Der achtsame Hund

Gib dem Menschen einen Hund, und seine Seele wird gesund.
Ob Hildegard von Bingen einen Hund an ihrer Seite hatte, wissen wir nicht. Und wir wissen auch nicht, ob der Satz wirklich von ihr stammt.
Wahrscheinlich tut er es nicht, aber spielt das eine Rolle? Angeblich hat sie das so gesagt und das ist doch schön.

Man könnte diesen Satz auseinander nehmen, ihn analysieren, Hund durch Katze, Pferd, ein Stück Sahnetorte – denken Sie sich gerne selbst etwas aus – ersetzen.

Schließlich kommt es doch immer darauf an, was man draus macht.

Was ist der Mensch? Wer ist dieser Mensch, dem der Hund angeblich guttut? Was und vor allem wie ist der Hund? Ist er ein ruhiger, gemütlicher Typ, ein Jäger, ein Bewacher, ein Hüter?
Und woher hat er, wenn er sie denn hat, die Gabe, eine Seele zu heilen? Was tut er oder was tut er nicht, um die Seele gesund zu machen?
Und was ist überhaupt die Seele? Und kann der Hund sie auch zerpflücken, einfach weil er ein doofer, egoistischer, störrischer oder böser Hund ist?

Fragen, die mir just in dem Moment in den Sinn kommen, als ich mich anschicke, in den täglichen Meditationsmodus zu schalten.
Kaum habe ich mir mein Bänkchen unter den Allerwertesten geschoben und die Knie so auf der weichen Unterlage platziert, dass ich diese Stellung entspannt fünfundzwanzig Minuten halten kann, kommt sie: Die endlose Gedankenschleife.

Also sitze ich da und atme tapfer weiter, lasse die Gedanken wie eine Wolke des Nichtwissens davonfliegen und höre wie von Weitem das Geräusch von Hundepfoten auf Holzfußboden.
Tap, Tap, Tap, kurzes Innehalten, gefolgt von einem zarten Stupsgeräusch. Hundenase an Tür.

Während ich weiter ein- und ausatme und ganz allmählich in mein Fließen komme, macht es noch dreimal tap, tap, tap. Dann spüre ich, wie sich mein Hund zwischen meinen Knien zu einer warmen, weichen Kugel zusammenrollt.  Noch einmal kurz aufgeschnauft und dann setzt ein gleichmäßiges Ein- und Ausatmen ein.

Dieser Hund kennt keine Gedankenschleifen.

Die Ruhe des Hundes wird  zu meiner, das innere Lächeln zu einem äußeren und schwuppdiwupp bin ich vom Kopf in die Seele gerutscht, was ich daran spüre, dass mich weder Gedanken noch Gefühle behelligen, sondern sich für einen Wimpernschlag etwas einstellt, dass ich nur mit dem Begriff Quelle oder Liebe beschreiben kann.

Später im Wald.

Da liegt ein Blatt. Zu dieser Jahreszeit ist es eins unter vielen. Nicht für meine Hündin. Sie erkennt die Einmaligkeit, die Schönheit genau dieses Exemplares.
Nur diesem Blatt gilt jetzt und hier ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. Sie tut nichts anderes, als es ausgiebig zu beschnüffeln.
Sie betastet es mit der Pfote, schnüffelt erneut, beugt ihren Nacken dem Blatt zu, lässt sich auf den Rücken fallen und wälzt sich mit Inbrunst vermeintlich in dem einzigartigen Blatt.
Der Vorgang wird wiederholt. Nichts anderes ist wichtig in diesem Moment. Absolut nichts.
Ja, dieser Hund lehrt mich gerade, was Achtsamkeit ist.

Ich spüre den Waldboden unter meinen Fußsohlen und den kühlen Wind im Gesicht. Ich höre das Rascheln des Laubes und ich atme ein und aus und ein und aus.

Die Hündin kennt den Weg. Sie hält ab und zu inne, um zu schauen, wo ich bleibe.
Sie ist ganz im Hier und Jetzt und ich folge ihr einfach.

Mir laufen Tränen über die Wangen und ich spüre ihrem Fluss nach. Der Wind macht das oder die Seele, die gerade überfließt. Wer will das schon so genau wissen. Es fühlt sich nach mir an. Und das reicht.

Gib dem Menschen einen Hund, und seine Seele wird gesund.

Bis bald.

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