Radikal ehrlich und radikal dankbar


Der dritte Advent steht vor der Tür und mit ihm, statt gelocktem Engelshaar und anderen weihnachtlichen Verlockungen, ein Lockdown. Er war überfällig.

Es ist schon krass, dass ein so winziges Teilchen wie Covid19, derartig einschneidende Auswirkungen hat.
COVID ist nicht der letzte seiner Art; er ist ja auch nicht der Erste.

Es wird wohl in der Tat eine sehr stille Nacht werden. Tatsächlich eine besinnliche Zeit?
Zeit zum Innehalten und Schauen, was da so aus einer Wurzel zart zum Vorschein kommt?

Auch weil man den Mut aufbringt, radikal ehrlich zu sein?
Nein, ich rufe nicht zum weihnachtlichen Familienstreit auf. Geschweige denn zu Gewalt oder extremen Einstellungen.
Ich frage mich nur, ob es nicht langsam Zeit für Radikalität im Sinne von Radix, die Wurzel, wird.  Zeit, an die Wurzel zu gehen, vollständig, gründlich, nachhaltig die großen und kleinen Probleme, Herausforderungen und Ziele anzugehen. Auch Ängste ab- und Mut aufzubauen.

Dazu gehört auch, zuzugeben, dass es vielleicht keine Lösung gibt. Zuzugeben, dass man nicht weiterweiß und im Moment nur so handeln kann wie man eben handelt.

Radikal ehrlich sein!
Zu sich selbst und anderen gegenüber. Eine Idee, die einem viel abverlangt. Mindestens Nachdenken, Nachfragen, Klären.

Niemandem ist damit geholfen, wenn Dinge beschönigt, verschwiegen oder verharmlost werden.
Selbst Kinder glauben nicht mehr an den Weihnachtsmann und spüren, wenn etwas nicht der Wahrheit entspricht.

Ist Wahrheit etwas Endgültiges? Oder ist Wahrheit etwas, das sich verändert? Gibt es die eine Wahrheit?

Sind objektive und subjektive Wahrheiten Antipoden oder sind sie kompatibel?

Würde sich durch radikale Ehrlichkeit etwas verändern? Würde sich etwas verbessern? In unseren Beziehungen und in Gesellschaft und Politik?

Es ist naiv von mir, anzunehmen, dass wir mit Ehrlichkeit weiterkommen.
Ich weiß. Manches muss diplomatisch und mit selektiver Offenheit gehandhabt werden.

Es kommt immer drauf an. Es gibt keine einfachen Lösungen.

Dennoch habe ich in diesem komplizierten und ernüchternden Corona Jahr 2020 viel gelernt. Und dafür bin ich dankbar. Radikal dankbar.

Radikalität setzt Gründlichkeit voraus. Das braucht Zeit. Das ist nicht mal schnell gemacht. Dingen auf den Grund zu gehen, das dauert. Und dann sind da ja auch noch die Emotionen und Gefühle, die uns einen Strich durch die Rechnung machen.
Haben wir dafür die Zeit und die Geduld?

Ich stelle mir diese und viele andere Fragen und habe noch keine Antworten gefunden. Es sind wohl wie so oft die Art von Fragen, in deren Antworten wir alle hineinwachsen müssen. Vielleicht geht es in 2021 ja weiter mit Ideenlese und den vielen offenen Fragen.

Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende.
2020, das sei dir als Motto auf deinen letzten Metern aufs Laufshirt gepinnt, bevor du im Ziel erschöpft in die Knie gehst.
 Der Abschied fällt überraschend leicht. Und es scheint, als seien wir, jedenfalls in Deutschland, mental von robuster Natur.
Die meisten von uns sehen optimistisch in die Zukunft.

Meine persönliche Bilanz sieht unterm Strich, in Summe, gut aus. Die schwarze Null ist erreicht. Und in der Null ist alles möglich.

Es war ein turbulentes Jahr.
Es war ein lehrreiches Jahr.
Es war ein schmerzhaftes Jahr, ein Jahr des Loslassens.

Es war ein Jahr des Abschieds, des Kummers, des Schocks.
Es war ein Jahr, der Klärung.

Menschen sind gekommen und gegangen.
Corona hat vieles deutlich gemacht in Sachen Freundschaft.
Einige sind abgetaucht, aufgetaucht und wieder verschwunden.
Andere haben sich als echte Geschenke, als Schätze zu erkennen  gegeben.

Ich bin radikal dankbar für alles. Für alle Höhen und Tiefen, für alle Emotionen und Erkenntnisse. Sogar für Ängste und mentale Einbrüche.
Aber auch für etliche Glücksmomente und eine tief empfundene Freude!
Diese Zeit ist verrückt. Alles scheint sich neu zu sortieren.
Ob der Primat Mensch für die Zukunft gemacht ist oder ob er eine vom Aussterben bedrohte Spezies ist, das wird sich zeigen. Es bleibt eine spannende Reise.


Danke für selbstgemachte Marmelade, Marzipanpralinen, wunderschöne Weihnachtskarten, gute Gespräche, Tipps, Lachen, den Wink mit dem Zaunpfahl, Nusslikör und Saugroboter, Weißwein und Gin Tonic, Musik, Inspiration, die eigene Sauna im Garten, Hundebetreuung und last but not least wahre Liebe, Freundschaft & das Gefühl, verbunden zu sein.

Das wars für 2020.
Schauen wir mal, wie die Geschichte weitergeht.