Schnupfen, Erdbeben & Hundehaufen

Seit gestern Nacht habe ich Symptome. Schnupfen, Halskratzen, Heiserkeit, genervte Laune. Ich tippe auf Männergrippe. Aber man kann ja nie wissen, wie sich so ein Schnupfen entwickelt. Schwupp, Stäbchen in Rachen und Nase und raus kommt Corona.
Ich kann es echt nicht mehr hören und bin wirklich voll genervt von diesem Thema.

Bitte verstehen Sie mich richtig. Alle Betroffenen haben mein volles Mitgefühl. Wirklich alle. Erkrankte, Angehörige von Erkrankten oder Verstorbenen, Pfleger und Ärzte am Limit und wirklich alle, die unter den Folgen leiden. Obwohl mein Mitgefühl niemandem hilft habe ich es.

Trotzdem geht mir das Ganze komplett auf die Nerven und macht mir manchmal auch Angst. Und ich glaube, dass es den meisten so geht. Und deshalb gehen mir auch die Menschen gewaltig auf den Zwirn, die so tun, als sei das alles Nichts und merkwürdige Vergleiche anstellen.

Vielleicht bin ich auch nur neidisch auf frohgemute Sonnenscheinmenschen, die sich von einem Kalenderspruch zum nächsten schwingen, während Typen wie ich Armageddon nahen sehen. Wenn  Sie zufällig eine Bibel im Haus haben, finden Sie in der Johannesoffenbarung mehr über den ursprünglichen Sinn von Armageddon.

Zurück zum Schnupfen.
Bis jetzt habe ich kein Fieber und der Kaffee schmeckt nach Kaffee und der Tee schmeckt nach Tee.
Also erstmal kein Grund, sich aufzuregen, dachte ich, obwohl es ein Erdbeben war, das mich aus dem Tiefschlaf riss.
Nein, Sie vermuten richtig, es war natürlich kein Erdbeben. Für mich fühlte es sich aber so an.
Ich bin sensibel und das nicht zu knapp.
Und wer wie ich das Gras wachsen hört, dem setzen laute, bebende Geräusche massiv zu. Jedenfalls dann, wenn Sie nicht aus einer Lautsprecherbox kommen und mit Hyper Hyper anfangen.

Gegenüber wird gebaut. Das geschieht mittels Gerätschaften, die rütteln und rattern was das Zeug hält und die Nachbarhäuser erbeben lassen.
Wussten Sie, dass der erste Seismograf im Jahr 132 n. Chr. von dem chinesischen Geographen und Astronom Chang Heng entwickelt wurde? Wenn Sie mehr darüber lesen oder hören wollen, verlinke ich Ihnen hier die Seite vom Wissensmagazin Scinexx. Da steht das alles ausführlich.

Jedenfalls war ich wach. Danke an dieser Stelle noch einmal an den Rüttler von Gegenüber.
Wenn ich schon mal wach bin, gehe ich am besten gleich duschen, dachte ich, sonst wird das heute nichts mehr.
Duschen mit Haarewaschen hilft, denn mit fluffigen Haaren sieht das Leben meistens schon viel freundlicher aus. Und man selbst auch.
Frische Luft wäre super, signalisierte meine Hündin, wir sind schon spät dran und ich muss wirklich dringend mal raus.

Also machte ich mich frisch geduscht mit der Hündin auf den Weg zur Wiese. Straße runter, rechts um die Kurve und schon ist man da. Am Ende der Sackgasse liegt die kleine Wiese.
Ein geschütztes Areal und soviel ich weiß, gehört es zum angrenzenden Friedhof und wird nur deshalb nicht für Gräber oder als Baugrund genutzt, weil der Boden zu feucht ist. Naja. Das dürfte sich bald erledigen, anhaltende Dürreperioden werden dem Boden die Feuchte schon austreiben.

Hier wachsen, jedenfalls im Sommer etliche Arten von Gräsern. Die Wiese wird unregelmäßig gemäht und zu Heu gemacht.

Es ist die Wiese, nach der unsere Straße benannt ist. Wiesengrund. Das hört sich doch richtig idyllisch an. Ist es auch. Ich lebe gerne hier. Und auf die Wiese ging ich schon mit meiner ersten Hündin, die dann gerne von dort aus noch zur Kaninchenjagd auf dem angrenzenden Friedhof aufbrach.

Hündin Nummer zwei würde das auch gerne tun, bleibt aber an der Leine, weil sie außer Kaninchen gerne auch mal Fahrräder und Artgenossen darüber informiert, dass es sich bei der Wiese einzig und allein um ihr Revier handelt.
Ehrlich gesagt wäre das in meinem Sinne. Nur meine manchmal lästige Moral hält mich davon ab, diesen verlockenden Gedanken weiter zu spinnen und davon zu träumen, dass die Wiese wieder ausschließlich mir und meiner Hündin gehört. Nichts bleibt wie es ist, alles fließt.
Ein Traum wie gesagt.

Denn spätestens seit März, also zu Beginn der Pandemie, kommt es mir so vor, als hätte inzwischen jeder einen Hund. Und wer schon einen hatte, der hat jetzt zwei. Und alle kommen sie in Scharen auf unsere idyllische Wiese. Die Hundepilger.

Das ist doch nicht schlimm, höre ich Sie sagen. Das ist vollkommen legitim, setzen Sie nach.
Ja. Klar. Bis dahin bin ich bei Ihnen.

Jeder darf machen was er will. Er darf sich einen Hund ins Leben holen, auch zwei oder drei oder einhundert. Alles prima.
Wenn da nicht die Hundehaufen wären.
Viele Menschen, viele Hunde, viel Scheiße. Entschuldigen Sie diesen drastischen Satz aber der musste raus.

Hunde tun das, was alle tun, die essen oder fressen. Sie verdauen mit sichtbarem Ergebnis. Und dieses stinkende Endprodukt landet zunehmend auf der Wiese im Wiesengrund, deren Gräser zu Heu gemacht werden, das dann andere Tiere zu Fressen bekommen.

Auf dieser Wiese gibt es einen Bolzplatz, auf dem Kinder spielen, die auch über die Wiese laufen, zum Beispiel dann, wenn der Ball nicht ins Tor sondern darüber fliegt, eben auf die Wiese, auf der versteckt im Gras fiese stinkende Hundehaufen liegen, weil es irgendwelche dickfelligen Hundehalter nicht für nötig halten, den Scheiß zu entfernen.

Sind  Sie schon mal in einen  Hundehaufen getreten?
Das ist wirklich sehr ekelig. Schon eine sehr kleine Menge von Hundekot stinkt über Wochen. Zum Beispiel wenn Sie mit den kotbeschmutzen Schuhen ins Auto steigen und Reste der Exkremente sich im Fußraum oder auf Gas- oder Bremspedal verewigen.

Hundekot enthält Bakterien, Viren und Würmer.
Denn etliche Hundehalter sorgen mitnichten dafür, dass Ihre Hunde regelmäßig auf Wurmbefall getestet werden.

Wenn Sie mich fragen, warum ich einen Hund habe, kann ich Ihnen nicht eine vernünftige Antwort geben.  Im Grunde habe ich nur Argumente, die gegen einen Hund sprechen.

Hunde machen Dreck, und zwar nicht zu knapp, Hunde stinken, und zwar nicht nur wenn es regnet, Hunde bellen bei jeder Kleinigkeit, sie beißen den Briefträger, sie kosten viel Geld und noch viel mehr Geduld. Hunde sind wie Kinder; und bleiben immer Kinder, die versorgt werden müssen, um die man sich kümmern muss und für die man lebenslang die volle Verantwortung trägt.
Als Welpen vernichten sie Schuhe und alles was sich anknabbern lässt. Wie Termiten zerlegen sie das Haus in seine Kleinteile. Sie pinkeln auf Teppiche und machen aus dem Garten eine Kraterlandschaft.

Ich habe eine Hündin. Ich liebe diesen Hund! Sie ist anstrengend, sie ist erziehungsresistent, sie ist eigenwillig und nervös. Aber ich liebe sie wirklich!
Und wenn sie eines Tages stirbt, dann werde ich für eine Weile das Gefühl haben, dass auch mein Leben überhaupt keinen Sinn mehr hat.
Dann werde ich einen Schmerz haben, der schlimmer ist als jeder seelische Schmerz, den ich je hatte.

Aber so lange ich mit dieser Hündin auf die Wiese gehe und sie auf diese Wiese ihre stinkenden Haufen setzt, nehme ich diese Haufen mit einer Hundekottüte auf und trage sie bis zum nächsten Mülleimer.

Das ist unangenehm und doof, vor allem, weil man den zarten Duft nach Hundescheiße hinter sich herzieht, bis man den nächsten Mülleiner findet.

Aber das ist der Deal! Das ist das, was wir Hundehalter tun müssen.

Hast du Hund, machst du Scheiße weg.

Sie merken es, dieses Thema macht mich echt an.
Ich verstehe nicht, was in einem Hundehalter vorgeht, der den Haufen einfach liegen lässt.
Mir egal? Scheißegal sogar?

Tja. Wie kriege ich jetzt die Kurve zu einem Ende, das nicht mit irgendeinem Scheiß zu tun hat?
Es gibt da die kleine Geschichte von dem krebskranken Baum, der aufgrund seiner Erkrankung aussieht wie  ein freundlicher Gnom.

Dieser Baum war mehr als zehn Jahre mein Meilenstein also mein Meilenbaum auf langen Läufen zum Fernsehturm und zurück. Bei ihm hielt ich oft an und umarmte ihn sogar.

Ich war nicht die einzige, die diesen Baum als guten Kumpel in ihr Herz geschlossen hat.
Er war krank also sollte er im Zuge der großflächigen Fällungen auch gekappt werden.

Doch ein engagierter Mann aus Werther legte Veto ein. Er sorgte dafür, dass unser Baum, jedenfalls als erkennbarer Baumgeist, stehen bleibt.
Und so steht er also noch da. Unser Baum. Gestutzt aber nicht gefällt.

Das ist doch fein und fast eine Weihnachtsgeschichte.

Mich freut es jedenfalls sehr. Und wenn ich irgendwann im Frühling wieder so gut in Form bin, dass es für hügelige Waldläufe reicht, freue ich mich schon jetzt auf die Umarmung mit meinem unserem Baum.

Puh. Jetzt bin ich froh, dass es noch geklappt hat, aus Scheiße etwas einigermaßen Goldiges zu machen.
Bis bald und alles Gute für Sie.