Ein Hauch von Liebe*

Leider bin ich nicht der Sonnenscheinmensch, der ich gerne wäre.
Wissen Sie, was ich meine? Sonnenscheinmenschen sind Menschen, die freundlich und aufgeschlossen durch die Welt gehen und ihren Mitmenschen wohlwollend begegnen, die sich selbst nicht wichtiger nehmen als nötig und die in der Lage sind, auch andere Perspektiven als ihre eigene einzunehmen.

Sonnenscheinmenschen haben die Gabe, Anregungen und Kritik feinfühlig und konstruktiv zu transportieren.
Sonnenscheinmenschen sind mit sozialer Kompetenz und emotionaler Intelligenz gesegnet. Menschen, die über Herzenswärme und Humor verfügen und sich im Idealfall nicht ihren Intelligenzquotienten auf die Stirn malen.

Sehen Sie, da war es wieder, Ironie anstatt Freundlichkeit. Ich muss dringend etwas tun! Aber was? Und wie?

Herr Aristoteles sagt: „Der Freundliche begegnet seinem Gegenüber liebenswürdig und bringt ihm das Interesse entgegen, das ihm gebührt. Er nimmt Rücksicht auf andere und versucht sich so zu benehmen, dass niemand Anstoß an ihm nimmt. Im Allgemeinen also gilt, wie gesagt, dass er im Verkehr sich auf die rechte Art verhalten wird.“

Bisschen langweilig, bisschen lustig, aber schön. Nachzulesen ist dieser kleine Absatz in der Nikomachischen Ethik.
Lesen ist super, machen noch superberer. Wie werde ich freundlich, wenn meine genetische Ausstattung in Sachen Freundlichkeit nur Basistarif enthält?

Ich brauche ein Upgrade. Hört sich nach Investition und Anstrengung an.
Arbeit an sich und den eigenen Verhaltensweisen? Puh, denke ich mir, kann ich nicht lieber authentisch sein, anstatt mühsam meine Freundlichkeit zu kultivieren?

Schnell stellt sich bei mir der Verdacht ein, dass Authentizität wie für viele Menschen auch für mich zu einer Entschuldigung für schlechtes Benehmen werden kann.
Dass man, wenn man überheblich, oberlehrerhaft und feindselig daherkommt immer behaupten kann, dass das der eigenen Authentizität geschuldet sei und man sich fest vorgenommen habe, ab sofort authentisch zu sein. Schließlich lebt man nur einmal.

Schlechte Laune? Authentisch. Arroganz? Authentisch. Überheblichkeit? Authentisch.
Ich groß, Du klein? Authentisch Schätzelein. Oder es sind eben die Gene, denen man hilflos ausgeliefert ist.

Nein Danke. So will ich nicht sein. Wirklich nicht. Ich möchte freundlich und integer sein.

Integrität ist mehr als Authentizität. „Auch ein Sexist oder ein Verfassungsfeind sind authentisch, wenn Haltung und Handeln übereinstimmen. Integrität verlangt dagegen, dass die Haltung – und in der Folge das Handeln – in Übereinstimmung mit geltendem Recht und allgemein geteilten Werten und Normen steht.“

Also geht es um die Übereinstimmung zwischen Handlung und persönlichen Normen und Werten.

Was sagt es also über mich aus, wenn ich mich jeder schlechten Laune hingebe, wenn ich meine Gefühle und Hormone mit mir machen lasse, was sie wollen?
Bin ich dann nicht wieder ganz am Anfang? Im Babystatus? Babys sind authentisch, keine Frage!
Rumschreien und tyrannisieren bis einer kommt und mich füttert? Weil ich, ich und nochmal ich nun mal der Mittelpunkt des Universums bin? Bei Säuglingen und sehr betagten Menschen ist das eine Notwendigkeit; auch bei Kranken.

Aber wir anderen können nicht nur im Hinblick auf freundliches Miteinander mehr. Und, die gute Nachricht ist, dass es keine Frage des Alters, keine Frage des Geschlechts, keine Frage des Kontostandes und schon gar keine Frage des Berufes ist. Freundlich geht  immer!

Ja, schön und gut, wenden Sie jetzt vielleicht ein, aber es ist Corona und die Corona Bedingungen begünstigen das allgemeine Hirnschrumpfen aufgrund fehlender persönlicher Interaktion und vernünftiger Kommunikation. Vielen fehlt es derzeit schlicht an Übung im Umgang miteinander.

Und, argumentieren Sie vielleicht weiter, schließlich sind wir viel in Social Media unterwegs und hier lernen wir, dass Freundlichkeit nachrangig ist und es nur darum geht, sich äußerlich so zu filtern, dass man möglichst perfekt, individuell und wichtig rüberkommt. Und außerdem, sagen Sie weiter, muss man doch auch mal Tacheles reden dürfen, wenn einem etwas gegen den Strich geht.
Und überhaupt, schließlich ist das alles freie Meinungsäußerung und wo kämen wir denn hin, wenn man nicht mehr sagen darf, was man meint und überhaupt, was soll das eigentlich alles,  gibt es nichts Wichtigeres als Freundlichkeit?

Im Trend liegen Sie jedenfalls.

Aber gilt nicht auch Gefahr erkannt, Gefahr gebannt? Gibt es nicht umsonst neben dem WAS auch das Wie? Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus? Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch anderen nicht zu? Denken vor dem Reden ist straffrei und vor allem grundrechtskonform!

Längst ist bewiesen, dass auch der große Hans und die große Grete prinzipiell lebenslang lern– und anpassungsfähig und somit auch in der Lage sein müssten, freundlich zu agieren.

Außerdem geht man „in der heutigen Verhaltensforschung davon aus, dass jegliches Verhalten eine genetische Grundlage hat und gleichzeitig durch Umwelteinflüsse moduliert wird. Die Genetik bildet demzufolge das Fundament, das sich in Wechselwirkung mit der Umwelt und eigenen Erfahrungen entsprechend entwickeln kann. Durch individuelle Lern– und Erfahrungsprozesse in der Umwelt kann die Leistungsfähigkeit des Gehirns so optimiert werden. Stellt man sich die Gene als Tasten eines Klaviers vor, dann hängt es vom Pianisten – der Umwelt – ab, welche Tasten bzw. Gene an– oder abgeschaltet werden. Das Zusammenspiel von Genen und Umwelt bestimmt also das Ausmaß und die Richtung, in die das Wachstum der Nervenzellen und der Synapsen gesteuert werden kann.“

Und wie mache ich das jetzt konkret?

Ich suche mir Vorbilder. Mentoren! Ich gucke mir ab, wie freundliche Menschen reden und sich benehmen. Lernen am Modell.
Zum Beispiel ist Dr. Helge Braun für mich ein Mensch, der Freundlichkeit ausstrahlt und seine Kompetenz damit kein bisschen untergräbt. Im Gegenteil!
Barack Obama zählt für mich zu den freundlichen Menschen mit hohen Vorbildwerten.

Wahrscheinlich werde ich weder mit Dr. Braun noch mit Mister Obama jemals einen Kaffee trinken und mir eine Dosis ihrer freundlichen Integrität impfen lassen können.

Wenn ich aber ein Bild davon habe, wie ich sein möchte, dann habe ich den ersten Schritt in Richtung Ziel gemacht. Ich kann mich immer dann, wenn mein Grollzwerg sich zum Riesen aufblasen will, daran erinnern, wie sich jetzt in diesem Moment ein freundlicher Mensch verhalten würde. Ein freundlicher Mensch, wie ich einer sein möchte.

Freundlichkeit ist eine Tugend. Freundlichkeit ist ein Hauch von Liebe. Und beide sind Haltungen, die man erlernen kann – wenn man denn will. Und ich will!

Ich wünsche Ihnen den kleinen Hauch von Liebe! Und das weit über diesen Sonntag hinaus.

Last but not least sage ich an dieser Stelle Danke an alle, die den freundlichen Umgang miteinander nicht in den Lockdown schicken, an alle, die wertschätzend und respektvoll agieren und zuversichtlich nach vorne schauen.
Danke an alle, die noch lächeln und sich trauen, ihr Herz zu öffnen, ohne den Verstand zu verlieren. Und Danke für die Inspiration zu diesem Titel an Catharina*

Ich glaube, dass es das ist, was wir alle dringend brauchen: Freundlichkeit, den Hauch von Liebe!

Bis bald.