Holzliebe & Lebertran

Beim Öffnen der Flasche strömt mir ein Duft entgegen. Lebertran. Er nistet sich in den Schleimhäuten meiner Nase ein, steigt wie der beißende Rauch eines Lagerfeuers aus noch feuchtem Holz auf die nächste Ebene und platzt ins limbische System.

Im Zeitraffer und mit Zoom wabert ein Löffel aus glänzendem Edelstahl auf mich zu. Ich kneife die Augen zusammen, ziehe die schmalen Kinderschultern in Richtung Ohren und balle meine Hände zu Fäusten.

Der graue, sämige Saft klebt auf meiner Zunge fest und schmeckt widerlich nach altem Fisch, muffig, tranig, penetrant. Ich würge und muss mich fast übergeben.
Wie lange noch? Wie lange muss ich diesen ekeligen Saft noch einnehmen?

Ich bin blass und viel zu dünn. In meinem Blut sind zu wenig Eisen und zu viele weiße Blutkörperchen. Ich schreie, trete und kratze, als der Arzt die Kanüle in meine Vene rammt. Mein Blut ist dunkel und fließt mit leisem Zischen in ein Plastikröhrchen. Ich habe Todesangst. Ich will nicht, dass mir etwas aus meinem Körper gezogen und alle sechs Wochen ein Loch in meine Ader gestochen wird.

Das muss sein, schreit und schimpft Herr Doktor ungehalten, reiß dich zusammen.

Es gibt in unserer Stadt keinen Kinderarzt. Kinder müssen sich zusammenreißen und die bittere Medizin der Erwachsenen schlucken.
Meine Mutter ist übersät von hektischen Flecken und hält mich mühsam im Zaum.


Das Öl, das leicht nach Lebertran riecht, ist für alle Holzsorten geeignet, steht auf dem Etikett, besonders für die Offenporigen. Der weiche Baumwolllappen nimmt es galant auf.
Er war einmal ein T-Shirt, das im Altkleidersack gelandet war.

Eines Tages rettete ihn die Tatsache, dass ich vergessen hatte, Putzlappen zu kaufen und mich daran erinnerte, woraus die Putzlappen waren, mit denen meine Oma geputzt hat. Wenn sie geputzt hat. Alte Schlüpfer aus labbriger Baumwolle.

Ich putze nicht gerne. Wie Oma. Oma war lieber im Garten unterwegs, an der frischen Luft oder beim Kaffeekränzchen, anstatt zu putzen.

Putzen ist die Zeit, in der ich nicht schreiben kann. Putzen ist die Zeit, in der ich nicht lesen kann. Vergeudete Zeit. Geraubte Zeit.

Aber Holz zu ölen ist etwas ganz anderes als zu putzen. Holz zu ölen ist für mich wie zur Ruhe kommen, zu mir kommen, nachzudenken auf eine zutiefst sinnliche Art und Weise. Es ist ein Zeremoniell, fast heilig. Ich will es immer und immer wieder tun. Holz ölen.

Immer in Richtung Maserung. Die feinen Poren und Rillen machen sich ganz weit. Sie werden weich und geschmeidig, nehmen auf und lassen sich nähren. Ich liebe Holz. Ich bin in meinem Element.

Im Fengshui steht Holz für Leben, Vitalität und Kreativität.
Das Holzelement repräsentiert Wachstum, Neubeginn und die Jahreszeit Frühling. Ich bin ein Frühlingskind. Geboren im März.

Der ist aus einem anderen Holz geschnitzt, geht mir durch den Kopf. Jemand, der aus einem anderen Holz geschnitzt ist, ist in meiner Vorstellung ein harter Brocken, jemand, den nichts umhaut, der dasteht wie eine Eiche.

Aus welchem Holz bin ich eigentlich geschnitzt?
Birnbaum. Die Antwort ist sofort da, wie aus dem Nichts.

Google. Birnbaum ist ein gefragtes Holz im Möbelbau. Es hat eine gute Polierfähigkeit. Birnbaumholz trocknet langsam und ohne große Rissbildung. Es ist formstabil und sehr fein und dicht und weist kaum Jahresringe auf.
Im Alter bekommt es eine sehr schöne rotbraune, bernsteinartige Färbung.

Birnbaum eignet sich trotz seiner Härte sehr gut zum Schnitzen feinster Details. Schwarz gebeizt wird es als Deutsches Ebenholz bezeichnet.


Während ich mit dem öligen Baumwolltuch über den Holztisch gleite, nicht aufhören kann, das Eichenholz fast zärtlich massiere, schließe ich Frieden mit Lebertran und schlimmen Erinnerungen.

Vielleicht war es auch der Lebertran Saft, der dazu beigetragen hat, dass ich vital und kreativ mein Leben gestalten kann, kaum Jahresringe aufweise und fein und relativ formstabil in meinem Element bin.

Sagte ich schon, dass ich auf Holz abfahre? 😉

Alles Gute und Liebe und bis bald.









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