Märchen am Freitag

Es war einmal vor langer Zeit, da hingen in der Pagode eines japanischen Gartens zwei Windspiele. Das eine wusste vom anderen nicht. Doch in den Nächten, wenn die Dunkelheit die Seele wachküsst, spürten beide, dass sie verbunden sind und dass die Zeit der Begegnung noch kommen würde.

Sie waren schön, die beiden Windspiele. Das eine glänzte und strahlte in allen erdenklichen Blautönen, das andere glitzerte in allen Grüntönen, die der große Farbenmeister erschaffen hatte.

Ihre eleganten Klangkörper brachten die wunderschönsten Töne hervor. Die Menschen, die den Garten zu ihrer Zerstreuung aufsuchten, freuten sich über die beiden Windspiele und klatschten vor Vergnügen in die Hände. Die Kinder lachten fröhlich auf, wenn die Windspiele spielerisch im Luftzug tanzten.

Eines Tages entschied sich der Wind, seine sanfte Brise auffrischen zu lassen. Und da geschah es, dass sich die beiden Mobiles zum ersten Mal zart berührten.

Später erinnerten sich die alten Menschen, dass in dieser Nacht ein Funkenregen aus blauen und grünen Sternen vom japanischen Garten in den Himmel gestiegen war.

Von dem Tage an, an dem sich das blaue und das grüne Windspiel berührt hatten, erstrahlten ihre Farben noch intensiver und ihre Klänge wurden noch reiner. Es begann eine schöne und unbeschwerte Zeit mit Spiel und Tanz.

Doch dann geschah es.

Über dem japanischen Garten zogen dunkle Wolken auf. Schwarz bäumten sie sich zu bedrohlichen Himmelsungeheuern auf. Der Sturm kam, wurde zum Orkan und fegte viele Stunden über das Land. Er war so stark, dass er Bäume entwurzelte, Dächer von Häusern riss und die Wellen des Meeres zu fürchterlichen Wassermonstern wachsen ließ, die alles verschlangen, was sich ihnen in den Weg stellte.

Drei Tage und zwei Nächte tobte das Unwetter über das Land, in dem einst der japanische Garten geblüht hatte.

Auch die beiden Windspiele blieben nicht verschont. Die seidenen Fäden, die ihre Figuren und Klangkörper gehalten hatten, waren vollkommen ineinander verstickt. Einige waren sogar gerissen.
Das Wasser hatte ihre Farben ausgewaschen. Sie strahlten nicht mehr und waren nur noch ein Bild des Jammers.

Da hingen sie nun. Jedes für sich in seinem Elend. Sie konnten nicht miteinander spielen und sich nicht berühren. Der Sturm hatte sie viel zu weit voneinander entfernt.

Es herrschte Flaute, absolute Windstille und eine große Hitze setzte ein. Es wehte kein Lüftchen und kein Mensch besuchte den verwüsteten japanischen Garten. So ging das viele Wochen.

Doch dann, eines Tages, die Sonne stieg gerade über den Horizont, kam ein Gärtner des Weges, blieb an der Pagode stehen und betrachtete die beiden Mobiles mit traurigen und müden Augen.  Er erinnerte sich daran, wie schön sie einst gewesen waren und wie viel Freude sie aneinander gefunden hatten. Und wie sehr sich die Menschen an ihnen erfreut hatten, die im japanischen Garten spazieren gegangen waren.

Der Gärtner war müde und seine Hände taten ihm weh, denn er hatte viele Wochen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang in dem japanischen Garten gearbeitet. Jetzt wollte er nach Hause gehen und sich ausruhen. Doch die verzweifelten Windspiele rührten sein Herz. Also nahm er erst das eine, dann das andere von seinem Haken und betrachtete sie in aller Ruhe. Wie schön und heiter sie einmal gewesen waren, damals, vor dem großen Sturm.

Ganz vorsichtig, nur mit den Fingerspitzen berührte er die Figuren und versuchte die Fäden zu entwirren. Doch seine Finger waren von der harten Arbeit geschwollen und voller Blasen und er war es nicht gewohnt, mit so zarten Gegenständen umzugehen. Und er war so müde, dass ihm fast die Augen zufielen. Ungeduldig griff er zu seiner Schere.

Als er gerade den ersten Knoten aufschneiden wollte, stand plötzlich ein kleines Mädchen vor ihm. Sie sah ihn aus großen, dunkelgrünen Augen und mit ernstem Gesicht an. Der Gärtner hielt inne.

Ohne ein Wort zu sagen, nahm ihm das Mädchen sicher und vorsichtig das Mobile aus der Hand, das einst blau gewesen war. Sie legte es anmutig auf den Boden und begann, ganz langsam und achtsam, einen Faden nach dem anderen zu entwirren. Jede befreite Figur legte sie zur Seite, strich mit ihren zarten Kinderhänden darüber, gerade so, als wolle sie die Figur von Staub befreien und sie zu neuem Leben erwecken.

Und siehe da, wie durch ein Wunder kehrte die Farbe zurück.

Am nächsten Morgen ging der Gärtner schon sehr früh in den japanischen Garten. Nebel verhüllte die Morgenröte noch, wie der Schleier einer Braut das Gesicht verhüllt. Doch als er an der Pagode ankam, was das kleine Mädchen schon da. Sie war nicht allein. Ein Junge mit blonden Haaren und blauen Augen war bei ihr und reparierte ruhig und geduldig die Klangkörper des grünen Windspiels.

Es vergingen von nun an dreimal sieben Tage. Am Abend des einundzwanzigsten Tages, der Mond zeigte sich voll und prall, hatten die beiden Kinder ihr Werk vollbracht. Stolz und mit strahlenden Augen hielten sie dem Gärtner die Windspiele entgegen. Alle Fäden waren entwirrt, alle Knoten waren gelöst und eines strahlte in den wunderschönsten Grüntönen und das andere in allen Nuancen von Blau.

Der Gärtner faltete seine Hände vor der Brust, verbeugte sich vor den beiden Kindern und nahm die beiden Windspiele entgegen. Er hängte sie an den schönsten Platz in der Pagode. Als er sich umdrehte, um sich von den Kindern zu verabschieden, waren sie verschwunden.

Jeden Tag besuchte der Gärtner die Windspiele in der Pagode. Es entging ihm nicht, dass ihr Klang jetzt demütiger und tiefer war als einst, und dass ihre Farben einen silbernen Glanz bekommen hatten.

Der Gärtner lächelte, faltete die Hände vor der Brust und verbeugte sich jeden Tag vor den beiden Windspielen. Sein Herz öffnete sich weit und seine Seele schmunzelte bis an sein Lebensende.

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