Die Seifenblase

Erinnerst du dich noch an diesen Sommer damals? Er dauerte mindestens eine Ewigkeit. Die Sonne schien täglich von morgens um fünf bis abends um halb zehn. Es regnete nur nachts.
Wenn es gewitterte, lagen wir mit zusammengebissenen Milchzähnen auf der Besucherritze im Ehebett und zählten die Zeitspanne zwischen Blitz und Donner. Eins, zwei, drei, vier, fünf und hielten uns die Ohren zu, wenn es schließlich mächtig krachte. Ein schaurig-schönes Abenteuer. Erlebt in der Sicherheit des elterlichen Federbettes.
Wir waren viele und wir spielten auf der Straße und in den verwilderten Gärten in der Nachbarschaft. Von Ostern bis Anfang September trugen wir Klapperlatschen oder liefen barfuß.
Die kratzige Schurwolle unserer Strumpfhosen riss uns im Herbst die letzten Schorfreste von den ramponierten Knien. Vorsichtig glitten unsere Finger über die zarte, rosafarbene Haut, die sich unter der Kruste gebildet hatte. Wir spürten, wie empfindlich die Stelle war. Ahnten wir, dass noch viele Verletzungen folgen würden? Dass wir uns noch sehr oft blutige Nasen und Knie einhandeln würden?
Ich war fünf und saß auf den Steinstufen vor unserem Haus. Mein dreckiger Kinderfuß steckte in einem dunkelbraunen Wildlederschuh.
Wer eine Schleife binden konnte, der gehörte zu den Großen in unserem Hinterhof.
Ich wollte unbedingt eine Schleife binden können. Ich wollte endlich groß sein. Mindestens so groß wie Jürgen. Der war nämlich schon zehn und fuhr ein echtes Jungenfahrrad -mit Stange!

Ich war so vertieft in meine Aufgabe, dass ich dich nicht wahrnahm. Erst, als eines der anderen Kinder meinen Namen rief, blickte ich auf und entdeckte dich.
Wie hübsch du warst. Und so schillernd! Du schwebtest auf mich zu. In dir lag meine ganze Kinderwelt in ihrer bunten Vielfalt. In dir lagen Vergänglichkeit und Versprechen zugleich.

Ich wollte dich für mich haben und am liebsten in dich hineinkrabbeln und mit dir wegfliegen. Doch in dem Augenblick, als ich meine Hand nach dir ausstreckte, machte es zart „plonk“ und du warst verschwunden. Alles was von dir blieb, waren ein paar Seifenspritzer auf meiner Hand.

Einige Tage später hatte ich Geburtstag.

Auf dem Wohnzimmertisch brannten fünf Kerzen, die um einen Topfkuchen herum aufgestellt waren.
Ein glänzendes, feuerrotes Kinderfahrrad war der Traum aller Kinder, die ich kannte.
Für mich hatte sich dieser Traum erfüllt. Da stand ein nagelneues, rotes Fahrrad.
Doch ich hatte nur Augen für die kleine, blaue Plastikflasche, die unscheinbar in dem Weidenkörbchen lag, das am Fahrradlenker befestigt war.
Vorsichtig drehte ich den Verschluss auf. Mein Herz klopfte wie wild. Ich zog langsam den roten Stab aus dem Fläschchen und blies vorsichtig durch den Plastikring.

Da warst du wieder. Meine Seifenblase! Und dir folgten viele andere bunt schillernde Kugeln.
Ich flog mir dir in fremde Länder und schaute mir die Wolken aus der Nähe an. Meine Kinderträume und Wünsche schickte ich mit dir zu den Sternen des Universums.
Kurze Zeit später konnte ich eine Schleife binden und ohne Stützräder Fahrrad fahren.
Ich kam in die Schule und wieder heraus, traf das Leben und die Liebe.

Du stehst in deiner blauen Plastikflasche mit dem roten Stab im Küchenschrank. Dich frage ich um Rat, wenn ich so etwas Ähnliches zu bewältigen habe, wie Schnürsenkel zu einer Schleife binden zu müssen.
Du erinnerst mich daran, wie wichtig ein kindliches Strahlen und Staunen manchmal ist. Meins und eigentlich das von uns allen, die wir längst die Klapperlatschen gegen vernünftige Schuhe und die scheinbar ebenso vernünftigen Dinge des Lebens eingetauscht haben.
Ende

Das Bild zum Text.
Danke Reiner!
https://wassertiger.com/

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