Die Selbstvergessenheit einer Schneeflocke

Es schneit und schneit und schneit.

Als du auf die Welt gekommen bist, pflegt meine Mutter gern immer wieder zu erzählen, da hatten wir einen Meter Neuschnee. Ostersonntag 1964. Google sagt, im Raum Braunschweig Hannover für den 29. März leichten Schneeregen an. Aus Schneeregen einen Meter Neuschnee aufzutürmen, dazu gehören magische Bedingungen. Ich nehme das mal als gutes Omen.

Der Mensch, ich auch, erzählt gerne Geschichten. Und je länger sie in der Vergangenheit zurückliegen, desto dramatischer und bunter werden sie. Das ist okay, finde ich. Geschichten können wunderbar sein und uns das Herz erwärmen. Warum nicht ein bisschen ausschmücken? 

Ein Meter Neuschnee ist richtig viel. Dagegen kommt man nicht mehr an, schätze ich, da ergibt man sich am besten der Stille und der Schönheit der weißen Pracht und hegt die Hoffnung, dass die Schneeschmelze, die eines Tages zwangsläufig einsetzen wird, den Keller nicht unter Wasser setzt.

Heute habe ich zwei Stunden damit verbracht, Einfahrt und Haustür freizulegen und im Garten eine Schneise zu schippen, so eine Art Pfad der Erleichterung, damit ich mit der Hündin raus in ihre Ecke für besondere Angelegenheiten stapfen kann. Ja ich stapfe. Barfuß in meinen alten Stiefeln, denn die Socken würden ohnehin sofort nass werden, weil der Schnee so hoch liegt, dass er problemlos über den Rand des Stiefelschaftes hereinschneit.

Ich werde heute, morgen und wohl auch noch den Rest der Woche Schnee zu Wänden und Bergen auftürmen. Eigentlich mag ich Frühling und Sommer lieber als den Winter. Aber ich mag eben auch Abenteuer, Dinge, die ich nicht steuern kann, Elemente, die sich mir in den Weg stellen. Das macht mich kribbelig und fühlt sich an, als würde in mir eine Konfettibombe losgehen.

Es schneit seit mehr als 24 Stunden pausenlos. Vierzig Zentimeter mindestens und an den Stellen, wo der Wind bläst schichtet sich die Eiskristallwatte locker in doppelter Höhe.

Ich sitze am Tisch mit einem Kaffee mit Milch, mache Pause und schaue hinaus. Und ich stelle mir vor, wie es wohl ist, eine Schneeflocke zu sein. Ich übe mich im Mitgefühl für eine Schneeflocke. Was passiert, wenn ich mich mit der Flocke gemein mache?

Fallen, schweben, rieseln, liegen, bleiben. Mit fast unendlich vielen anderen Flocken zu einem großen Ganzen werden. Die Landschaft und das Leben verändern, entschleunigen, in einen anderen Rahmen setzen. Zudecken, verdecken, alles weiß machen und neue Bedingungen schaffen.

Als einzelne Schneeflocke könnte ich das niemals schaffen. Aber als Schneeflocke will ich auch gar nichts schaffen, ich will nichts. Ich falle, schwebe, riesele und bleibe liegen. Und genau genommen tue ich das, ohne ein ich zu sein. Wozu auch? Selbstvergessen, aufgehen in dem, was man tut, es machen; ohne  Kalkül.

Sich selbst vergessen. Selbstvergessenheit. What a feeling. Essenz. Braucht das Wesentliche einen Spiegel, um sich seiner Schönheit zu versichern?

Jede Schneeflocke ist ein Unikat. Eine einzigartige Schönheit. Keine Flocke sieht genau wie die andere Flocke aus. Da schneien kleine Kunstwerke einfach so herein. Selbstvergessen. Sie schneien, es schneit.

Gleich mache ich mich wieder an die Arbeit.  Schnee schippen, Schaufel für Schaufel; ich mache mich mit der Schneeflocke gemein, mitfühlend und selbstvergessen. Mehr ist nicht nötig, glaube ich, zum Leben, Lieben, Sein.

Bis bald.