Zwischenzeit & Offenheit

Weihnachten liegt hinter uns. Es gab gutes Essen, Wein und Süßes.
Wir saßen im Trockenen, hatten genügend Platz, um Abstand halten zu können und unser Haus hat außer einem Dach auch Fenster und Türen, die sich zum Lüften öffnen lassen.

Und was fast noch besser ist, sie lassen sich auch wieder schließen.

Sauberes Wasser fließt kalt und warm aus der Leitung, es gibt eine Toilette mit Wasserspülung und außer der Heizung funktioniert auch das Telefon, sodass  Oma und Opa und Tante und Onkel an den Weihnachtstagen von uns hören konnten und wir von ihnen.

Wir haben Glück. Denn bisher hat sich niemand von uns mit Covid19 infiziert.
Uns schlagen keine nassen Zeltplanen ins Gesicht und unsere Ohren werden nicht im Schlaf von Ratten angefressen. Wir müssen nicht hungern und dursten und hilflos zusehen, wie unsere Kinder apathisch, krank und wahnsinnig werden.

Unter unserer Haut haben sich keine kleinen Tierchen eingenistet, die stark juckende Entzündungen verursachen und als Krätze bekannt sind; denn wir verfügen über hygienische Sicherheit, aus der heraus sich prächtig lamentieren lässt, warum man Menschen nicht einfach so aus dreckigen Zeltlagern oder abgebrannten Behausungen herausholen kann.

Weihnachten hin oder her.

Übrigens konnte sich hygienischer Fortschritt nur deshalb durchsetzen, weil ein Mensch irgendwann einsah, dass Wasser nicht des Teufels ist und die Brunnen nicht von bösen Fremden vergiftet worden waren.

Wir standen über die Weihnachtstage auch nicht in einem kilometerlangen Stau vor einer Grenze, ohne Sanitäranlagen, ohne vernünftiges Essen, weit weg von unseren Lieben, weil manchem Verantwortlichen die Macht lieber ist als die Vernunft und das Wohl seiner Bürger.

Wir mussten auch keine Sonderschichten in systemrelevanten Berufen schieben, für die der Applaus längst verklungen ist.

Abgesehen davon, dass meine Verweildauer in der Küche auch in diesem Jahr weit über dem Jahresdurchschnitt lag, verlief Weihnachten bei uns friedlich, ruhig, gesund und fast sorgenfrei.
Was für ein Glück! Wir haben Frieden. Wir haben Wohlstand. Die meisten von uns haben eher zu viel als zu wenig von allem.

Und was für ein Glück, dass sich weder Aluhutträger noch Impfgegner geschweige denn zweifelhafte Ärzte in unserer Mitte befanden, die immer noch nicht gepeilt haben, dass es Corona gibt, dass es sich nicht um eine Grippe handelt und dass ein Impfstoff unabhängig von seiner Entwicklungsdauer sicher und wirksam sein kann. Weil kein vernünftiger Grund darin zu finden ist, warum man unübersehbare Risiken eingehen sollte. Wir leben in einem Teil der Welt, wo mehr geprüft, gezählt, systematisiert und genormt als gelacht wird.

Aber ich muss wohl einsehen, dass gegen die abstruse Logik der Impfgegner, Panikmacher, Esoteriker und Extremisten kein Argument stark genug ist.
Da finden es unsere Aluhutträger harmlos und normal, dass 0,5 bis 1 % der mit COVID Infizierten sterben. Sind ja nur Zahlen. Intensivstationen sind gar nicht überfüllt, alles Panikmache.
Ach so.

Nehmen wir mal folgendes Beispiel an: 20.000 Infizierte, davon 1 %, das sind 200 Menschen. Zweihundert Menschen, die sterben, weil es bisher kein Medikament und keinen Impfstoff gab!

Diese 200 Menschen haben Angehörige.  Kinder, Eltern, Partner.  Diese 200 Menschen werden von Ärzten und Pflegern betreut, die kaum etwas tun können.  Eigentlich gar nichts! Und es ist egal, ob die Sterbenden alt oder mittelalt oder jung sind, es ist egal, ob sie mit oder an COVID sterben.

Es ist nicht harmlos. Covid nicht, der Verlust eines Menschen nicht und schon gar nicht, derartigen Bullshit von sich zu geben. Es ist in hohem Maße menschenverachtend und nur im mildesten Fall mit Rechenschwäche oder Blödheit zu entschuldigen.

Wenn aber bei der Impfung 0,1 % der Probanden leichte und vorrübergehende allergische Reaktionen zeigen, ist das für unsere Verschwörungsgläubigen eine totale Gefahr, der Einhalt geboten werden muss.
ICH LASS MICH NICHT IMPFEN. Alles Verschwörung. Bill Gates ist mein Zeuge.

Da wähnt man sich doch wirklich und wahrhaftig ins sehr frühe Mittelalter versetzt. Umso beängstigender, dass sich in den vorderen Reihen der Verschwörungsgläubigen Menschen bewegen, denen man aufgrund ihrer Bildung und Ausbildung ein Mindestmaß an Vernunft und Durchblick zutrauen müsste.

Weihnachten im allerkleinsten Kreis ist jedenfalls auch ohne empfohlene Notwendigkeit ein Modell für 2021, das an Charme kaum zu überbieten ist. Weil weniger manchmal mehr ist. Denn die Vielfalt der menschlichen Existenz treibt zuweilen Blüten, die zumindest mir manchmal den letzten Nerv rauben.

Was wäre eigentlich, wenn wir Menschen heute von der Welt verschwinden würden?

Innerhalb von sieben Tagen verseucht die Radioaktivität Luft, Wasser und Boden in den jeweiligen Gebieten für Jahrtausende, weil der Kühlwasserkreislauf der Atomkrafwerke zusammenbricht.

In einem Jahr haben sich Tiere und Pflanzen die Städte zurückerobert. In einhundert Jahren hat sich das Meer von der Überfischung erholt.
Honig ist in 10.000 Jahren immer noch haltbar.
In einhunderttausend Jahren erreicht CO2 wieder die gleiche Konzentration wie vor den Menschen. Die Mikroorganismen haben gelernt, Plastik abzubauen.

Die menschliche DNA ist in 75 Mio Jahren immer noch vorhanden.
In 7,6 Milliarden Jahren wird die Sonne zum Roten Riesen und alles Leben auf der Erde erlischt.

Was für immer von uns Menschen bleibt, sind die Rundfunkwellen, die sich bruchstückhaft weiter im All ausbreiten. Mögen sie einigermaßen intelligent sein.

Der Mensch. Irgendwie unsterblich.*

Als sich heute Morgen bei der Meditation Ruhe in mir eingestellt hatte, sich der Schneesturm in meiner inneren Schneekugel gelegt hatte, sich die Gedanken verzogen und der Atem regelmäßig sein Ein und Aus zelebrierte, tauchte der Begriff Offenheit in mir auf.

Genau, dachte ich, was für ein gutes Wort das doch ist, das mir da zwischen den Jahren die Hand reicht.
Offenheit.

Anders als Neugier kommt es ruhig daher. Schau ruhig hin, nimm es auf, denke darüber nach, fühle nach, stelle Fragen und hör gut zu, welche Antworten zu bekommst. Sei offen auch für Neues und noch Unbekanntes.

Ich habe keine Vorsätze für 2021. Nur Wünsche, die man sich nicht mit Geld erfüllen kann.

Einer davon ist, dass ich so oft wie möglich den Mut aufbringe, offen zu sein und ebenso mutig zu sein, der Stille und dem Schweigen den Raum zu überlassen, wenn ich mit Wort und Tat an meine Grenzen komme. Und ja, es ist etwas überheblich, aber diesen Wunsch habe ich auch für einige andere Menschen.

Offenheit. Ein gutes Wort. Und ein gutes Mittel gegen das unüberlegte Geplapper in dieser Welt?
Wer weiß. Ich nicht.
Aber mal sehen, was sich noch so zeigt. Heute, Morgen, Übermorgen und im Neuen Jahr 2021.

Machen Sie es gut. Bis bald.

*quarks.de, zitiert aus: Die Welt ohne uns, Alan Weisman