Die Kinderfrage



Gibt es etwas in deinem Leben, das du heute anders machen würdest?

Kinder bleiben immer Kinder und ihre Fragen immer eine Herausforderung. Es spielt keine Rolle, ob sie fünf oder neunundzwanzig oder in Wahrheit sogar noch älter sind.

Ich scanne im Geiste die Stationen meines Lebens bis jetzt. Geboren, gelebt, noch am Leben. So weit so gut.
Es gibt Stellen, an denen sich der rote Faden selbständig macht, sich verknotet, Schleifen dreht oder reißt. Dort, wo aus einem wohl formulierten Curriculum Vitae echtes Leben wird.

Ja, antworte ich, es gibt ein paar Dinge, die ich mit meiner heutigen Erfahrung anders machen würde. Entscheidungen, die ich damals getroffen habe, weil ich sie nicht besser oder anders treffen konnte.

Ich hätte mein Abitur auf dem ersten und nicht erst auf dem zweiten Bildungsweg machen sollen.
Ich hätte die berufliche Ausbildung beginnen müssen, für die ich mich begeisterte, anstatt mich in einem Bereich ausbilden zu lassen, der mich nicht die Bohne interessierte.

Entscheidungen aus falschen Motiven sind oft schmerzlich und führen zu frustrierenden Verzögerungen.

Ich hätte mich mindestens zweimal im Leben umdrehen sollen, weil meine Intuition mir dazu riet, die Angst vor dem Scheitern und vor Verletzungen und Schmerz jedoch größer war.
Und wenn ich mir mit der Familiengründung zehn Jahre länger Zeit gelassen hätte, wäre das für mich persönlich wahrscheinlich besser gewesen.

Was mache ich hier? Bereue ich? Stimme ich in den Kanon der verpassten Chancen ein, jammere ich das vielbesungene Mantra Hätte, hätte Fahrradkette? Wühle ich in Vergangenem, weil mich die Gegenwart nicht erfüllt?
Nein. Ganz und gar nicht.

Die Frage ist wunderbar. Weil meine Antworten mich daran erinnern, was sich für mich stimmig anfühlt.
Sich zu erinnern ist etwas Schönes und Belebendes! Verdrängtes zuzulassen und sich die Wahrheit eigener Empfindungen zu erlauben, schmeckt köstlich, samt des melancholischen Toppings.
Ich erinnere mich gut und gerne, über manches bin ich traurig, sehr sogar, anderes lässt mich schmunzeln und wieder anderes mir innerlich auf die Schulter klopfen. Gut gemacht!

Ich schöpfe Gewinn aus dem was war. Und ich sehe meine Entwicklung und freue mich, dass ich heute viel mehr Mut zum Scheitern habe, dass ich mich von der Angst vor Fehlern nicht mehr allzu sehr bremsen lasse, dass ich der Liebe in ihrer Gestalt als Kreativität, Intuition, Lust und Wohlwollen so viel Platz wie möglich einräume.

Ich kann heute mehr Perspektiven zulassen als früher, ich höre nicht auf, lernen zu wollen und zu können. Und das ist möglicherweise nur so, weil ich das Leben gelebt habe, das ich gelebt habe.

Ich weiß nicht, wie mein Leben verlaufe wäre, wenn ich an drei bis fünf Stationen einen anderen Weg eingeschlagen hätte. Wenn ich mich umgedreht und innegehalten hätte, anstatt wegzulaufen oder umgekehrt, weggelaufen wäre anstatt zu bleiben.
Vielleicht wäre manches einfacher gewesen, anderes dagegen schwieriger. Vielleicht wäre ich in manchen Lebensphasen glücklicher gewesen, in anderen dagegen todunglücklich?

Ich habe meinen Neid auf schnurgerade und zielstrebige Lebensläufe ad acta gelegt. Denn auch sie, die aalglatten Biografien und der Neid darauf, sprechen die Sprache der Angst. Angst vor Fehlern, Angst vor dem Scheitern, Angst, etwas verpasst zu haben, Angst, nicht zu genügen.

Es gibt Dinge in meinem Leben, die ich heute anders machen würde. Eindeutig ja. Es sind vor allem die Entscheidungen, die ich aus Vorsicht oder nur mit dem Verstand getroffen habe. Heute würde ich mich für Mut und Liebe entscheiden und auf meine Intuition vertrauen. 

Wahrscheinlich.

Frag mich in dreißig Jahren noch einmal, mein Kind!



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