Eine fast wahre Geschichte

Der Lauf

Ende September und die Sonne brennt, als hätte sie verpeilt, dass der Hochsommer längst vorbei ist. Die Siegessäule strahlt in überirdischem Gold.

Sie kontrolliert ihre Startnummer. Die Schnürsenkel sitzen zu locker, sie zieht sie fester, rückt die Sonnenbrille zurecht und zieht sich das Käppi tiefer ins Gesicht.

Seine Hand schiebt sich in ihre. Er gibt ihr einen Kuss auf die Wange. Sie sieht geradeaus, konzentriert und abwesend zugleich.

Der Startschuss fällt.
Das wird mörderisch heiß, sagt sie zu ihm, aber wir bleiben auf 4.15, okay?
Er nickt, schweigt und schluckt trocken.

Nach drei Kilometern haben sie ihren Rhythmus gefunden und den Pacemaker mit dem gelben 4.00-Stunden-Ballon im Blick.

Du willst, dass wir uns trennen, stimmt’s? fragt er leise. Sein Atem geht zu schnell. Schweiß strömt ihm über das Gesicht. Bitte nicht, lass uns reden, bitte. Ich bin immer für dich da, ich lasse mich scheiden, okay?

Sie schaut auf die Uhr und antwortet, dass sie jetzt laufen will.

Am Straßenrand stehen klatschende Zuschauer, die Sambatrommler, die Bands. Heute ist ihr das alles lästig.
Er läuft schweigend neben ihr her. Wie ein Hund, hechelnd und bereit zur Treue bis in den Tod.

Nach einer Stunde passieren sie die 10-Kilometer-Marke und schütten alle Getränke in sich hinein, die die Helfer ihnen reichen. Iso, Wasser, gesüßter Tee.

Lass uns ein paar Schritte gehen, bittet er.

Die Art wie er es sagt, die Dringlichkeit in seiner Stimme machen sie ungeduldig, fast wütend. Sie will ihren Lauf machen und ihr Ziel in gut vier Stunden erreichen. Sein Selbstmitleid und sein Gejammer gehen ihr auf die Nerven.

Trotzdem hält sie an, wischt sich den Schweiß von der Stirn und nimmt ihre Sonnenbrille kurz ab.

Er ist blass und faltig. Die schütteren Haare kleben in Strähnen an seinem Kopf. Sie sieht, dass es ihm nicht gut geht und es ist ihr egal.

Wir werden zu lahm, sagt sie, lass uns einen Schritt zulegen.

Sie beschleunigen und halten ihr Tempo über mehrere Kilometer. Mit jedem Schritt sackt er mehr in sich zusammen.
Er leidet und sie sieht es. Seine Verantwortung, beruhigt sie sich selbst, er kann ja abbrechen. Was hat das mit mir zu tun?

Sie hatte sich an ihm bekiffen wollen. Keine emotionale Anstrengung. Keine bedrohliche Nähe, keine Verbindlichkeit. Nur nehmen, konsumieren. Sie hatte Lust auf ihn, weil er verheiratet war und ihren Jagdtrieb weckte. Sexuelle Entgleisungen. Er wollte immer mehr, sie hatte ihn in der Hand wie eine Marionette. Sie hielt die Fäden und es machte ihr Spaß.

Es war ein Rausch der Macht.

Er hatte ihr gut getan, anfangs, kurz, mit seinem Verständnis, seiner ruhigen Art, dann fing er an, langweilig zu werden. Er klammerte, erfüllte ihr jeden Wunsch. Und ihr Widerwille nahm zu.
Manchmal ekelte sie seine Anhänglichkeit.

Als sie die 30-Kilometer-Marke nach mehr als drei Stunden durchlaufen, haben sie Zeit verloren.
Dabei fängt es jetzt erst an, denkt sie, ein Marathon beginnt nach 32 Kilometern. Vorher ist es ein Warmlaufen.

Ihre Augen brennen vom Schweiß und sie spürt jeden Knochen und jeden schmerzenden Muskel in ihrem Körper. Sie hasst die Demut, die ihr Körper ihr auferlegt. Er soll laufen, verdammt, laufen und funktionieren. Er soll perfekt sein.

Dann geschieht alles nur noch in Zeitlupe.

Sie sehen sich im Laufen an, ohne das Tempo zu drosseln. Es ist nur ein Wimpernschlag, der Bruchteil einer Sekunde. Hallo, du Arschbombe, schreit der kleine Rotzlöffel und rennt unvermittelt über die Straße. Sie weicht aus, strauchelt und fängt sich wieder. Er stürzt zu Boden und bleibt mit geschlossenen Augen liegen.

Die Sanitäter sind innerhalb von zwei Minuten da, versorgen ihn und legen ihm eine Infusion. Er öffnet die Augen, sucht sie, sieht sie an und flüstert, Nimm meine Schuhe mit. Als Andenken. Ich liebe dich. Wirklich.

Dann schließt er die Augen und schweigt.

Sie bringen ihn im Laufschritt zum Krankenwagen. Das Martinshorn ertönt, schwillt an, wird leiser, verebbt.

Seine Schuhe stehen verwaist am Straßenrand. Sie sind blutig. Sie nimmt sie und läuft.
Nach 4 Stunden und 28 Minuten kommt sie ins Ziel. Sie lässt die Schuhe fallen, vergisst sie und ihn, nimmt ihre Medaille entgegen, trinkt, duscht, fährt ins Hotel, checkt aus und macht sich auf den Weg nach Hause.

Sechs Wochen später durchbricht eine Baumwurzel den eiskalten Erdboden just in dem Moment, in dem sie ihren Laufschuh auf die Stelle setzt.  Ihre Schuhspitze stockt, sie fällt, sie fliegt, sie fühlt sich frei, fast heiter. Sie will, dass dieser Zustand bleibt. Härte und Widersprüche lösen sich auf. Das egoistische Kriegsgeschrei verstummt. Ruhe fließt durch ihren Körper, Reinheit in ihre unbewohnte Seele.

Sie prallt mit dem Gesicht hart auf den gefrorenen Waldboden. Platt und bewegungslos liegt sie da. Der Wald ist still. Totenstill.

Drei Wochen später erwacht sie aus dem künstlichen Koma. Er sitzt an ihrem Bett und hält ihre Hand. Sie erkennt ihn nicht. Auch später, als er sie im Rollstuhl durch den Park schiebt und sie die ersten gemeinsamen Spaziergänge unternehmen, bleibt jede Erinnerung an ihn verschollen.

Am letzten Sonntag im April erwartet sie ihn im Ziel. Hermanns Lauf. Er beugt sich zu ihr herunter und küsst sie. Ein Blitz der Erinnerung prallt an ihr ab. Er schiebt sie hinaus aus der Menschenmenge. Endlich gehört sie ihm.

Sie lächelt schief. Das ist alles, was sie noch kann.


So oder so ähnlich ist es gewesen. Diese kleine Erzählung beruht auf einer wahren Begebenheit.
Damals war ich selbst Läuferin und startete beim Berlin Marathon. Es war wirklich sehr heiß an dem Tag und ich kam nach 5 Stunden und sieben Minuten ins Ziel.

Während der Zeit zwischen 2005 und 2018, in der ich in der Läuferszene unterwegs war, erlebte ich viele Episoden, Schönes und Skurriles und auch die Schattenseiten von Wettkampf, Konkurrenz und Verbissenheit.
Als sehr langsame Läuferin war ich nie mittendrin, sondern nur Zaungast. Eine Zielzeit wie die in der Geschichte, 4 Stunden, war zu der Zeit immer mein Traum.
Warum? Heute weiß ich es nicht mehr.

Aber ich war Zeugin einer Geschichte wie der obigen.

Im wirklichen Leben gab es kein Happy End oder doch?

Denn wer will schon darüber entscheiden, was ein glückliches Ende ist und was nicht? Protagonistin und Protagonist leben noch, laufen keine langen Kanten mehr und haben inzwischen, so munkelt man, neue Partner mit denen sie sich bester Gesundheit erfreuen.




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