Wenn die Vergangenheit anruft


Wenn die Vergangenheit anruft, leg auf, denn sie hat dir nichts Neues zu sagen.

Es kommt darauf an, wer oder was anruft, dachte ich, als ich diesen Satz las.
Übrigens, wenn ich wüsste, wo ich diesen Spruch gelesen habe und von wem er ist, dann würde ich Ihnen das sagen. Ich weiß es aber leider nicht.

Gemerkt habe ich mir diese Phrase dennoch.

Und deshalb frage ich mich weiter, ob mir das gerne widergekäute Sandwichmantra vom Leben und Sein im Hier und Jetzt überhaupt schmeckt. Immer schmecken muss. Oder ob es auf etwas noch anderes ankommt.

Es gibt in jeder Vergangenheit, ob in Ihrer oder in meiner Episoden, die waren einfach so intensiv und prägend und vielleicht sogar auf eine gewisse Weise wundervoll, dass sie bis in die Gegenwart und die Zukunft hineinreichen und mitwachsen und uns begleiten.

Und das ist auch gut so.
Ein Duft, ein Musikstück, ein Foto aus der alten Erinnerungskiste und zack, katapultiert es uns um Jahrzehnte zurück, überschüttet uns mit einem Potpourri aus emotionalem Konfetti oder verpasst uns genau den Tritt in den Allerwertesten, den wir gerade brauchen.

Im besten Fall bringen uns diese Flashbacks dazu, uns daran zu erinnern, was uns mal wichtig war.

Haben Sie von der an Demenz erkrankten Ballerina gelesen, der man ein Musikstück vorspielte, zu dem sie in ihren jungen Jahren getanzt hatte?
Im Rollstuhl sitzend begann Sie zu tanzen und strahlte übers ganze Gesicht.

Und so ähnlich ging es mir vor einigen Wochen.
Vollkommen unerwartet hörte ich den Song Sandstorm von Darude. Ein Song, den ich in meiner Playlist hatte, mit der ich mich auf einen Marathon vorbereitet habe. Ich verlinke Ihnen meine Playlist, vielleicht ist etwas für Sie dabei.

Der Song hat mich derart erwischt, dass mein Körper von wohligen Schauern überzogen wurde und ich so ergriffen war, dass ich weinen musste. Was in meinem Fall ein sicheres Indiz für „komplette emotionale Übernahme durch eine unbekannte Dimension“ bedeutet.

Der Song ist wieder auf einer Playlist gelandet. Sie hat den Namen Laufen 20/21. Seit drei Wochen jogge ich wieder regelmäßig. Noch sehr moderat und vorsichtig und unterstützt von Krafttraining. Situps, Liegestütze, Kniebeugen und Dehnen, Dehnen, Dehnen. Mit Mitte fünfzig ist man nicht mehr Mitte dreißig. Ich freue mich auf den Artikel, irgendwann in hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft mit dem Titel „Misses Jott läuft wieder“.

Ich bin, wenn auch noch verhalten, wieder im „Ring“ weil ich durch ein Lied in die Vergangenheit katapultiert wurde. In eine Phase, in der ich etwas tat, was ich liebte, und zwar sehr und mehr als mir bewusst war und auch mehr als vieles andere.

Die Vergangenheit  ist wie ein Film, den wir, obwohl wir ihn schon zigmal gesehen haben, immer wieder gerne ansehen, weil es diese eine Szene gibt, die so schön prickelt in unserem Bauchnabel oder uns den bittersüßen Herzschmerz beschert, der uns daran erinnert, dass wir Lebewesen sind, die fühlen.

Der Blick in die Vergangenheit zeigt uns schließlich auch, dass wir Dinge überstehen können, dass wir heilen und uns entwickeln.

Gestern bekam ich eine Einladung zu einem Klassentreffen in meiner Heimatstadt.
Unglaubliche vierzig Jahre sind vergangen, seitdem wir, die 10a, unseren Abschluss gemacht haben.

Vierzig Jahre werden es also im nächsten Jahr. 1981. Sweet seventeen. Donnerwetter! Siebzehn war ich wirklich gerne.

Meine Schulkarriere verlief nicht besonders erfolgreich. Das Gymnasium entschied sich schweren Herzens, im Verlauf der achten Klasse auf mich zu verzichten. Und so geriet ich mitten im Schuljahr in die damalige 8a der Realschule.
15, eine unglaublich auf Krawall gebürstete Verletzlichkeit, hennarote Haare, Latzhose und das sichere Gefühl, nicht dazuzugehören. Nicht dazugehören zu wollen?

Offenbar gehöre ich doch dazu.
Wenn die Vergangenheit anruft, leg auf, denn sie hat dir nichts Neues zu sagen?

Wenn die Vergangenheit ein Arschloch ist, dann lege ich auf. Keine Frage.

Wenn sie aber etwas Versöhnliches und ein paar nette Stunden bei einem Bier in Aussicht stellt und damit der Gegenwart ein Lächeln ins Gesicht zaubert, dann hätte ich ja ein Brett de luxe vorm Kopf, wenn ich mich nicht darauf einließe.
Fazit?
Fazit.
Es kommt drauf an. Darauf, was unser Herz bewegt, darauf, was unsere Intuition uns sagt. Darauf, dass wir mit unserer Vergangenheit ins Reine kommen. Und um das zu können, müssen wir eben ab und zu mal mit ihr sprechen.

Also, legen Sie nicht gleich auf, wenn Ihre Vergangenheit sich an Sie wendet.
Haben Sie keine Angst vor den Emotionen, die sie Ihnen ungefragt beschert.
Das Leben ist zu kurz, um sich von Phrasen und Normen ins Bockshorn jagen zu lassen.
Definitiv.

Machen Sie es gut.



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