mein kleines Leben zu leben. Es ist wie es ist. Und daraus mache ich das Beste. So oft ich kann.

Weniger im Denken, mehr im Spüren. Der Intuition vertrauen. Überhaupt mehr vertrauen, dass sich alles findet, dass alles Sinn macht, auch wenn ich es mit dem Verstand nicht verstehe.

Sich Zeit nehmen, achtsames Tun, sortieren, aufräumen, fokussieren. Ehrlich und wahrhaftig zu sich selbst zu sein und natürlich auch zu denen, die einem ans Herz gewachsen sind.
Und schließlich den Hochmut abzulegen, irgendetwas kontrollieren, manipulieren oder lösen zu können, was außerhalb der eigenen, sehr beschränkten Möglichkeiten liegt.

Am Sonntag Vormittag gehen wir noch einmal in eine intensive Übung, sagt Bruder Jakobus.
Das heißt, wir werden dreimal fünfundzwanzig Minuten in die Kontemplation gehen, jeweils unterbrochen durch eine Runde achtsames Gehen.
Manche von Ihnen denken sich jetzt, super, andere denken eher Oh mein Gott. Das ist alles in Ordnung.


Kann Bruder Jakobus meine Gedanken lesen? Ich jammere laut in meine Stille besagtes Oh mein Gott.
Es ist wohl eher seine lange Erfahrung mit der Kontemplation und mit Menschen, die ihn so ruhig und gelassen gemacht haben. Sein Glaube. Sein Leben in der klösterlichen Gemeinschaft.

Bruder Jakobus kommt alles andere als weltfremd oder entrückt ‚rüber. Ganz im Gegenteil.

Seine ruhige und klare Art lässt mich darauf vertrauen, dass es klappt mit den dreimal 25 Minuten. Und es lässt mich darauf vertrauen, dass es, wenn es nicht klappt, so sein darf. So ist das Leben. Mal läuft es und mal eben nicht.

Weil es ist wie es ist. Weil nichts besser oder schlechter ist. Weil Verurteilungen und Bewertungen keine Instanzen sind.

Ich spüre meine Angst. Die, die mir im Nacken sitzt. Die, die mir zu schaffen macht. Die Angst, nicht gut genug zu sein, etwas nicht auf Anhieb zu können, zu versagen, vielleicht aufgeben zu müssen; vielleicht weinen zu müssen, Schmerzen zu haben, aufzubrechen und das, was sich zeigt, nicht mehr unter Kontrolle halten zu können. Loslassen? Loslassen.

Emotionen dürfen sein. Sie sitzen im Körper. Angst, Hass, Groll, Wut, Trauer sind erlaubt. Es sind gesunde Emotionen. Sie wollen gesehen werden! Schauen Sie sie an, schauen Sie hin, was sie Ihnen sagen wollen. Und dann gehen Sie nach Innen. Das meiste von dem, was sich zeigt hat viel mehr mit Ihnen zu tun als mit dem Auslöser.

Irgendwann im Verlaufe dieses Wochenendes bin ich dankbar und sonst nichts. Während ich auf meiner Meditationsbank hocke und mich auf meinen Atem konzentriere, während meine Füße taub werden, habe ich auf einmal dieses Halleluja, diese Freude in mir. Ich freue mich darüber, dass ich hier bin und es so erlebe, wie ich es erlebe.

Ich freue mich, dass ich mit jeder Übung mehr meine Gedanken und Grübeleien lassen, weglassen kann.

Ich freue mich, dass ich bei aller Einkehr immer einen Blick für das Leichte und Komische behalte, dass ich mein Herzliches Sein spüre, das sich zu lachen traut.

Kontemplation und Humor, geht das, darf das sein?, frage ich in einem der Gruppengespräche.
Die Antwort darauf ist längst in mir. Klar darf das sein. Das ist Leben. Das ist Freiheit. Wo kämen wir denn hin, wenn wir moralinsauer und bis zum Anschlag bierernst durch das Leben schlüren?

Selbstverständlich, antwortet mir Bruder Jakobus und lacht.
Einige seiner Mitbrüder würden ihn zuweilen fragen, warum manche seiner Teilnehmer so ernst seien.
Nun, würde er dann antworten, an ihm läge es nicht. Die Teilnehmer hätten dann wohl Themen, die sie traurig oder ernst machen würden.

Das kann ich nicht begleiten, ist ein Satz von Bruder Jakobus, der es mir besonders angetan hat.
Sich abgrenzen. Die Verantwortung beim anderen lassen. Nur das tun, was in der eigenen Kraft steht.

Das Wochenende in Münsterschwarzach war ein Aufbruch!

Ob ich es Ihnen empfehle, dorthin zu fahren und ein paar Tage das klösterliche Angebot anzunehmen?
Das Essen ist okay, Handygebrauch unerwünscht, Rauchen auch.
Es gibt kaum Ablenkung. Kein Club, keine Szene, keine Shoppingmall.

Nur ein kleiner Buchladen, eine Klosterbäckerei und eine Klostermetzgerei. Viel Landschaft drumherum, eine Abtei, ein kleiner Garten, ein Labyrinth. Sportplatz.

Lassen Sie sich darauf ein, öffnen Sie sich, sagt Bruder Jakobus am Freitagabend, als unser Kurs beginnt.
Konzentration ist anstrengend. Konzentrieren Sie sich nicht. Machen Sie sich weit und offen für das, was in diesen Tagen passiert.

Sie werden spüren, ob und wann Ihre Klosterzeit gekommen ist. Für mich war es Gold.
Ich übe mich weiter in Kontemplation. Das ist mein Ding! Auch wenn jetzt wieder viele meiner Pläne und Ideen in Frage gestellt sind. Weil sich Fokus und Prioritäten verschoben haben. Weil mein Blick auf die Dinge des Lebens ein anderer ist als er vorher war.

Weil vor allem die Frage steht, ob das, was wir tun das ist, was uns innerlich nährt und blühen lässt.

Bis bald.



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