Gedankenfangen

Wissen Sie was Sie denken?
Können Sie zurückverfolgen, welche Gedanken Ihren Worten vorausgingen? Kennen Sie den Moment, in dem sich Gedanken und Worte zu Aussagen vereinen, und kurz darauf ist nichts mehr so, wie es vorher war und Sie finden sich erschüttert, erstaunt oder im besten Falle glücklich in einer komplett neuen Situation wieder?

Es ist doch absolut verrückt, welche Macht Worte haben!

Im Guten wie im Bösen. Sie können uns miteinander verbinden und heilen und gleichzeitig, zur falschen Zeit am falschen Ort verletzen, zerstören und töten.

Meine Art Liebe zu zeigen
Das ist ganz einfach Schweigen
Worte zerstören
Wo sie nicht hingehören,
sang Daliah Lavi einst, die sehr alten Menschen mit Status 50plus unter uns erinnern sich.

Auch an den Spruch aus dem Poesiealbum wonach Reden Silber und Schweigen Gold ist.

Ganz und gar frei von Poesie sind vier Menschen gestern beim Sturm auf das Washingtoner Capitol gestorben, weil ein fürchterlicher Widerling sein verlogenes Maul aufreißt und mit primitivster Wortgewalt Anstiftung zu Straftaten im ganz großen Stil betreibt.

Längst überfällig wurde er in den Kanälen der asozialen Medien endlich gesperrt! Es hat sich ausgezwitschert. Jedenfalls vorläufig.
Wann werden auch die anderen unverschämten Lügner, Mobber und Kriminellen gesperrt und für ihre Machenschaften und Taten zur Rechenschaft gezogen?

Es wird höchste Zeit!

Wir alle machen Fehler, benehmen uns mal schlecht, sind ungerecht, eingebildet, überheblich, frech und unhöflich bis grob.
Selbst die sensibelsten Geschöpfe unter uns hauen ab und zu verbal um sich. Wir sind Menschen und können nichts anderes als uns menschlich zu verhalten.
Fehlverhalten, das jeder, der durchschnittlich selbstreflektiert und motiviert ist, korrigieren kann.

Es tut mir leid, dass ich dies oder das gesagt und getan habe, es tut mir leid, dass ich verletzend unterwegs war.

Niemand muss über die Nachsichtigkeit und Geduld einer Mutter Teresa oder anderer Empathen und Humanisten verfügen.
Oft reicht es, um Verzeihung zu bitten und an sich zu arbeiten. Und wo das nicht reicht, gilt es, an dem Schmerz der Konsequenzen zu wachsen oder seine Fehler solange zu wiederholen, bis man geschnallt hat, dass Lernen ein lebenslanger Job ist und man eines Tages nicht mehr auf die Niedlichkeit eines Dreijährigen setzen kann.

Warum um alles in der Welt habe ich immer noch die naive Vorstellung, dass gerade die Menschen vorbildliches Verhalten an den Tag legen sollten, die die größte Verantwortung tragen? Siehe oben. Die Dreijährige in mir glaubt einfach daran, dass die Erwachsenen und Klugen es drauf haben.

Warum glaube ich immer noch daran, dass alles gut wird, wenn wir Menschen nur endlich begreifen, dass wir wählen können, wie wir anderen begegnen, welche Worte wir wählen, um möglichst präzise das auszudrücken, was wir wirklich sagen wollen.

Müssen wir jedes Wort auf die Goldwaage legen?
Ja. Bitte. So oft wie möglich.

Worte zerstören, wo sie nicht hingehören. Worte können manipulieren. Worte sind Waffen. Und die Verwundungen oft zu schwer, als mit einem Das habe ich nicht so gemeint oder So bin ich nun mal, geheilt werden zu können.

Wollen wir uns an die zunehmende Grobheit von Wortgefechten gewöhnen, sogar daran teilnehmen oder versuchen wir uns in der Wiederbelebung von Wortsensibilität und der Kunst des Erzählens?

Gut gewählte Worte verlangen uns keine überirdischen Anstrengungen ab.
Wir müssen weder glänzende Rhetoriker noch einfühlsame Empathiewunder sein.
Ein bisschen Respekt reicht meistens schon aus; und ansonsten lächeln, winken und einfach mal still sein.

Ich lege meine Gedankenangel jetzt zur Seite, tausche sie wieder gegen das Bügeleisen ein und rede mit der Hündin. Und die versteht jedes Wort, jedenfalls wenn es Futter oder Rausgehen lautet.

Machen Sie es gut!