Voll & Fall

Volltanken! Ausrufezeichen.

Der dreisilbige Imperativ ist eine besondere Art von Liebe. Er hilft der etwas schusseligen und in Alltagsdingen zerstreuten Ehefrau auf die Sprünge. Mann, also meiner, teilt mir in liebevollem Kürzel mit:

Sprit wird teurer, mach dich auf die Socken, tank voll, da kannst du sparen, sparen, sparen und hast mehr Geld übrig für Bücher und Notizblöcke, Bleistifte und ein Paar geblümte Gummistiefel samt warmer Wollsocken.

Ich schmunzle; über den Zettel neben meiner Kaffeetasse und das warme, kribblige Gefühl, das sich auch nach so langer Zeit immer noch einstellt.

Es ist so gut für mich, einen Menschen an meiner Seite zu haben, der in etlichen Belangen des Lebens so ganz anders tickt als ich.
Ich wusste gar nicht, dass der Benzinpreis steigt, denke ich, kein Wunder, ich tanke immer für 20 Euro, versuche ich zu schließen, stecke den Zettel in die Hosentasche und locke die Hündin ins Auto. Komm, Enja, Autofahren. Enja kommt an gespurtet, lässt sich voller Vorfreude an die Leine nehmen und schon geht es los.

Die Ausgangsperre beginnt zwar erst um 22 Uhr aber wer weiß, welche Abenteuer zwischen Haustür und Tankstelle auf uns warten.

Ich setze die Maske auf, tanke voll, nehme das Portemonnaie vom Beifahrersitz und gehe hinein.
Ich bezahle kontaktlos, wünsche einen schönen Tag und verpasse zwei Sekunden später, warum auch immer die Stufe, spüre, wie sich die Bänder und Sehnen um meinen Knöchel herum sehr schmerzhaft dehnen, nehme wahr, dass mein rechtes Knie auf den Beton knallt, merke,  dass es keine gute Idee ist, sich mit beiden Handballen abzufangen, registriere, dass die Geldbörse weiter fliegen kann als die Brille und bleibe liegen.

An Aufstehen ist nicht zu denken. Ich liege da unten auf dem Boden. Ich liege nicht sehr lange dort, aber die Zeitspanne reicht aus, um das Gefühl von Hilflosigkeit klar zu spüren.
Ein junger Mann reicht mir seinen Arm, fragt, ob es der Kreislauf war.

Nein, sage ich, ich bin gestolpert. Er reicht mir Brille und Portemonnaie und beim ersten Auftreten durchfährt mich ein stechender Schmerz. Knöchel und Achillessehne liefern sich ein Battle. Ich kann mehr wehtun, nein, ich!

Ich humple zum Auto, steige ein und muss mich sehr zusammenreißen, um nicht loszuheulen. Gas, Kupplung, Bremse fordern mich heraus, inzwischen habe ich auch Schwierigkeiten, die lädierten Handgelenke zum Mitmachen zu motivieren.

Ich schaffe es dennoch nach Hause. Muss ja, denke ich, und zum Glück sind es nur ein paar Hundert Meter.

Der Tank ist voll und ich vom Hinfallen benommen. Der Knöchel schwillt an, das Knie blutet.
In ein paar Tagen wird der Schmerz nachlassen und die Schürfwunde verheilt sein.
Tippen und die Kaffeetasse heben kann ich heute schon.

Aber hinzufallen ist ein Minitrauma.
Die Perspektive ist ungewohnt. Das Angewiesensein auf eine helfende Hand kostet Überwindung, und Schwachsein ist nichts für schamanfällige Nervenkostüme.

Es war nur ein kleiner Sturz. Aber er hat gezeigt, dass dieser Spruch vom Hinfallen ist keine Schande, das Liegebleiben schon, hinkt. Was, wenn man es aus eigener Kraft nicht schafft, aufzustehen? Was, wenn man Hilfe braucht?
Das ist keine Schande! Im Gegenteil. Es kann auch sehr mutig sein, sich helfen zu lassen und über diesen unangenehmen Moment hinauszuwachsen.

Karma, dachte ich. Worüber bin ich gestolpert? Vielleicht über Gedanken, die ich nicht zu Ende gedacht habe? Vielleicht über vorschnelle Urteile? Hochmut kommt vor dem Fall, sinniere ich.

Vielleicht, sagt mir eine innere Stimme, vielleicht bist du über die Fünfe gestolpert, die du nicht gerade sein lassen konntest.

Mag sein. Lass mal Fünfe gerade sein. Sei nicht so streng mit dir und auch nicht mit anderen.
Fünfe gerade sein lassen.

Und genau das tue ich, wenn ich diesen kleinen Eintrag zu Ende geschrieben habe. Ich lasse Fünfe gerade sein, gönne dem geschwollenen Knöchel und dem schmerzhaften Knie Ruhe und Zeit zum Heilen und haue mich gechillt aufs Sofa. Mit arte, Netflix und einem Buch.
Volltanken.

Machen Sie es gut und achten Sie auf die Stufen im Leben!