Willst du gelten, mach dich selten


Hörversion

Das Telefon klingelt. Ich lasse es klingeln. Was glaubt denn dieses Smartphone, was es ist? Außerdem telefoniere ich nicht gerne. Das muss an den Genen liegen.

„Papa“ lese ich verschwommen, taste nach meiner Lesebrille, und gleich darauf drücke ich auf das grüne Telefon auf dem Display.

Papa? brülle ich hysterisch in mein Handy
Hallo Christine, ich…

Weiter kommt er nicht.

Ist was Schlimmes passiert?

Es ist kurz vor der Tagesschau. Das ist in meiner Welt eine anerkannte Uhrzeit. Niemand ruft um diese Zeit noch irgendwo an. Da wo ich herkomme, telefoniert man nur im alleräußersten Notfall und überhaupt nicht nach 18 Uhr.
Und wer vor 18 Uhr den Fernseher laufen lässt, sofern vorhanden, der ist inakzeptabel und auf dem besten Wege zu verblöden. Gute Menschen lesen, schlechte schauen RTL2.

Papa! hake ich gefasst nach, was ist passiert?

Na nichts, antwortet Papa. Ich wollte mich nur mal so melden.
Häh?

Mein Vater ruft nie an. Meine Eltern melden sich nur, wenn es wirklich wichtig ist. Und dazu gehören Dinge wie Notaufnahme im Krankenhaus, Tsunami oder Buschbrand.

Deshalb erschrecke ich meistens, wenn sie sich melden.
Und seit Corona erst recht.
Papa erzählt mir, dass er ein Laufband gekauft hat. Bei amazon. Er hat es sich schicken lassen. Ging ruckzuck, zwei Tage später war das Ding da.

Meine Oma lässt sich auch Dinge schicken. Tischdecken aus 100 Prozent Trevira, geblümte Kittelschürzen aus Polyacryl, Bettwäsche für meine Aussteuer und Mieder, die hautfarben sind und vom Knie bis unter die Brust reichen. Die gigantischen BHs, die oberhalb der magischen Linie zum Einsatz kommen, lässt Oma auch von Quelle, Klingel und Ottoversand Hamburg schicken.

Ich blättere den dicken Quellekatalog von der ersten bis zur letzten Seite durch. Das dauert ungefähr so lange, wie Oma und ihre Freundinnen sieben Gläschen Eierlikör genossen und die Bestellkarten ausgefüllt haben. Auf einem Bein kann man nicht stehen. Auf sieben umso besser.

Sammelbestellungen sind günstiger. Für eine Sammelbestellung gibt es ein großes Blatt statt einer Postkarte.
Einmal Porto bezahlen, fünf Mieder für alle.
Nach vier Wochen bringt der Postbote ein riesiges Paket aus hellblauer Kartonage. Die Postboten bringen selten Pakete. Meistens bringen sie Briefe. Und den neuen Quellekatalog.
Was man zum Anziehen braucht, wird eigentlich selbst genäht oder bei der Schneiderin in Auftrag gegeben. Weil Kleidung von der Stange viel zu teuer ist.

Mieder und Kittelschürzen sind verteilt. Der Riesenkarton ist leer. Ich darf ihn behalten und mir daraus eine Bude aus Pappe bauen. Ich schneide Fenster und eine Tür in den Karton und male Fensterläden und eine Türklinke mit Wachsmalstiften auf die Pappe. Dann krabbele ich ausgerüstet mit Kuscheldecke und Kissen in meine neue Behausung, sehe aus dem Fenster und komme wenig später wieder herausgekrochen, um Oma zu fragen, ob sie mir ein Knäckebrot mit Butter machen kann.


Papa hat das Laufband im Schlafzimmer aufgebaut. Es steht neben dem Fitnessrad. Prima Sache, sagt Papa, er geht fünf Minuten, dann läuft er zwei und dann geht er wieder fünf. Super ist das. Vor allem bei dem Sauwetter. Da will doch kein vernünftiger Mensch vor die Tür gehen.

Mama hat Papa das Telefon entrissen, ich kann gerade noch sagen, schön, dass du angerufen hast, Papa, machst du ja leider nicht so oft, da höre ich es sagen.

Willst du gelten, mach dich selten. Man muss sich rarmachen, damit man etwas wert ist. Und ich gehe bei jedem Wetter nach draußen. Wir sind doch nicht aus Zucker.

Mama hat gesprochen und schlagartig bin ich wieder vierzehn Jahre alt und eine Rarität. Kaum jemand aus meiner Peergroup weiß, dass ich überhaupt existiere.
Die Fete beginnt um 18 Uhr, ich muss um Acht zuhause sein. Abzüglich der Wegstrecke bleiben mir zum Feiern ganze dreißig Minuten.
Am nächsten Morgen gehe ich in strömendem Regen und Unwetter zu Fuß zur Schule. Ich bin schließlich nicht aus Zucker.

Zwei Tage später habe ich eine Mandelentzündung und 38 Grad Fieber.
Wer feiern kann, der kann auch zur Schule! 38. Das ist fast normale Temperatur und in der Schule sitzt man die meiste Zeit.

Nein Mama, sage ich lauter und genervter als ich will, wenn man sich rarmacht, weiß niemand, dass es einen gibt. Sich rar zu machen heißt, nicht da zu sein!

Ich fühle mich wie eine Figur in einem Jane Austen Roman. Warten, bis der Richtige kommt, sticken, stricken, gerader Rücken und jede Art von Wildheit unter einem bestickten Häubchen im Zaum halten.

Gerade habe ich Selfies von mir gemacht. Für mein Profilfoto auf Instagram. Und die ganze Zeit hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil man sich ja eigentlich rarmachen muss als Mädchen und darauf zu warten hat, dass der oder das Richtige einen entdeckt.

Und weil das, was man der Welt zu geben hat vielleicht nicht gut genug ist und man bescheiden und still wie das Veilchen im Moose sein soll, und sich keinesfalls wie eine stolze Rose aufführen darf.

Eltern werden ist nicht schwer, Eltern sein dagegen sehr.
Wir haben alle unsere Geschichte, die uns auch zu dem gemacht hat, was wir sind. Die Geschichte von anderen zu kennen ist eine tolle Sache. Denn dann können wir erkennen, was dahintersteckt, wenn uns jemand sagt, iss doch wenigstens das Fleisch oder Das ist doch noch gut, das kann man noch nehmen oder Erst die Arbeit, dann das Vergnügen oder Schuster bleib bei deinen Leisten.

Dahinter stecken oft Angst, Hunger und das pure Überleben. Dahinter stecken auch Mut, Fleiß und Bodenständigkeit.

Das Schöne am Leben ist, dass wir die meiste Zeit unseres Daseins die Möglichkeit haben, Verantwortung für uns selbst zu übernehmen und das, was unsere Eltern uns mitgegeben haben weiterzuentwickeln oder zu widerlegen.

Wir sind nicht die Gefangenen von Glaubenssätzen. Wir sind frei. Auch wenn wir manchmal von durch die Gitterstäbe schauen und erst nach einer Weile bemerken, dass wir außerhalb der Zelle sind.

Ich mache jetzt noch ein Selfie und danach den Fernseher an, und ich nehme mir fest vor, selbst dann ans Handyzu gehen, wenn die Tagesschau schon angefangen hat; oder der Tatort.

Solange du die Füße unter meinen Tisch stellst, höre ich Papa sagen, und freue mich, dass Papa seine Füße heutzutage erstmal auf das neue Laufband stellt und Mama sich an der frischen Luft bewegt.

Zum Glück sind sie nicht aus Zucker!

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