Rollenspiele & Vergessen

Wie geht’s dir? Alles im grünen Bereich?, fragt mich mein Nachbar durch die heruntergelassene Autoscheibe.

Denk nicht so lange nach, mach schnell, finde die passende Antwort, Smalltalk, los geht’s, drei, zwei, eins und Film ab, drängt mich Fred. Fred ist ein Hängebauschwein, Fred ist mein innerer Antreiber.

Und dann passiert das, was mir andauernd passiert, wenn ich zu viel Zeit mit Fred verbringe.
Ich sage Dinge, die mir nicht entsprechen, weil Fred mich unter Druck setzt. Fred ist schuld!

Fühlen tue ich und sagen will ich;
Ja, danke, alles gut.
Ich bin froh und dankbar für das Leben, das ich lebe. Ich bin ein Glückskind! Was ist Glück? Gesund und frei. Was ist gesund? Und wieviel Freiheit braucht der Mensch? Alles bestens.
Ich habe Angst vorm Tod, finde die Abstandsregeln aber super, weil sie mein introvertiertes Wesen zum Erblühen bringen.
Manchmal wäre ich gerne ganz anders, nicht so kompliziert.
Mir fehlen die Montagskonzerte der Philharmoniker, die Chorproben und das Kino.
Ich würde auch gerne mal wieder essen gehen. Das war es auch schon. Oder?

Andrerseits mache ich mir Sorgen über politische und wirtschaftliche Entwicklungen, und ehrlich gesagt finde ich, dass die Frage nach dem Befinden des anderen nur dann gestellt werden sollte, wenn man wirklich Zeit für und Lust auf eine ehrliche und ausführliche Antwort hat.
Ansonsten reicht ein Hallo.
Es ist wirklich erstaunlich, dass Elektroautos nicht zu hören sind, kürzlich wäre ich auf dem Edeka Parkplatz fast in eines hineingelaufen, weil es so leise war und ich es nicht kommen hörte. 

Christine, wach auf, willkommen im richtigen Leben! sagt Fred und fordert mich auf, endlich zu antworten, schließlich sei schon eine halbe Sekunde mit überflüssigem Nachdenken und überdimensionierter Reizverabeitung vergeudet, das müsse reichen.

Während ich mir noch die Farben des Pullovers meines Nachbarn einpräge mir auffällt, dass sein Haar an einer Seite wie eine Antenne absteht und ich das so bei ihm noch nicht gesehen habe höre ich mich sagen:

Ich bin genervt von Corona aber sonst geht’s. Und wie geht’s dir?

Bestens geht’s mir, antwortet mein Nachbar munter, das höre ich oft, dass die Leute genervt sind.
Aber was sollen denn unsere Eltern und Großeltern sagen?
Die haben die beste Zeit ihres Lebens im Krieg und in den schweren Aufbauzeiten verbracht. Die hatten es schwer. Die saßen im Bunker.

Und bei mir kommt an:  Du hast doch nun wirklich gar keinen Grund zu jammern. Dir geht es gut. Mann, Haus, Auto, gesund und du kannst tun und lassen was du willst und den ganzen Tag deinen Liebhabereien nachgehen. Was ist mit dir nicht richtig, dass ausgerechnet du genervt bist?

Als ich im Haus bin falle ich in mir zusammen wie ein missglücktes Soufflee.
Eine ganz normale Begegnung, oberflächlicher Smalltalk und ich fühle mich wie ein Vollversager.

Derartige Zaungespräche sind normalerweise nichts, woran man noch einen Gedanken hängt. Sie sind so flüchtig wie (jetzt wollte ich Furz im Wind schreiben, finde das aber eigentlich zu stumpf, andererseits fällt mir gerade nichts anderes ein) und (der Duft einer Rose, der uns wie im Vorübergehen zart streift, für eine kleine Spanne Zeit verweilt und dann zur Erinnerung wird) ist zu dick aufgetragen.

Ich lasse zwei Stückchen Kandis in mein Teeglas fallen und gieße heißes Wasser in den Filter. Es knistert und knackt so schön, wenn die heiße Flüssigkeit auf den Zucker trifft. Ich mag dieses Geräusch. Ich mag es so, wie das Knirschen unter den Schuhsolen, wenn man über einen Kiesweg geht.

Kennen Sie die Musik von Andreas Vollenweider? Harfe. Und ein Stück beginnt mit dem Knirschen von Schritten auf einem Kiesweg.

Warum habe ich gesagt, dass ich genervt sei, obwohl ich es überhaupt nicht bin?

Weil tief in mir eine verstaubte Mumie hockt, die immer noch vor sich hin stänkert. Ich nenne Sie Marianne die Mantra Mumie. Sie ist alt, sehr alt. Und sie ist vor allem tot. Toter als tot, sollte man annehmen.

Meine Mantra Mumie denkt allerdings nicht daran, tot zu sein und ihre Klappe für immer zu halten. Sie zischelt und stichelt ohne Unterlass:  Erahne und erfülle die Erwartung, erahne und erfülle die Erwartung, erahne und erfülle die Erwartung oder das, wovon du meinst, dass dein Gegenüber es erwarten könnte.

Ich habe keine Ahnung, was mein Nachbar oder andere Leute erwarten. Von sich und ihrem Leben oder von mir. Ich weiß es nicht und ich muss es nicht wissen. Obwohl es mich ehrlich interessiert, was in Menschen, denen ich mehr oder weniger nah stehe, wirklich vorgeht. Was sie sich wünschen, wovor sie sich fürchten, wie sie die Welt sehen und warum.

Aber so wie ich meine Freiheit liebe lasse ich sie den anderen. Jedenfalls immer dann, wenn aus meinem inneren Team niemand am Rad dreht.
Wer etwas von mir möchte, der lasse es mich bitte wissen, dann kann ich entscheiden, ob ich eine Erwartung erfüllen kann oder will oder nicht.

Niemand ist auf der Welt, um die Erwartungen anderer zu erfüllen. Einen Scheiß musst du, hörst du? Love, Peace und Rock n Roll, hab Spaß, Schatz! Sensibel, chaotisch, nervös und kreativ. Das ist okay, das ist dein WesensLicht.
Du hörst das Gras wachsen und das ist gut, lass es uns rauchen. Die Stimme der Wilden Alten ist rau. Gin, Bier, Whisky, Wein, rot und weiß;
Gott sei Dank raucht sie nicht mehr Kette. Sie sitzt im Schneidersitz auf dem Boden, stimmt Smoke on the Water auf der Gitarre an und nickt mir zu.

Solange mich die bescheuerte Mantra Marianne nicht in Ruhe lässt, wird das schwer mit dem Spaß und allem, seufze ich, setze mich zu ihr auf den Boden und nippe an meinem süßen Tee.

Mumien sind tot, oder sehe ich das falsch?, die Wilde Alte lässt ihren gelassenen Blick auf mir ruhen und lacht laut auf. Komm, lass rocken.  Und dann grölen wir Smoke on the Water, a fire in the sky.

Du kannst doch in Zeiten wie diesen nicht ernsthaft sagen wollen, dass es dir gut geht? Ursula die Rabiate meldet sich zu Wort.
Das Leben ist kein Ponyhof. No Pain no Gain. Es muss weh tun, es muss anstrengend sein, sonst hast du es nicht verdient. Und wenn du etwas zu erledigen hast, was keinen Spaß macht, dann mach es eben ohne Spaß. Punkt um. Pflicht, meine Liebe, Pflicht erfüllen und sich selbst nicht so wichtig nehmen. Was glaubst du eigentlich wer du bist?

Ursula findet bestimmt auch, dass es unsere Eltern und Großeltern viel schwerer hatten als wir heute mit dieser läppischen Corona Geschichte.

Ich glaube, so mancher Vergleich hinkt und hat es verdient, gründlich diskutiert zu werden. Oder auch nicht.

Weiß du, Christine, sagt meine über achtzigjährige, demente Schwiegermutter zu mir, ich finde das mit diesem Corona ist schlimmer als damals im Krieg. Damals konnten wir raus. Jetzt sind wir eingesperrt. Und für manchen ist das ein großes Problem und für manchen ist es ein kleines Problem.
Wer will uns denn vorschreiben, wie wir sein sollen und wie wir fühlen sollen?

Meine Schwiegermutter hat vieles vergessen. Aber das Wesentliche ist noch da.
Dass jeder Moment neu erlebt werden kann. Dass jeder Gedanke neu gedacht werden kann. So, als sei es das allererste Mal.

Und wenn Sie ein frendlicher und ehrlicher Mensch sind, Spaß verstehen und gut riechen, dann fühlen Sie sich heute zur Feier des Tages mal von mir umarmt.
Keine Bange, ich bin es wirklich.
Marianne die Mantra Mumie habe ich in Streifen geschnitten und nutze sie als Putzlappen. Sie kann uns nicht mehr den Spaß verderben.

🙂




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