Master of Disaster


Your nails are a disaster, Ma’am!

Dass ich dem US-amerikanischen Schönheitsideal das Wasser nicht reichen kann, ist offensichtlich.

Keines meiner Körperteile wurde bisher verlängert, vergrößert oder aufgefüllt, von Straffungen oder Lähmungen mit Nervengift ganz zu schweigen.

In New York, wo unser kleines Abenteuer begann, spielte es keine Rolle. In New York kann man sein wie man ist. In der Tat ist es New Amsterdam. Tolerant, pulsierend, vielfältig, schnell. Gummistiefel unterm Abendkleid? Klar.

Anders in Florida.

Wir schlenderten fröstelnd durch eine voll klimatisierte Mall in der Nähe von Orlando. Ich war auf der Suche nach einer Jeans, als ein engagierter Verkäufer wie eine Harpune meine Touristenaura durchstieß, sich meine Hände schnappte und angewidert die fassungslosen Worte ausspie.

Your nails are a disaster, Ma’am!

I think a disaster in the brain is worse, ging mir viel zu spät um schlagfertig zu sein durch den Kopf. Er meinte es gut, für sich, weil er alles daransetzte, aus mir, einem Mängelwesen, eine Beautyqueen machen zu können für nur 200 Dollar oder so. Ich erinnere mich nicht mehr, was der Spaß Plastiknägel kosten sollte.
Jedenfalls bewegte sich das alles außerhalb meines Interessenfeldes und meiner finanziellen Möglichkeiten.

Wir waren bisher zweimal in den USA auf den klassischen Touristenrouten unterwegs. Einmal Ostküste, von New York bis Key West. Einmal Westküste, LA, die Canyons, Death Valley, Miami. Das erste Mal in 2010, das vorerst letzte Mal in 2014.

Während der George W.-Ära verweigerte ich mich einer Reise, als Obama gewählt war, konnte es los gehen.

Ich erinnere mich an einen großen Patriotismus in Cape Canaveral, an pure Lebensfreude auf den Keys. Selbstbewusst, extrovertiert, bunt.

Ich erinnere mich noch ganz genau daran, dass ich mich wie ein staunendes Kind fühlte, als ich den U-Bahn-Schacht in Manhattan verließ und das erste Mal nach Oben schaute. Wolkenkratzer!

Time Square. Fifths Avenue. Wall Street. Ellis Island. Liberty-Statue. Brooklyn.

An Ground Zero weinte ich vor Mitgefühl, Trauer und Fassungslosigkeit.
Am Grand Canyon heulte ich, weil mich die Landschaft überwältigte.

In Mariposa schmiegte ich mich an einen gigantischen, tausendjährigen Mammutbaum und in einem Park in San Francisco, nahe den Pink Ladies, freute ich mich über die vielen Hunde, die dort herumtollten, verlief mich später in einer Parade und ließ mir von einem smarten Officer den Weg weisen.

Ich schloss eine Blitzfreundschaft mit der transgender Kassiererin im Supermarkt, deren Nägel, Lippen und Wimpern perfekt waren; how is ya day, darling, look great, enjoy, sweaty.

Der Kassiererin im hiesigen rewe Markt würde man Restalkohol unterstellen, wenn sie sich derart euphorisch äußerte.

Wir joggten die obligatorische Runde im Central Park, schwitzten im Death Valley und tauchten in die schwarze Geschichte Amerikas ein. Sklavenunterkünfte, Herrenhäuser, Plantagen.

In Savannah sah ich mir an, wo Forest Gump auf den Bus gewartet hatte. Und nie wieder später waren derart viele Kopfkissen auf meinem Bett drapiert.

Während ich das alles schreibe und mich im Stillen an noch sehr viel mehr erinnere, steigt Wehmut in mir auf.

Ich war in New York, ich lief durch San Francisco und über eine im Nebel verschwindende Golden Gate Bridge.
Manchmal fühlte ich mich wie auf einem gigantischen Kindergeburtstag! Allerdings im allerbesten Sinne.

Momentan sind meine Nägel das allerkleinste Desaster. Dust in the wind, all we are is dust in the wind.

Ich frage mich seit zwei Tagen, warum mir die Situation in den USA so nahe geht.
In den USA sind schon immer unglaubliche Dinge vor sich gegangen, wie überall auf der Welt. Wie überall, wo Menschen am Werk sind.

Es könnte mir egal sein. Denn faktisch ist mein privates kleines Dasein nicht davon betroffen, wer Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wird.

Aber es ist wohl so, dass die Orte, an denen man wirklich war, deren Luft man eingeatmet hat, deren Eigenarten man erlebte, irgendwie ins eigene Leben hineinwachsen.
Die sind ein Stück vom eigenen Leben. Genauso wie mit manchen Menschen bleibt man mit ihnen verbunden, auch wenn man sie vielleicht nie wieder sieht oder besucht.

Steht sowas nicht auch im Kleinen Prinzen? Du bist ewig verantwortlich für das, was du dir vertraut gemacht hast. Du bist für deine Rose verantwortlich.

Das ist ganz schön sentimental, okay. Dennoch:

Die USA sind offenbar alles andere als united. Und vielleicht sollten wir von hier aus, von Europa aus, ganz genau hinsehen, lernen und Verantwortung übernehmen für die Rose. Die Rose Demokratie zum Beispiel, die Rose Gerechtigkeit, die Rose Solidarität, die Rose Frieden und uns nicht am Stachel Egoismus verletzen.

Im Großen wie im Kleinen, Innen wie Außen, Oben wie Unten.

Man kann unterschiedlicher Meinung sein, ohne den anderen zu beleidigen oder zu belügen oder zu ermorden.

End of Disaster? I have a dream.


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