Pa-ti-na

Patina. Die Betonung muss auf der ersten Silbe liegen, sonst ist das Wort verhunzt.
Pa-ti-na. Wenn man die zweite Silbe betont, sterben Charme und Grandezza einen stillen Tod. Der Klang verstummt. Er knickt ein, zieht sich die kratzige, verfilzte Wollmütze tief ins Gesicht und schleicht hinkend davon wie ein verschüchterter Zwerg im Zwielicht.

Ich bekomme diese gewisse Patina mit der Betonung auf der ersten Silbe. Patina. Das hört sich eleganter an als Wechseljahre oder noch schlimmer, Klimakterium. Ich war schon immer eine Spätzünderin, ich bin immer noch eine und später dran als der Rest. Vielleicht auch deshalb, weil ich ständig Ich doch nicht! Mir passiert das nicht, denke und so tue, als ginge mich das alles nichts an. Wäre ich eine Farbe, wäre ich rosarot changierend zu pink.

Patina ist eine natürliche Schicht von Schönheit, die sich nicht von Begriffen wie alt und grau ins Land der Unsichtbarkeit verschiffen lässt.

Ich stecke in dieser absurden Phase fest, die mit dem Gefühl des Verblutens beginnt, viel zu lange anhält, das Blutbild versaut und den Energielevel nur knapp über dem Existieren hält, um dann in einen drohenden Hitzetod zu münden, der die Nächte schlaflos macht, auf die lustvolle Gestaltung derselben jedoch großzügig verzichtet.

Es ist keine Vermutung, sondern Fakt, dass nach dem stetigen Verfall des Körpers und dem Verlöschen des Geistes im besten Falle ein großer Blonder mit schwarzen Schuhen dasteht, um uns abzuholen, eventuell dient er uns ein Gläschen Champagner und himmlische Sahnetrüffel an, um uns über die Schwelle zu locken. Wahlweise übernimmt eine große Blonde samt „großes Blondes“, für die Bierliebhaber unter uns, den Job.

Sie stimmen mir zu, denke ich. Am Ende wartet der Jet ins Jenseits. Zurück in das Große Ganze, zurück in den Zustand eines Atoms? Oder ins Nichts? Was wissen wir schon über den Zustand, in den wir nach dem Ableben diffundieren, reinkarnieren oder was auch immer wir uns für Worte ausdenken, um Dinge verstehen zu können, die wir nicht verstehen.

Können oder sollten wir diesem Prozess etwas abgewinnen?
Heute nicht. Es fällt mir heute schwer, meine junge, sprühende Frau mit der Alten zu vereinen, die den Spiegel schon lange nicht mehr fragt, wer die Schönste im Land ist, weil die Antwort Du jedenfalls nicht der Wahrnehmung an Tagen wie diesen zu nah kommt. Zu groß sind die Differenzen zwischen den beiden Frauen, der von früher und der von heute.

Danke für Nichts, möchte ich jammern. Danke, nicht dafür, dass ungefragt Fettgeschwader aufmaschieren, um aus einem einst schlanken und flachbrüstigen, fast androgynen Mädchen eine üppige Rubensfrau zu formen. Einen alten Kugelmenschen, der sein junges Pendant sucht und nicht finden kann, weil er einfach nicht schnallt, dass in der Kugel immer noch das Junge steckt.

Heute ist kein Tag, um das zu erkennen. Heute ist kein guter Tag. Oder doch?

Patina zaubert für mich. Patina versetzt mich in eine wohlwollende, zuversichtliche Stimmung. Patina leuchtet mich aus und setzt mich in Szene.

Meine Patina ist nicht grau und nicht hoffnungslos. Sie schimmert wie der Schatz im Silbersee, den ich mit Händen greifen kann.
 
Und plötzlich kann ich es kaum erwarten, dass sich meine Patina auch über die restlichen Strähnen meiner einst dunkelbraunen Haare legt und sie veredelt wie der weiße Schimmel die Salami. Die Patina, die mich das Leben noch einmal aus einer ganz anderen Perspektive schmecken lässt, die Entspannung und Gelassenheit verspricht und darin eine neue Schönheit entfaltet.

Es kann nicht dieselbe Patina sein, die unbarmherzig und kalt in unsere Gehirne eindringt, sich wie Beton auf unsere Nervenbahnen legt und tiefe Krater in einst wunderschöne Landschaften reißt.
Nein. Es kann nicht die Patina sein, die sich wie Kalk auf unsere neuronalen Netze legt und Staub statt klarer Gedanken aufwirbelt.
Patina wie ich sie meine und allmählich erkenne, ist eine feine Schicht, die nicht verdeckt, sondern freilegt. Die Fragilität des Lebens und seine schleierhafte Schönheit und diesen feinen Hauch von wehmütiger Sehnsucht. Und das alles ohne großes Trara.

Patina.

Liebste Grüße!


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