Schnee & Corona

Um 5 Uhr bin ich hellwach. Ich, Langschläfer, Vielschläfer. Herz und Kopf bummern. Vielleicht macht das der Schnee.
Fräulein Smillas Gespür ist mutiert. Zu Christines Gespür für Schnee. Ich gehe zur Haustür und schaue hinaus. Es schneit nicht mehr. Ich bin enttäuscht. Das Abenteuer soll noch nicht vorbei sein. Es soll weitergehen! Es soll noch mehr schneien. Der Schnee hat mich angefixt.

Kein Wunder. Seit Monaten ist nix los. Jeden Tag Infektionszahlen, Todeszahlen, Verhackstücke in Impfdosen.

Der Schnee macht mich waghalsig, aufmüpfig, leichtsinnig. Wenn die Sinne leicht werden, fangen sie an zu tanzen und mit dem Verstand zu flirten. Auf Teufel komm raus.

Wir haben uns auf Teufel komm raus geliebt. Dann kam er und wir wussten nicht mehr weiter.
Heinz Rudolf Kunze. Dein ist mein ganzes Herz. Das groovt.

Von der Liebe zur Zeitung.
Die Zeitung ist heute wieder nicht gekommen. Smartphone, Notebook und iPad sind tolle Spielzeuge. Aber die Zeitung auf ihnen zu lesen, das ist für mich ein Sakrileg. Ich brauch’s haptisch und rituell.

Die Wintersonne geht auf und malt ein zartviolettes Bühnenbild, vor dem sich die schneeschweren Bäume und Sträucher rekeln. Als Topping setzt das Licht funkelnde Diamanten auf die Schneegebilde im Garten. Bizarr und wunderschön.

Ich muss raus, ins Dorf, einkaufen. Die Kälte zeigt, was sie kann. Ich ziehe mir die Mütze weiter über die Ohren und setze die Sonnenbrille auf. Klirrendes Glitzern! In meiner Fantasie bin ich auf einer Expedition. Die Straßen und Fußwege gleichen einer Schneewüste. Ich erklimme Dünen aus Schnee, sinke ein, weiche auf die Straße aus, schlittere zurück, um nicht von allradbetriebenen SUVs über den Haufen gefahren zu werden.

Vor den geschlossenen Geschäften türmen sich Schneewehen. Mein Weg ist ein Kletterparcours, ein Slalom, eine Herausforderung.

Der Backshop im Edeka hat keine Ware bekommen. Das Regal lückenhaft, wie ein lächelnder Mund, dem die Schneidezähne fehlen. Der Schnee hat die Lieferkette lahmgelegt.

Ich kaufe beim echten Bäcker. Der echte Bäcker ist der, der frühmorgens aufsteht und backt. Der echte Bäcker ist der, der die Torte auf Bestellung so backt, wie man sie möchte, nach Absprache und nicht so, wie die Zentrale es in bunten Bildchen präsentiert. Handwerk und Handel vor Ort. Das ist ein Wert. Wertschöpfung.

Ich nehme vier Brötchen, zwei Apfelberliner und eine Kirschtasche. Das Telefon klingelt. Die Chefin geht dran und kassiert gleichzeitig. Ja, sagt sie, das Dinkelbrot kann sie zurücklegen, nein, sagt sie streng, Quarkstollen nur donnerstags und bis um drei muss abgeholt werden. Nein, um drei machen sie zu, weil danach niemand mehr kommt.
Wir haben Schnee und Corona, sagt die Bäckerin und damit ist alles gesagt.

Beste Grüße aus der ostwestfälischen Provinz.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s