Schnupfen, Blues & Donuts

Die Donuts meiner Kindheit heißen Prillecken. Ich habe keine Ahnung, ob das so geschrieben wird und ob es in meiner alten Heimat noch Prillecken gibt. Könnte ich das prüfen, würde ich es lieber heute als morgen tun.

Hier gibt es sie nicht. Hier gibt es Donuts und Apfelberliner und Puddingteilchen. Berliner und Teilchen haben kein Loch in ihrer Mitte. Inseln aus Pflaumenmus und Vanillepudding glänzen süß und tropfen klebrig über meine Finger auf den Pullover, weiter bis auf die Jeans, wenn ich zu viel abbeiße. Auch wenn ich kleine Bissen nehme. Eigentlich tropft immer irgendwas Süßes, Klebriges oder Soßiges auf mein Shirt.

Donuts haben keine Inseln aus cremiger Süße. Donuts haben ein Loch in der Mitte. Hat man zwei Donuts, kann man sie sich vor die Augen halten und Brille spielen. Rosarote Brille, wenn der Zuckerguss rosa gefärbt ist.

Ich fühle mich wie das Loch im Donut. Leer. Mit gehts nicht gut. Ich leide unter einem heftigen Blues. In mir findet eine gigantische Schneeschmelze statt. Tränen, Tränen und noch mehr Tränen. Die Nase rot wie die eines Clowns, verschnupft und wund. So eine Scheiße. Ich will das nicht. Ich will nicht, dass es mir so geht, wie es mir geht.

Konfus und out of order starre ich in das Loch in meiner Mitte und frage mich, wieso es da ist. Mir geht es doch gut. Eigentlich.

Dieses Eigentlich geht mir auf die Nerven. Warum muss ich fühlen, dass es mir gut gehen muss, wenn es mir nicht gut geht. Was ist das für ein Bullshit?

Es geht mir beschissen, schlecht, und ich sehe aus wie eine gerupfte Eule. Alles in mir sträubt sich gegen diesen Zustand. So will ich nicht sein, so will ich mich nicht fühlen.

Irgendwann habe ich keine Energie mehr mich zu sträuben und so zu tun, als könne ich alles so machen wie immer, ja sogar noch eine Schippe drauflegen, weil es mir gutzugehen hat, weil ich nichts auszustehen habe.

Irgendwann sitze ich da. Ich sitze da. Mehr nicht. Und während ich bin und nicht mehr kann, wird aus dem Loch ein Lächeln.
Ein wunderschönes, warmes, mitfühlendes Lächeln. Und ich fange an zu weinen und zu schluchzen, diesmal vor Erleichterung.

Weil mir dieses bezaubernde Lächeln erlaubt, zu fühlen was ich fühle. Weil es mich daran erinnert, was Achtsamkeit heißt. Achtsamkeit filtert nicht. Achtsamkeit zeigt was ist. Achtsamkeit heißt, die Hüllen fallen zu lassen, zu spüren, zu horchen, zu schauen, was ist. Nicht, was sein sollte oder nicht sein darf. Kein Müssen im Außen. Nur Ist.

Ich fühle mich wie das Loch in einem Donut, spreche ich laut aus.
Ja, mir geht diese ganze Corona Misere total an die Substanz.
Ich leide darunter, finde das alles absurd und hoch belastend. Ich will frei sein, mich ins Auto setzen und irgendwohin fahren, um einen Kaffee zu trinken. Ich vermisse Konzerte, Theater und Kino.
Ich leide unter diesem ewigen Lockdown!
Und zwar extrem. Und das, obwohl ich weder im Einhzelhandel noch in der Pflege arbeiten muss, geschweige denn Kinder im Homeschooling zu betreuen habe. Ich leide unter der Isolation, und das als jemand, der mit introvertierter Neigung sehr gut und sehr lange allein klar kommt.

Jetzt ist die Luft raus. Ich habe es so satt und bin bröselig wie uraltes Pergament.

Mir brummt der Kopf, ich fühle mich krank, fiebrig, verschnupft und komplett erschöpft und angeschlagen; und in meiner Mitte klafft immer noch das Loch, wie der Schrei auf diesem berühmten Gemälde, von dem ich gerade nicht weiß, wer es gemalt hat. Munck?* Keine Ahnung.

Heute ist kein guter Tag, gestern war kein guter Tag und ich schreibe mal darüber. Ohne Filter.

* Das Gemälde heißt Der Schrei, es handelt sich um ein Werk in vier Varianten des norwegischen Malers Edvard Munch (gesprochen Munck) und ich freue mich sehr, darauf aufmerksam gemacht worden zu sein. Danke!