Geschenkte Zeit

Zum Glück hatte ich immer jemanden, der ganz genau wusste, was die Uhr geschlagen hat.
Ich wusste meistens nicht, in welche Richtung der Zeiger verstellt wird. Von zwei auf drei oder von drei auf zwei?
Und wenn die rhetorische Frage pädagogischer Instanzen mich traf, Weißt du eigentlich, was die Uhr geschlagen hat? dann war klar, dass es bereits zu spät war, wofür auch immer. Die Verbreitung von Angstfantasien in Erwachsenenkreisen standen in meiner Jugend hoch im Kurs.

Es galt einen Ruf zu verlieren, wahlweise in der Gosse zu landen und es war stets darauf zu achten, was die Leute über einen denken. Wenn ich allerdings heute an die Leute denke, über deren Denken man sich damals Gedanken zu machen hatte, dann frage ich mich, ob die Uhren eigentlich richtig tickten.
Ich habe es nicht verstanden, auch später nicht.

Erstaunlich, dass ich es dennoch mit wenig Blessuren bis ins Jahr 2020 geschafft habe und ich nicht davon, was die Leute von mir denken, erschlagen wurde.

Den Sinn und die Praxis der Zeit Umstellung habe ich genauso wenig verinnerlicht. Umso glücklicher schätze ich mich, unterstützt zu werden. Glück muss der Mensch haben und den einen oder anderen Freund.
Denn erstens hätte ich nicht daran gedacht, dass schon an diesem Wochenende die Uhren verstellt werden und  zweitens auch dieses Mal nicht geschnallt, ob nun vor oder zurück.

Ich habe es überhaupt nur ein einziges Mal geschafft, mir genau einzuprägen, dass der Zeiger um eine Stunde zurück gestellt wird. Ein geschenktes Schäferstündchen. Es war anno 1981 und die Zeit, die man als Sechzehnjährige mit seinem Freund verbringen durfte, war stark begrenzt. Spätestens um 22 Uhr war in meinem Falle am Wochenende Schluss mit Kuscheln & Co.  Türklopfen, Ansage, und tschüss Cherie.

Mein Vater war not amused, als ich argumentierte, dass es in echt ja erst 21 Uhr sei, weil ja die Uhren umgestellt würden und es ja wohl egal sei, ob das nun um 3 Uhr nachts oder um 22 Uhr passierte. Das könne wohl jeder so entscheiden, wie es für ihn passt und ich sei immerhin sechzehn  und sowieso alt genug.
Liebe macht nicht blind, sondern mutig.

Vielen Eltern dieser Epoche war mehr an den Resten von Zucht und Ordnung gelegen als an derartigen Aufmüpfigkeiten. Meine gehörten dazu. Liebe? Du weißt doch noch gar nicht, was das ist. Dafür bist du noch viel zu jung.
Ähm. Nö.
Liebe weiß man nicht. Liebe ist. Und zwar unabhängig von Alter, Zeit und Raum.

Fein. Wie haben also eine Stunde mehr! Geschenkte Zeit?
Was würde ich machen, dachte ich vorhin, als ich im Garten die Büsche und Bäume zurückschnitt und mir dabei ständig irgendwelche Äste auf den Kopf zu fallen drohten, was würde ich machen, wenn meine letzte Lebensstunde gekommen wäre und ich als Give away noch eine Stunde geschenkt bekäme?

Ja, es ist Herbst, die Blätter fallen, das Modern nimmt seinen Lauf, der Rückzug ist in vollem Gange, da wundert es wenig, dass sich eine Menschenfrau in fortgeschrittenem Alter mit dem Ableben und dessen Gestaltung beschäftigt.

Machen Sie sich bitte keine Sorgen, das ist keine Depression oder gar ein Suizid mit Ankündigung, sondern schwarzer Humor im Herbsttalar. Alles gut.

Andererseits lässt Miss Corona keine Chance aus, sich der Idee von Siechtum und Erstickungstod öffnen zu müssen.
Es gilt zur Zeit also wirklich größere Probleme zu lösen, als sich über Sinn und Unsinn von Sommer- und Winterzeit zu kümmern.

Ich bin trotzdem für Sommerzeit und wäre sogar bereit, die heutige Stunde abzugeben, sie zu verschenken. An die Liebe zum Beispiel, an das Leben, an das Einfach Sein, an das Helle in und um uns herum.
Denn ich wäre wirklich froh, wenn ich von Ende Oktober bis Ende März nicht schon um 15.30 Uhr zu stimmungsaufhellenden Maßnahmen wie Cannabistee, Rotwein und halluzinogenen Fliegenpilzen greifen müsste.

Zu guter Letzt verleihe ich den Goldenen Fuchs 2020 an jene, die sich in Wort und Tat unerlässlich dafür einsetzen, dass ich die Fingerzeige des Lebens, inklusive Uhrzeiger, früher oder später an die passende Stelle setze.

Euch widme ich eine geschenkte Stunde; und sei es meine allerletzte.
Bis bald.

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