Pepe, Martin & Herr Kant



Kennen Sie Herrn Kant? Sie wissen schon, der mit dem Kategorischen Imperativ. Handel so, dass die Maxime, also dass die subjektive Verhaltensregel deines Willens immer auch ein Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung sein könnte.

Und kennen Sie Martin? Klar, kennen Sie. Martin war Bischof von Tours und teilte gerne. Vorzugsweise seinen Mantel.

Und ob Sie es glauben oder nicht, diese beiden Herren traf ich heute Morgen zufällig in der Poststelle unseres idyllischen Örtchens mitten in der ostwestfälischen Provinz.

Herr Kant hatte es sich in der leicht abgewetzten Sitzecke am Fenster gemütlich gemacht. Als ich herein kam hob er kurz seinen Kopf und deutete ein Nicken an.

Oh, dachte ich, da geht der Herr Kant ja mal richtig aus sich heraus.

Herr Kant zog seinen mittelgrauen Mundnaseschutz zurecht und vertiefte sich wieder in seine Lektüre. Eine Broschüre, Magenta und so.

Herr Kant ist sicherlich an einem schnelleren Internetanschluss interessiert, dachte ich, Klar, er kommt ja auch seit 250 Jahren kaum raus.
Umso erstaunlicher, ihn heute hier in Werther zu sehen. Vielleicht hat er einen Termin beim neuen Bürgermeister.

Der Tresen war verwaist. Vor dem Tresen wartete ein Mann. Er trug ein dünnes, verblichenes Sweatshirt und eine Jeans, die ihm viel zu groß war. Sein Gesicht war durchzogen von tiefen Furchen.
Die Maske hing ihm unter seinem kantigen Kinn.

Lieber Gott, wo ist denn die Schere?

Die Stimme kam mir bekannt vor. Das ist doch dieser Italiener ohne Auto? Isch abe ga kein Auto. Ja, das war er. Unglaublich.
Ich schaute mich suchend um, sah aber nur Herrn Kant, der immer noch regungslos und tief versunken im Schaufenster saß und den Mann vor dem Tresen.

Da, sagte ich, hinten im Regal neben dem Faxgerät liegt eine Schere.

Si, si,  sage der Mann, der viel zu leicht angezogen war und immer noch vor dem Tresen wartete.
Scherre liegt da, in Rrregalo.

Hinter dem Tresen erschien jetzt eine Gestalt, die in eine dicke Steppjacke gepresst worden war.  Aus den viel zu kurzen Ärmeln ragten zwei kräftige Hände hervor. Das Gesicht war hinter einer Maske mit Gänsemotiven verborgen.
Ich erkannte ihn sofort. Martin. Sankt Martin. Der Heilige.

Sankt MartinSankt MartinSankt Martin ritt durch Schnee und Wind
sein Ross, das trug ihn fort geschwind
Sankt Martin ritt mit leichtem Mut
Sein Mantel deckt ihn warm und gut,
sang ich.

Bravissima, rief Martin und setzte zu einem Applaus an. Doch seine Jacke war so eng, dass seine Hände sich nicht zu einem Klatscher vereinigen konnten. Herr Kant schüttelte seinen Kopf und ich wurde unter meiner Maske so rot wie die Jacke des heiligen Martin.
Der versuchte umständlich, sich aus der viel zu engen Jacke zu befreien. Verständlich, denn normalerweise trägt er Umhang und nicht Stepp.

Könnten Sie so freundlich sein, richtete er sich an mich, reichte mir die Schere und deutete auf das Preisschild, das an der Kapuze der Steppjacke baumelte.
Ich schnitt das Schild ab und wollte sagen, Warum schicken Sie die Jacke nicht einfach zurück? Sie ist wirklich ein wenig eng geschnitten, mit Verlaub, Herr Bischof.

Halt die Klappe, raunte mir mein Höheres Selbst zu, geh in dich und in die Stille und vertraue darauf, dass die Dinge so geschehen, wie sie geschehen, ohne dass du deinen Senf dazugeben musst.

Pepe, sagte da Sankt Martin, zieh doch bitte mal diese Jacke an.
Pepe, der Mann mit dem Leben, das mehr Leichtigkeit und Wärme vertragen kann, schlüpfte in die Jacke.
Sie passte wie angegossen.

Was kriegst du dafür, fragte Pepe.
Nichts, sagte Martin, die Jacke gehört dir.

Und du? Hast du jetzt keine Jacke mehr?, fragte Pepe
Martin lächelte und schlüpfte  wie zum Beweis in einen kuscheligen Rentierpulli aus 100 % Wolle aus artgerechter Bioschur in XXXL.

Ohne Achtung gibt es keine wahre Liebe, sprach Herr Kant während er auf uns zukam und uns seinen Ellenbogen zum Abschiedsgruß darbot.

Tja. So war das heute Morgen in der Poststelle in Werther.
Jedenfalls fast.

Bis bald in diesem Theater.

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