Kontroversen & Wirklichkeiten

Mit dem Ankommen im neuen Jahr geht es mir ähnlich wie nach einem langen Nachtflug.
Erschöpft betrete ich das unbekannte Land eines noch fremden Kontinents. Manches scheint so zu sein, wie ich es kenne. Anderes ist mir komplett fremd. Mir weht ein anderer Wind um die Nase und ich weiß nicht, aus welcher Richtung er kommt und ob er mich erfrischt oder mir Kopfschmerzen macht.

Mental befinde ich mich noch in der Startphase. Das Flugzeug beschleunigt noch. Seine unwiderstehliche Kraft drückt mich gegen die Rückenlehne.
Es löst sich schließlich vom Boden, hebt ab, ich hebe mit ab und mir laufen ein paar Tränen übers blasse Gesicht. Weil ich erleichtert und ängstlich zugleich bin. Weil ich die Kontrolle abgebe und mir nichts bleibt, als mich dem Flug hinzugeben.

Ich kann nichts tun. Ich muss nichts tun.

Die Angst vor dem Absturz und die Freude über das Fliegen finden wie ein Paar zueinander, das nichts miteinander anfangen kann. Unpassend. Auf den ersten Blick. Kontrovers. Aber ist im Grunde nicht alles kontrovers?

Die Angst und die Freude sind kontrovers. Aber was, wenn sich in die Angst die Freude mischt und in die Freude die Angst? Was passiert dann?
Ein Spiel von Stärke und Schwäche. So viel scheint klar. Einzig das Aufbrechen ist die Voraussetzung für ein derartiges Projekt der Kontroversen.

Wenn die Freude aufbricht, bricht die Angst ein. Bricht die Angst auf, bricht die Freude ein.
Feuer und Wasser. Schwarz und Weiß. Wie wirklich ist eigentlich unsere Wirklichkeit? Wirklicher als die Wirklichkeit des anderen?

Nach der imaginären Landung schwebe ich im Geiste noch irgendwo über den Wolken oder mittendrin im heillosen Durcheinander von Erfahrungen und Gedanken aus meiner Welt, die sich jetzt in diesem Neuen und Unbekannten weiten und anpassen werden; jedenfalls dann, wenn ich es zulassen kann und will. Wenn ich aufbreche.

Wenn ich bereit bin, zu lernen, loszulassen, mich zu öffnen. Sogar dem, was ich nicht mit dem Intellekt erfassen kann, das mir fremd ist und unverständlich.

Und während ich noch vor mich hin philosophiere und die Kontrolle über die Erledigung der praktischen Dinge und Tätigkeiten des Alltags endgültig verliere, schrumpft mein Radius der Bewegungsfreiheit ganz konkret und per Verordnung auf fünfzehn Kilometer zusammen.

Fünfzehn Kilometer. Weiter dürfen wir uns nicht mehr von unseren Wohnstätten wegbewegen. Vonwegen Flug über die Meere.

Das Können und nicht Wollen oder Dürfen macht manchmal, dass man plötzlich will; unbedingt. Man will plötzlich aufbrechen, obwohl man sich seit vielen Monaten kaum aus der eigenen Zone herausgewagt hat. Man sah keine Notwendigkeit zum Aufbruch, zum Aufbrechen, zum Ausbrechen. Und auch keine Möglichkeit.

Die Vernunft verdonnerte zum Verharren. Manchmal auch die selbst auferlegte Beschränktheit, der blinde Fleck, von dem man sich nicht weg bewegte, weil man nicht konnte, wollte, musste.

Bis die Emotion zum Aufbrechen ruft. Schrill, laut, wild oder auf sanft sprudenlnde Art löst sie auf, was uns gefangen hält. In uns oder in unseren Umständen.
Vernunft und Emotion sind Kontroversen aus Überzeugung. Mit guten Argumenten. Mit Kraft.

Führen wir sie konstruktiv, nutzen wir sie als permanente Selbstkorrektur und Weiterentwicklung, lassen wir zu, dass sie uns aufbrechen, dann haben sie die Kraft, aus Enttäuschungen zu lernen und offen zu werden für das, was wir nicht verstehen, was uns fremd ist.

Ich breche jetzt auf. Direktflug Küche, Zielflughafen Spülmaschine.

Machen Sie es gut, bleiben Sie wie Sie sind und werden Sie, was Sie wollen. Weil Sie dürfen und können!