Meditation & Zeitreise


Der Gong ertönt und ich richte mich ein, ruckele mich auf Bänkchen und Decke zurecht, freue mich kurz über den neuen Teppich und darüber, wie schön er mit dem hellen Buchenholz der Meditationsbank und der Kuscheldecke aus Fleece harmoniert. Mein tägliches Ritual beginnt.

Der Knöchel schmerzt immer noch, dabei liegt der Sturz jetzt mehr als sechs Wochen zurück. Ich passe meine Haltung an, suche eine Stellung, die den Fuß entlastet. Ich merke die Verspannungen in den Schultern und das Ziehen im unteren Rücken. Der Schnee und die Folgen. Zu viel geschippt, zu wenig Pausen gemacht.

Zu spät merke ich, dass der Duft des Räucherstäbchens, das neben der Buddhafigur verglüht, den Raum zu stark erfüllt.

Ich atme ein.
Der Duft entführt mich in dem Moment, in dem ich meine Augen schließe und meine Hände auf den Oberschenkeln ablege. Ohne Räucherstäbchen wäre besser gewesen, denke ich noch, aber da bin ich schon durch Zeit und Raum geflogen und an einem anderen Ort in einer anderen Zeit gelandet.

Bei Vanilletee und Räucherstäbchen mit Sandelholzaroma hocke ich im Schneidersitz auf der dunkelbraunen Auslegware. Die Wände meines Jugendzimmers sind mit riesigen, orangefarbenen Blüten tapeziert, mein Bett ist eine Matratze, die auf dem Boden liegt. Auf dem niedrigen Tisch aus dunkel gemasertem Holzfurnier steht mein Teeservice aus blauem Ton, bemalt mit hellen Ornamenten, wie Mandalas.

Der Henkel der bauchigen Teekanne aus geflochtenem Holz ist fragil, jedes Mal, wenn ich mir Tee eingieße befürchte ich, dass er bricht und ich mir mit der heißen Flüssigkeit die Haut verbrühe.

Neben mir auf dem Boden liegt ein Buch. Kareen Zebroff, Yoga für jeden. Ich trage eine Latzhose aus dunkelrotem Cord, der linke Träger löst sich ständig aus der Metallschnalle, und rutscht mir über die Schulter.

Ich atme aus und hole mich zurück ins Hier und Jetzt, zurück durch den Atem in den Atem.

Wie viele Meditationstechniken es gibt, weiß ich nicht. Ich finde das auch unwichtig. Jede Einheit ist sowieso anders. Ich verlasse mich auf die Intuition.

Morgens gleite ich geschmeidig in die Leere, Abends lassen sich Gefühle, Grübeleien und kreative Schübe nicht bändigen. Es ist wie es ist und ich bin die immerwährende Anfängerin. Die, die dem Zauber des Neuen nicht widerstehen kann, ganz im Gegenteil sich ihm vertrauensvoll hingibt.

Vor allem dann, wenn aus Altem Neues wird, wenn das vermeintlich Bekannte und Vertraute Geheimnisse in sich trägt, die niemals in Gänze, sondern immer nur als Facetten oder Fragmente freigelegt werden, aufspringen wie Knospen in der feuchten Wärme des Frühlings, um sich in den späten Frösten der Nacht zu verschließen.

Es ist wie das Schälen einer Mandarine. Man kennt die Frucht. Man meint, sie zu kennen. Man weiß, wie sie aussieht, welche Farbe sie hat.
Man weiß aus Erfahrung, dass ihre Schale manchmal dünn und fest an der Frucht haftet und es sich beim Schälen nicht vermeiden lässt, dass man das Fruchtfleisch verletzt, dass der Saft spritzt, manchmal weit, bis ins eigene Auge, und die Finger sich klebrig weiter an dem Teilchen abarbeiten; und es sich ein anderes Mal dick und weich anfühlt, ganz leicht, und die Frucht uns zufällt, nachdem ihre Schale sich unter die Fingernägel gelegt hat.
Manchmal hat sie Kerne, viele, wenige, schmeckt süß, schmeckt säuerlich, ist trocken oder saftig.

Immer ist es eine Mandarine. Die, die wir zu kennen glauben. Immer ist es anders. Immer ist es.

Meditation lernte ich von einem Jugendpfarrer, der als katholischer Priester offen und progressiv war, der den Zeitgeist erkannte und uns Jugendliche mit moderner Musik, Feten und einem zeitverzögerten „Make Love not War“ abholte.
Er revolutionierte das angestaubte Gottesbild und mixte Altes mit Neuem. Er machte Jesus und sich selbst zum Star.
Spätestens da wurde es mir zu unecht, zu suspekt, zu viel Schnickschnack und Personenkult. Es folgten andere Einflüsse, atheistische, intellektuelle.

Hermann Hesse fällt mir ein, Stufen des Lebens und Siddharta.

Yoga habe ich mir mit dem Buch von Frau Zebroff selbst beigebracht, später Autosuggestion, positives Denken, autogenes Training; auch einigen ziemlich ekstatischen Sessions habe ich beigewohnt, mit und ohne Substanzen, die für oder gegen das Bewusstsein spielten.

Heute meditiere ich. So einfach wie möglich. Schlicht. Auf meinem neuen Teppich, das Muster wie ein Mandala, wie das auf meinem alten Teeservice.

Ich atme ein und aus. Ich bin hier und jetzt. Das allein ist schon ein feines Geschenk.
Aber ich bekomme noch eins dazu. Ein Wort, das wie ein Omen aufsteigt und mich ausfüllt.

Wohlwollen.

Ein warmes und freundliches Wort.
Ein Wort, das sich aus der Mitte heraus verströmt.  Es kommt allein.  Erst will ich es nicht. Es kommt mir ungelegen. Ich will mich nur auf meinen Atem konzentrieren. Aber das Wollen löst sich auf und verschwindet wie Morgennebel.

Wohlwollen. Wie langweilig, wie altmodisch. Kann ich nicht ein anderes Wort bekommen, bitte?
Weitersuchen! Warum? Wenn es sich findet, gefunden hat, welchen Sinn macht dann die Suche?

Wohlwollen ist ein Wort wie eine Liebe auf den zweiten Blick. Kein starrender, suchender, begehrender Blick, sondern zugewandt schauend. Wohlwollend, freundlich, selbstlos, empathisch.

Wohlwollen hat etwas Verbindendes, etwas Ewiges. Und das wünsche ich Ihnen heute und überhaupt und ganz besonders in Zeiten wie diesen.
Wohlwollend durch Räume und Zeiten; wohlwollend sich selbst und anderen gegenüber.

In diesem Sinne, bis bald und beste Grüße.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s